Geher

04:24 min | 11.08.2017 | Das Erste | Autor/in: Sven Kaulbars

Geht's noch? Geher gehen durch die Hölle

Reden wir übers Gehen, reden wir nicht übers Laufen. Schon erst recht nicht von Müßiggang. Geher gehen an Grenzen und durch die Hölle.

50 km Gehen

Gehern droht Streichung trotz eines Novums

Die 50 km Gehen sind die längste Distanz in der Leichtathletik und aktuell einmal mehr von der Streichung aus Olympia- und WM-Programm bedroht. Und das trotz einer Premiere in London: Erstmals waren auch Frauen bei der WM dabei.

Die 50 km Gehen übertreffen alle anderen Leichtathletik-Wettkämpfe an Distanz und Dauer. Der Aufwand für die Sportler, die Geschwindigkeiten von rund 15 Kilometern pro Stunde erreichen, ist immens, die Anerkennung oftmals nicht entsprechend. 2016 durften bei der Team-WM erstmals auch Frauen offiziell an einem Wettkampf über 50 km Gehen teilnehmen, am Ende war es eine Starterin. Die letzte Männer-Bastion in der Leichtathletik war damit gefallen.

IAAF-Präsident Sebastian Coe © picture alliance / dpa Fotograf: Lisi Niesner

Not amused: IAAF-Präsident Sebastian Coe.

Bei der WM in London waren im Bemühen um Gleichberechtigung sieben Geherinnen über die lange Distanz am Start. Dass es in der britischen Metropole eine 48. Entscheidung geben wird, verkündete der Weltverband IAAF allerdings erst zwölf Tage vor Beginn der Titelkämpfe, die Geherinnen wurden kurzerhand in den Wettbewerb ihrer männlichen Pendants implementiert. IAAF-Präsident Sebastian Coe, sonst in der öffentlichen Ansprache ein großer Diplomat, war der Unmut über jene Entscheidung in jedem Wort seiner Stellungnahme anzumerken: "Wir müssen einräumen, dass die Last-Minute-Entscheidung für die Einführung dieses Wettbewerbs in London auf die Forderung einer kleinen Gruppe von Athleten zurückzuführen ist", sagte der Brite. In London solle zumindest einmal überprüft werden, ob es eine "hinreichende Zahl an interessierten Athleten und Verbänden" gebe.

Ungewisse Zukunft

Die Premiere steht indes im Kontrast zur aktuell einmal mehr drohenden Streichung der Disziplin aus dem Wettkampf-Programm; auch, weil sie wegen ihrer Dauer von mehr als dreieinhalb Stunden als wenig zuschauergerecht gilt. Seinen jüngsten Vorschlag, die 50 km Gehen ab 2019 aus dem Programm der Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele zu nehmen, hat der Weltverband allerdings auf Druck der Athleten und einiger Verbände vorerst zurückgezogen. Man werde sein Programm nicht innerhalb des Olympiazyklus zusammenstreichen, so die IAAF. Nach Tokio 2020 könnte es aber zur Umsetzung der Pläne kommen. Hintergrund ist, dass das IOC das Olympia-Programm in den kommenden Jahren anpassen will, um für jüngere Zielgruppen attraktiver zu werden.

Strenges Regelwerk

Die oft belächelte, eigenartig wirkende Koordination der Geher ist auf das strenge Regelwerk zurückzuführen: Ein Teil des Fußes muss ständig Bodenkontakt haben, zudem darf das vorschwingende Bein ab dem Moment des Bodenkontaktes nicht mehr gebeugt werden. So kommt es zu Hüftschwung und Oberkörperdrehung bei den Athleten, deren Ausdauer-, Energie- und Willensleistung aber nicht hoch genug geschätzt werden kann. Über die Einhaltung der Regeln wachen Gehrichter, die einen Aktiven nach vorheriger Verwarnung mit der dritten Roten Karte disqualifizieren können.

Korzeniowski dreimal in Folge Olympiasieger

Robert Korzeniowski © Picture Alliance/dpa

Dreimal in Folge Olympiasieger: Robert Korzeniowski.

Zu den Phänomenen in dieser Disziplin zählt Robert Korzeniowski. Doch auch der überragende Pole musste den Widrigkeiten der längsten Leichtathletik-Distanz Tribut zollen, bei der zum Teil umstrittene Disqualifikationen immer wieder für Wirbel sorgen. Korzeniowski war bei den Olympischen Spielen 1992 bereits auf der Schlussrunde im Stadion, als er aus dem Rennen genommen wurde.

Vier Jahre später in Atlanta holte er sich dann das entgangene Olympia-Gold und wiederholte den Sieg bei den Jahrtausend-Spielen in Sydney 2000. Downunder gewann der Pole zudem über 20 km und holte damit als erster Athlet das "Double" aus Siegen in beiden Geher-Wettkämpfen bei derselben Meisterschaft. Im Jahr darauf wurde der Diplom-Sportlehrer in Edmonton ebenso Weltmeister wie 2003 in Paris - dort in damaliger Weltbestzeit von 3:36:03 Stunden. 2004 in Athen bestieg Korzeniowski mit seinem dritten Olympia-Sieg in Folge endgültig den Geher-Olymp - und trat als einer der populärsten Sport-Stars seines Heimatlandes zurück. Jahrelang beherrschten die russischen Geher die Szene, verloren wegen Dopings jedoch zahlreiche Titel und Medaillen - darunter Sergej Kirdjapkin sein Olympia-Gold von London 2012.

Erfolgreiche deutsche Geher-Tradition

Deutsche Geher gehörten Jahrzehnte der Weltspitze an. Paul Sievert erzielte bei den deutschen Meisterschaften 1924 mit 4:34:03 Stunden einen Weltrekord, der 26 Jahre und neun Monate bestand hatte. Keine andere Bestmarke hielt länger. Der Sachse Christoph Höhne leitete 1968 in Mexico-City die "goldene Ära" der drei deutschen Olympiasieger ein. Bernd Kannenberg (Fürth) bestieg 1972 in München den Olympia-Thron. Nachdem 1976 der 50-km-Wettbewerb aus dem olympischen Programm genommen worden war, setzte Hartwig Gauder 1980 in Moskau die goldene Geher-Tradition bei den Spielen fort. Dem Erfurter gelang in seinem erst vierten 50-km-Wettkampf der Olympiasieg; acht Jahre später sicherte er sich er in Seoul noch einmal Bronze.

WM-Bronze für Erm

Ronald Weigel ist der Premieren-Weltmeister über die lange Geher-Distanz. Der Potsdamer holt sich neben dem WM-Gold von 1983 in Helsinki auch eine Silbermedaille 1987 in Rom - mit 37 Sekunden Rückstand auf seinen Nachfolger Gauder. Die dann folgende Durststrecke des DLV beendete der Potsdamer Andreas Erm 2003 in Paris mit WM-Bronze.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live | 13.08.2017 | 21:45 Uhr

Stand: 13.08.17 19:14 Uhr

Titelverteidiger

Matej Toth (Slowakei) 3:40:32 Std.

Rekorde

WR: Yohann Diniz (Frankreich) 3:32:33 Std.
ER: Yohann Diniz (Frankreich) 3:32:33
DR: Andreas Erm (Potsdam) 3:37:46

Termine und Teilnehmer

Männer - 50 km Gehen
Datum Zeit Runde
13.08. 08:45 Uhr Rennen