Speerwerferin Christina Obergföll © picture alliance / dpa Fotograf: Bernd Thissen

01:41 min | 16.08.2013 | Das Erste

Der Speer verzeiht keine Fehler

Den Speer zum Fliegen zu bringen ist eine Kunst. Gefühl, Dynamik und ein präziser Bewegungsablauf sind der Weg zum Erfolg.

Speerwurf

Zu große Weiten unerwünscht

Das Speerwerfen der Männer dominierte lange der Tscheche Jan Zelezny. Thomas Röhler krönte sich 2016 zum Olympiasieger. Steffi Nerius und Christina Obergföll schrieben ganz besondere WM-Geschichten.

Aus der einstigen Jagd- und Kampfmethode entwickelte sich bereits in der Antike eine olympische Sportart; wobei unklar ist, ob der Wettkampf als Ziel- oder Weitwurf durchgeführt wurde. Seinerzeit verwandten die Athleten Speere aus massivem Olivenholz, die nur halb so viel wogen wie die 800-g-Speere der Skandinavier im 19. Jahrhundert, als das Wurfgerät zum Symbol der nationalen Unabhängigkeit der Finnen avancierte. In Deutschland entwickelte sich das sportliche Speerwerfen um 1890. Seit 1907 ist der 800-g-Speer nach schwedischem Vorbild das Maß der Dinge. Nur bei den Frauen liegt das Gewicht des Geräts nicht mehr wie ursprünglich bei 800, sondern bei 600 g. Im Wettkampf haben die Athleten - wie bei allen Wurfdisziplinen - drei Versuche, die besten Acht weitere drei. Der Wurf ist nur gültig, wenn die Spitze des Speers vor den anderen Teilen auf den Boden trifft.

"Held-Zigarre" der große Wurf

Schweden und Finnen dominierten die Disziplin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ersetzten frühere beidhändige Wurftechniken durch einhändige Würfe aus dem Lauf heraus. 1953 gab es eine einschneidende Technik-Änderung: Der US-Amerikaner Franklin "Bud" Held erzielte mit einem von seinem Bruder entwickelten Hohlspeer ("Held-Zigarre") größere Weiten als je zuvor (80,41 m). Durch die um rund ein Viertel vergrößerte Oberfläche und daher bessere Aerodynamik flog das Gerät weiter und landete erstmals fast horizontal. Nach langen Diskussionen sah der Weltverband IAAF den Speer als regelkonform an. Helds ein Jahr später produzierter Metallspeer besaß sogar noch bessere Flugeigenschaften. Zwischenzeitliche Rotationswürfe ähnlich wie beim Diskuswerfen verbot die IAAF jedoch, weil Weiten über 100 m die Kapazitäten der Stadien sprengten.

Veränderte Konstruktion des Speers

Der Tscheche Jan Zelezny wird in Sydney zum dritten Mal Olympiasieger im Speerwerfen. © picture-alliance / dpa Fotograf: Eric Feferberg

Titel am laufenden Band: Jan Zelezny.

Als der Potsdamer Uwe Hohn 1984 mit 104,80 m erstmals mit herkömmlicher Wurftechnik die 100-m-Marke übertraf, änderte der Weltverband die Regeln zur Konstruktion des Speers: Ein um vier Zentimeter nach vorn verlagerter Schwerpunkt sowie eine Verringerung der Speeroberfläche sorgten für kürzere Flüge und brachten als Nebeneffekt genauere Abdrücke bei der Landung durch das Aufkommen mit der Spitze. Die offizielle Einführung des Geräts erfolgte am 1. April 1986, am Jahresende stellte der Leverkusener Klaus Tafelmeier den ersten Weltrekord (85,74) mit dem neuen Speer auf.

Im Anschluss verbesserte Jan Zelezny, der als bester Werfer aller Zeiten gilt, die Bestmarke in Serie. Der bis heute gültige Weltrekord des dreimaligen Weltmeisters (1993, 1995, 2001) von 98,48 m hat seit 1996 Bestand. Während sich die Deutschen Raymond Hecht und Boris Henry mit EM- oder WM-Bronze sowie Platzierungen knapp hinter den Medaillenrängen begnügen mussten, räumte das tschechische Ausnahmetalent von 1992 bis 2001 bei (fast) allen großen Meisterschaften den Titel ab. Von 1992 an wurde Zelezny dreimal in Folge Olympiasieger, nachdem er 1988 in Seoul bereits Silber gewonnen hatte.

Röhler und Vetter schreiben Geschichte

Jubel beim deutschen Speerwerfer Thomas Röhler © dpa - Bildfunk Fotograf: Michael Kappeler

Olympiasieger 2016: Thomas Röhler.

Im Anschluss übernahm Andreas Thorkildsen mit zwei Olympiasiegen (2004 und 2008) und dem WM-Titelgewinn 2009 in Berlin das Zepter. Die Vorherrschaft des Norwegers beendete ein Deutscher: Bei seinem EM-Silbermedaillengewinn 2010 in Barcelona landete Matthias de Zordo noch hinter Thorkildsen. Im Jahr darauf sicherte sich der Linkshänder bei der WM in Daegu Rang eins vor dem Europameister.

Aktuell schreiben Thomas Röhler und Johannes Vetter Speerwurf-Geschichte: Der Jenaer Röhler gewann 2016 in Rio als erster Deutscher seit dem Franken Klaus Wolfermann (1972 in München) Olympia-Gold und erzielte im Folgejahr mit 93,90 m eine nationale Bestmarke. Den bisherigen deutschen Rekord von Hecht aus dem Jahr 1995 steigerte er damit um mehr als einen Meter. Rund zwei Monate später war sein Rekordwurf allerdings schon wieder überholt: Vetter kam im Juli 2017 in Luzern auf sensationelle 94,44 m und stieg damit zur Nummer zwei der ewigen Bestenliste auf. Weiter als der Offenburger warf seit der Einführung des neuen Speers nur Zelezny 21 Jahre zuvor bei seinem Weltrekord.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live | 13.08.2017 | 21:45 Uhr

Stand: 12.07.17 10:45 Uhr

Titelverteidiger

Männer:
Julius Yego (Kenia) 92,72 m (WL)
Frauen:
Katharina Molitor (Deutschland) 67,69 m (WL)

Rekorde

Männer:
WR: Jan Zelezny (Tschechien) 98,48 m
ER: Jan Zelezny (Tschechien) 98,48
DR: Johannes Vetter (Offenburg) 94,44
Frauen:
WR: Barbora Spotakova (Tschechien) 72,28
ER: Barbora Spotakova (Tschechien) 72,28
DR: Christina Obergföll (Offenburg) 70,20

Termine und Teilnehmer

Frauen - Speerwurf
Datum Zeit Runde
06.08. 20:05 Uhr Qualifikation, Gruppe A
06.08. 21:30 Uhr Qualifikation, Gruppe B
08.08. 20:20 Uhr Finale
Männer - Speerwurf
Datum Zeit Runde
10.08. 20:05 Uhr Qualifikation, Gruppe A
10.08. 21:35 Uhr Qualifikation, Gruppe B
12.08. 21:15 Uhr Finale