Johannes Vetter © picture alliance / empics Fotograf: Martin Rickett

Bilanz

Gold, Glück und Tragödien im Tollhaus von London

von Bettina Lenner, sportschau.de

Die WM in London war eine gigantische Leichtathletik-Party. Rund 700.000 Zuschauer sorgten wie schon bei den Sommerspielen für eine einzigartige Kulisse. Fünf Jahre nach seinem olympischen Triple an selber Stelle wollte sich Usain Bolt mit einem letzten Hurra in den Ruhestand verabschieden. Daraus wurde nichts. Das 71-köpfige DLV-Team sammelte fünf Mal Edelmetall. Zum einzigen deutschen Weltmeister avancierte Speerwerfer Johannes Vetter.

Als Usain Bolt mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden ging, stockte den fast 60.000 Zuschauern der Atem. Mitleid und Entsetzen wechselten sich ab mit überbordender Freude, als die britische Staffel zum Überraschungssieg sprintete. Gefühlschaos, Drama, Tragödie, Märchen - fünf Jahre nach den Sommerspielen bot das Londoner Olympiastadion den Leichtathleten eine einzigartige Bühne, sorgten rund 700.000 Zuschauer für eine WM-Rekordkulisse. Jeder Abend war ein Spektakel, dessen Protagonisten aus dem Schwärmen kaum mehr herauskamen - selbst der Größte seiner Zunft. "Die Energie in diesem Stadion ist wirklich außergewöhnlich", sagte Bolt.

Schönheitsfehler in Bolts beinahe makelloser Bilanz

Genutzt hat sie dem schnellsten Mann der Welt allerdings wenig. Der Superstar gab in der britischen Metropole seine Abschiedsvorstellung, die Choreografie geriet jedoch gleich am zweiten WM-Tag durcheinander. Denn nicht der achtmalige Olympiasieger, sondern ausgerechnet der bereits zweimal des Dopings überführte US-Amerikaner Justin Gatlin sicherte sich WM-Gold über 100 m. Vielleicht ein Schönheitsfehler in Bolts beinahe makelloser Bilanz. Aber möglicherweise einer, der den Übermenschlichen menschlich macht. Wie sich die weltbesten Leichtathleten in London überhaupt in irdischen Dimensionen bewegten: Außer im neu ins WM-Programm gehievten 50 km Gehen der Frauen gab es keine Weltrekorde. Stichwort erfolgreicher Anti-Doping-Kampf? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Bolt für seinen Teil verabschiedete sich nach dem Staffel-Aus unbescholten, wenn auch humpelnd in den Ruhestand. Ein schnöder Muskelkrampf sorgte für ein unwürdiges Ende einer einzigartigen Karriere, wortlos und barfuß verließ der Popstar der Leichtathletik das Stadion durch die Hintertür, bevor er am Sonntagabend mit großem Brimborium auf eine letzte offizielle Ehrenrunde ging. Am Mythos Bolt kann auch das Drama von London nicht kratzen. "Ich denke nicht, dass eine Niederlage etwas daran ändert, was ich erreicht habe", sagte er.

Robert Harting © imago/Baering

04:25 min | 13.08.2017 | Das Erste

Hartings Bilanz: "Wir sind fast bei 100 Prozent"

Diskuswurf-Olympiasieger Robert Harting hat zum Abschluss der WM in London ein positives Fazit gezogen. Er lobte dabei ausdrücklich die britischen Leichtathletik-Fans.

Keine Medaillengaranten mehr

Die deutschen Leichtathleten traten in den ersten Tagen selten ins Rampenlicht, erlebten dann aber am Schlusswochenende ein Finale furioso. Fünf Medaillen (1/2/2) sprangen insgesamt heraus. "Das am Ende gute Abschneiden zeigt, dass die nur drei Medaillen ein Jahr zuvor bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro ein Ausrutscher gewesen sind. Wir haben uns wieder nach oben gearbeitet und sind für die Zukunft gut gerüstet", sagte DLV-Präsident Clemens Prokop. Siebenkämpferin Carolin Schäfer hatte sich zu WM-Beginn ihren Traum von Edelmetall mit Silber erfüllt, am "Super-Samstag" kamen auf einen Schlag vier weitere Medaillen dazu. Im starken Speerwerfer-Trio spielte diesmal der deutsche Rekordhalter Johannes Vetter die Hauptrolle und holte Gold. Olympiasieger Thomas Röhler wurde Vierter.

Die WM in London zeigte aber auch: Die Werfer sind nicht mehr sichere Anwärter aufs Treppchen, die Breite ist größer geworden. "Die klassischen Medaillengaranten, also nahezu sichere und fast planbare Medaillen, gibt es nicht mehr", konstatierte DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska am Ende "komplizierter Weltmeisterschaften", die durch den Ausbruch eines Magen-Darm-Virus beeinträchtigt wurden. Ein halbes Dutzend deutscher Sportler lag zeitweise flach, und auch jene, die von Brechdurchfall verschont blieben, hatten unter den Auswirkungen der Eindämmungs-Maßnahmen zu leiden: Hotel-Wechsel, fehlende Trainings-Einheiten und abgesagte Physiotherapie.

