Rico Freimuth, Dominik Distelberger, Kevin Mayer und Kai Kazmirek (v.l.) © picture alliance / Heikki Saukkomaa/Lehtikuva/dpa Fotograf: Heikki Saukkomaa

02:52 min | 12.08.2017 | Das Erste

1.500 m: DLV-Duo macht eine Feier mit Mayer

Rico Freimuth und Kai Kazmirek haben den WM-Zehnkampf in London auf den Podestplätzen zwei und drei beendet. Neuer Weltmeister wurde nach einer Topleistung der Franzose Kevin Mayer.

Busemanns WM-Kolumne

Rico und Kai, das war wirklich Weltklasse!

von Frank Busemann

Die deutsche Zwischenbilanz war bis zum vorletzten WM-Tag im London alles andere als glänzend. Da wurde es höchste Zeit, dass mit Rico Freimuth und Kai Kazmirek zwei Zehnkämpfer auf den Plan traten - und wie angekündigt nach Edelmetall griffen. Frank Busemann, selbst Bronzemedaillengewinner bei der WM 1997 in Athen, ist vom Auftritt der "Könige der Athleten" nachhaltig beeindruckt.

Großen Worten folgten großen Taten. Zum Glück. Die Angriffsrhetorik eines Rico Freimuth hätte jeden anderen Athleten an den Rande des Wahnsinns gebracht. Hat es ja auch. So lange der Austeilende nicht selbst das Opfer wird und am zunehmenden Druck zugrunde geht und der verbale Schlag nur den Gegner nervös macht, ist alles gut.

Doch der Reihe nach. Freimuth als Weltjahresbester musste liefern - und wollte das auch. Mit voller Hose ist gut stinken. Das machte er unmissverständlich klar. Kai Kazmirek als Olympia-Vierter und Weltjahressiebter war nach einem Bänderriss früh genug wieder fit geworden und in Lauerstellung. Doch Vize-Weltmeister Damian Warner und Olympia-Vize Kevin Mayer waren nach dem Rücktritt von Weltrekordler Ashton Eaton in der Bringschuld.

Gefahrenquellen ohne Ende

Ergebnisse

Leichtathletik, Zehnkampf, Männer, Endstand nach 10. Disziplin

Gold Flagge Frankreich FRA Kevin Mayer
Silber Flagge Deutschland GER Rico Freimuth
Bronze Flagge Deutschland GER Kai Kazmirek
4. Flagge Estland EST Janek Öiglane
5. Flagge Kanada CAN Damian Warner

Ein WM-Zehnkampf hat wie immer seine eigenen Gesetze. Zehn Disziplinen mit jeweils gefühlten zehn Gefahrenquellen, das macht in der Summe 100. 100 Prozent im Zehnkampf geht also kaum. Mit 35 Athleten begann der Wettkampf, unterwegs schwächelte der eine oder andere. Damian Warner hatte die Kackeritis, Trey Hardee stürzte, Ilja Schkurenew verletzte sich, Lindon Victor drei Ungültige, Leonel Suarez kaputt. Was für ein Gemetzel. Mathias Brugger war leider auch dabei, Anfangshöhe im Hochsprung mit dem guten, wegen Verletzungsproblemen wechselte er auf das andere Bein und musste dann aufgeben. 21 erreichten das Ziel. Der ganz normale Zehnkampf-Wahnsinn eben.

Kevin Mayer macht es richtig spannend

Der französische Zehnkämpfer Kevin Mayer beim Stabhochsprung © dpa - Bildfunk Fotograf: Bernd Thissen

Kevin Mayer beim Stabhochsprung - alleine diese Show war schon das Eintrittsgeld wert.

Und die Einstiege waren so verheißungsvoll, dass der erste kleine Dämpfer beim Kugelstoßen kam. Bis auf Mayer. Der machte ohne Vorleistung die Arbeit eines Champions. Aber am Ende der ersten Tages zeichnete sich ab, dass Freimuth und Kazmirek Wort hielten. Doch an eine Doppelmedaille glaubte ich nicht.

