Läuferinnen während des Marathons © dpa - Bildfunk Fotograf: Yuri Kochetkov

04:01 min | 18.08.2013 | Das Erste

Moskau 2013: Viele Top-Leistungen, aber kaum Zuschauer

Bolt schreibt einmal mehr Geschichte, Harting, Obergföll und Co. lassen das DLV-Team jubeln, aber die Rängen bleiben oft leer: eine Bilanz der Leichtathletik-WM von Moskau 2013.

WM-Geschichte

2013: DLV-Team glänzt mit "Mannschaft der Zukunft"

Die deutschen Leichtathleten trumpften 2013 in Moskau groß auf. Die WM-Bilanz fiel mit viermal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze glänzend aus. Usain Bolt krönte sich bei den 14. Welt-Titelkämpfen zum erfolgreichsten WM-Athleten aller Zeiten, die russischen Gastgeber ließen Wünsche offen.

Die Spitzensportler und Hoffnungsträger des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) setzten bei der WM im nacholympischen "Übergangsjahr" gleich reihenweise Glanzpunkte und trugen sich in die Geschichtsbücher ein. So wie Raphael Holzdeppe. Der Youngster düpierte bei seiner imposanten Flug-Show in Moskau den französischen Favoriten Renaud Lavillenie und avancierte damit zum ersten deutschen Stabhochsprung-Weltmeister. Historisches gelang auch David Storl. Das junge Jahrhunderttalent wiederholte nach instabilen Leistungen im Vorfeld seinen Triumph von Daegu 2011 und gewann mit einer abgebrühten Vorstellung als erster deutscher Kugelstoßer das zweite WM-Gold in Folge. "Das ist einfach ein Wettkampf-Typ", lobte Diskus-Olympiasieger Robert Harting, der selbst seine Ausnahmestellung eindrucksvoll unter Beweis stellte: Der "Arm der Vergeltung", wie es der Berliner selbst formulierte, packte trotz erheblicher Rückenschmerzen einen 69,11-Meter-Wurf aus und machte damit den WM-Hattrick perfekt - hart, härter, Harting!

Obergföll gewinnt Gold und behält ihren Namen

Christina Obergföll feierte mit ihrem zukünftigem Mann Boris Henry den WM-Titel. © dpa-bildfunk Fotograf: Bernd Thissen

Erst WM-Gold, dann Hochzeit: Speerwerferin Christina Obergföll und Trainer Boris Henry.

Für den emotionalen Schlusspunkt sorgte aus deutscher Sicht Speerwerferin Christina Obergföll: Die Offenburgerin gewann nach fünfmal Silber bei großen Meisterschaften nicht nur ihr erstes großes Gold, sondern auch eine Wette: Ihr Lebensgefährte und Trainer, Ex-Speerwerfer Boris Henry, musste bei der folgenden Hochzeit den Familiennamen der Weltmeisterin annehmen. Platz zwei und damit das erste deutsche WM-Edelmetall im Zehnkampf seit 16 Jahren gab es für den überragenden Michael Schrader, der nach kummervollen Jahren voller Verletzungen den Wettkampf seines Lebens bestritt und mit persönlicher Bestleistung von 8.670 Punkten Vize-Weltmeister wurde. In die Phalanx der Werfer brach außerdem Björn Otto ein. Der deutsche Rekordhalter holte bei Holzdeppes Geschichtsstunde Bronze und machte den Triumph der deutschen Stabhochspringer perfekt.

Nur wenige Enttäuschte

Enttäuschungen liegen in der Natur des Hochleistungssports, ihrer gab es wenige. Das russische Roulette traf diesmal die deutschen Hammerwerferinnen: Weder die Olympia-Dritte Betty Heidler noch Kathrin Klaas, in London immerhin Fünfte, kamen über die Qualifikation hinaus. Ein Hammer; ganz besonders im Fall von Weltrekordlerin Heidler, die eine Medaille fest eingeplant haben dürfte. Auch Zehnkämpfer Pascal Behrenbruch, der als Europameister und einziger Weltjahresbester im DLV-Team nach Moskau gereist war, blieb als Elfter weit hinter seinen Erwartungen zurück. Eine sehr gute Leistung zeigte Silke Spiegelburg, dennoch flossen bei der Leverkusener Stabhochspringerin einmal mehr Tränen: Zum fünften Mal schrammte sie bei einem internationalen Großevent an Edelmetall vorbei. Wie es ohnehin aus deutscher Sicht eine WM der knappen Entscheidungen war: Auch für Siebenkämpferin Claudia Rath, die Diskuswerfer Nadine Müller und Martin Wierig, Speerwerferin Linda Stahl sowie die Sprintstaffeln, die ebenfalls allesamt Vierte wurden, war Bronze zum Greifen nah. Weitspringer Christian Reif fehlten als Fünftem fünf Zentimeter zu Rang drei.