Mehrkämpfer überzeugen mit drei Medaillen

Vor allem die deutschen Mehrkämpfer überzeugten dennoch. Schäfers Vizetitel ließen Rico Freimuth und Kai Kazmirek erst große Worte und dann mit Silber und Bronze Taten folgen. Zwei deutsche Medaillen im Zehnkampf hatte es schon seit 30 Jahren nicht mehr gegeben. Zwei Jahre nach dem Sensations-Silber der verletzten Hürdensprinterin Cindy Roleder nutzte zudem Pamela Dutkiewicz bei ihrer WM-Premiere ihre Außenseiterchance mit Bronze. "Wir sind im Sprint deutlich nach vorne gekommen", sagte Gonschinska. Das gilt auch für Gina Lückenkemper, die als erste Deutsche seit 26 Jahren unter elf Sekunden blieb, bevor sie im Halbfinale Lehrgeld zahlte. Raus mit Applaus.

Überhaupt sorgt der Generationswechsel im über Jahre schwächelnden Laufbereich für Schwung. Junge Athleten wie Mittelstrecken-Aufsteigerin Konstanze Klosterhalfen, Hanna Klein, die über 1.500 m beherzt ins Finale lief, Nachwuchstalent Alina Reh oder auch Dreisprung-Europameister Max Heß, der in London kurzfristig verletzt passen musste, sind ein Versprechen für die Zukunft. Pech hatte Hindernis-Ass Gesa Felicitas Krause. Die WM-Dritte von Peking stürzte im Finale ohne eigene Schuld und wurde Neunte. Doch tapfer ins Ziel gekämpft und am Ende starke Worte: Die deutsche Rekordhalterin bewies im Moment ihrer bittersten Niederlage Größe und zählt auch ohne Medaille zu den Gewinnern dieser WM.

Probleme in einigen Disziplinen

Die beachtlichen Ergebnisse junger Talente übertünchen indes nicht die Probleme in einigen Disziplinen, die lange Zeit mit Medaillenlieferanten besetzt waren. Ohne die Ex-Weltmeisterin Christina Schwanitz (Babypause) läuft im Kugelstoßen nichts, ebenso im Hammerwurf ohne Betty Heidler (Karriereende). Im Speerwurf enttäuschte nach den Rücktritten von Christina Obergföll und Linda Stahl die als Titelverteidigerin angereiste Katharina Molitor. Auch Raphael Holzdeppe mit einem "Salto nullo" im Stabhochsprung-Finale, Kugelstoßer David Storl und Diskus-Gigant Robert Harting, der sich mit Rang sechs von der WM-Bühne verabschiedete, erlebten Enttäuschungen. "London ist ein klarer Arbeitsauftrag: Wir müssen stärkere Anstrengungen bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio unternehmen", sagte Prokop: "Ich will es nicht schönreden. In manchen Disziplinen haben wir nur einen Athleten von Weltklasseformat - und danach klafft eine Lücke."

Tolle Geschichten, aber kein Bolt-Nachfolger

Apropos Lücke: Usain Bolts Abschied war überfällig, das hat London gezeigt. Und doch reißt der geschlagene Superman ein Loch, das die Leichtathletik in Zeiten von Dopingkrise und Reformierungsbedarf stopfen muss. Bei den Titelkämpfen an der Themse, von den Briten selbstbewusst zur besten WM der Geschichte deklariert, gab es viele tolle Geschichten. Die des Südafrikaners Luvo Manyonga, vor gut zwei Jahren noch drogenabhängig und nun Weltmeister im Weitsprung, oder die von Norwegens neuem Laufstar Karsten Warholm, der überraschend den Titel über 400 m Hürden gewann. Noch aber ist kein Athlet nachhaltig ins Scheinwerferlicht getreten. Auch Wayde van Niekerk aus Südafrika nicht, der das erste WM-Double über 200 und 400 m seit Michael Johnson (USA) vor 22 Jahren angepeilt hatte, sich nach Gold über 400 m aber über die halbe Stadionrunde geschlagen geben musste.

"Sicherlich braucht es solche Glamourfiguren, um Sport zu promoten. Aber ich freue mich, dass in der Vielfalt der Leichtathletik der Nächste kommt - und ich habe auch nichts dagegen, wenn der eine oder andere Athlet von uns seinen Beitrag leistet", sagte Gonschinska, der den Blick schon auf das kommende Jahr richtet. Dann heißt es Vorhang auf für die Heim-EM: "Wenn eine sehr junge Mannschaft hier so auftritt im ersten Jahr der Neuformierung, dann kann man sich auf das Team im nächsten Jahr in Berlin freuen. Wir werden in Europa sehr konkurrenzfähig sein."

Titelträger

Die Weltmeister von London

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 13.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 14.08.17 09:30 Uhr