Wir hatten noch fünf mal zehn Chancen für Fehler vor uns. Einer würde bestimmt noch Straucheln. Vielleicht sogar Mayer? Hätte der nach dem Diskuswerfen einen Erdnussflip mehr gegessen, wäre der Stabhochsprung der Superflop geworden. Bei sechs Sprüngen nur einen gültigen Versuch hinzubekommen, muss man erst mal schaffen. Auch wenn er bei 5,10 Meter in ungefähr 5,50 Meter über die Latte flog, schrammelte das gestählte Bäuchlein haarscharf an der Latte vorbei. Stabhochsprung ist eine dreidimensionale Angelegenheit. Und der Kopf fährt Achterbahn. Nach seinem gültigen Versuch sprang er von der Matte, als wenn er sich soeben auf 8,50 Meter verflogen hätte. Der war zwei Tage "on fire".

Der Weg ins Ziel ist ausgeschildert

Der Dreikampf zwischen den späteren Medaillengewinnern kristallisierte sich immer mehr heraus und am Ende ging es - böse ausgedrückt - um bürokratische Ergebnisverwaltung. Nach vorn unten hinten war bei allen so viel Luft, dass die Feier schon nach neun Disziplinen hätte starten können. Dabei würde man sich aber ganz schnell verzetteln. Spätestens seit dem 3.000-Meter-Hindernis-Finale wissen wir, dass man sich sogar auf der Bahn verlaufen kann. Ey, der Weg ist ausgeschildert! Und die verläuft sich. Tss, also Obacht. Die Zehnkämpfer hatten also noch ein letztes Mal mindestens zehn Gefahren vor sich. Und sie liefen trotzdem schnell und aufmerksam. Sehr gut!

In London wurde Geschichte geschrieben

Frank Busemann bei der WM 1997 © imago/Kosecki

Bronze 1997 in Athen: Frank Busemann kennt das Gefühl, WM-Edelmetall zu gewinnen.

Rico als Vizeweltmeister und Kai als Bronzemedaillengewinner schaffen etwas Historisches, was es in der Form vor ziemlich genau 34 Jahren (vierunddreißig!) schon mal gegeben hat. Wow! Weltklasse! Ach nein, Freimuth sagte im Vorfeld, dass es doch nur so ein dusseliger Wettkampf sei, der so heißt. Er war auf Krawall gebürstet. Nein, Rico, der heißt nicht nur so, der war es auch! Und ihr wart auch so! Weltklasse! Das kann man nur bei richtigen Wettkämpfen. Und das sind eben Weltmeisterschaften. Sonst hätte ich ja auch mitgemacht. Hätte für Euch nichts verändert, aber die Gegner in London wollten Euch echt an die Medaillen.

"Darüber macht man keine Scherze"

Und dann war Freimuth auch wieder handzahm. Fast. Der Spannungsaufbau hatte funktioniert. Und jetzt widmete er seine Medaille seinem "Buddy" Michael Schrader. Zwischen die beiden passt kein Blatt. Auf einmal wurde er ernst, was Norbert König kaum glauben konnte. "Ist scheinbar ernst gemeint!", grinste Schrader. "Darüber macht man keine Scherze", bestätigte der Vizekönig der Athleten. So ist es. Well done!

P.S.: Auf der obligatorischen Ehrenrunde zogen alle Athleten blank. Das sah ein bisschen aus wie der Endkampf um den Bodybuilding-Bezirksmeisterschaft im Bantam-Gewicht, aber diese Performance am Schluss zeigt einmal mehr den Zusammenhalt der Zehnkampffamilie. Zusammen gehen sie durch diese zwei Tage und kreieren ein Erlebnis, das verbindet.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 13.08.2017 | 12:03 Uhr

Stand: 13.08.17 00:51 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)