Viermal Gold als "Sahnehäubchen"

Die Bilanz des DLV fiel dennoch überaus positiv aus. "Wir fahren mehr als zufrieden nach Hause. Und viermal Gold ist das Sahnehäubchen", resümierte Verbandspräsident Clemens Prokop. Mit vier Titeln, zweimal Silber und einmal Bronze lag der DLV im Bereich der vergangenen Großereignisse. Bei der WM 2011 in Daegu hatte es ebenfalls sieben Medaillen (3-3-1) gegeben, bei Olympia 2012 in London sogar acht (1-4-3) - allerdings mit deutlich weniger ersten Plätzen. Soviel Gold gab es zuletzt bei der WM 1999. Zudem erreichten zwei Dutzend Athleten immerhin einen Platz unter den Top Zwölf, rund 80 Prozent der DLV-Starter konnten in Moskau ihre Bestform zeigen oder waren sogar besser.

Kader-Umbruch erfolgreich eingeleitet

"Die Neuformierung der Nationalmannschaft ist erfolgreich eingeleitet, junge Athleten haben wichtige Erfahrungen sammeln können", bilanzierte DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen. Die im Durchschnitt 25,1 Jahre junge deutsche Mannschaft hatte allein 15 U23-Talente mit dabei. Athleten wie Homiyu Tesfaye, der als erster Deutscher seit 16 Jahren das 1.500-m-Finale bei einer WM erreichte und starker Fünfter wurde, die Weitspringerinnen Lena Malkus und Malaika Mihambo sowie Christoph Harting, der Bruder von Diskus-König Robert, machten nachdrücklich auf sich aufmerksam.

Zehn WM-Medaillen: Bolt überflügelt Lewis

Jamaikas Usain Bolt schmeißt seinen Schuh ins Publikum. © picture alliance / dpa Fotograf: Kerim Okten

Krönte sich zum erfolgreichsten WM-Athleten aller Zeiten: Usain Bolt.

Das machte einmal mehr auch Usain Bolt. Mit dreimal Gold in der russischen Metropole stockte der Jamaikaner sein Medaillenkonto bei Weltmeisterschaften auf nunmehr achtmal Gold und zweimal Silber auf und löste mit gerade einmal 26 Jahren US-Star Carl Lewis als erfolgreichsten Leichtathleten der WM-Geschichte ab. Den großen Hype um den Jamaikaner gab es bei dieser WM, die als vierte Titelkämpfe der Geschichte ohne Weltrekord blieb, indes nicht: Die russischen Fans, die allzu häufig nur spärlich die Reihen im Luschniki-Stadion füllten, ließen sich in ihrer Begeisterung vornehmlich vom Patriotismus lenken.

Provokativer Kuss auf dem Podest

In den Genuss überbordender Begeisterungsstürme kam beim Gewinn ihres insgesamt dritten WM-Titels Jelena Issinbajewa. International eckte die Stabhochsprung-Ikone aber mit ihren anschließenden Äußerungen zum russischen Anti-Homosexuellen-Gesetz an, das sie vehement verteidigte. Das ist ihr gutes Recht. Den Idealen der olympischen Bewegung entspricht das aber nicht. Für den eindrucksvollsten Protest gegen das umstrittene Gesetz sorgten ausgerechnet zwei russische Weltmeisterinnen: Bei der Siegerehrung für die 4x400-m-Staffel küssten sich Tatjana Firowa und Xenija Ryschowa provokativ auf den Mund.

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Stand: 19.06.17 10:18 Uhr