Mohammed Farah © picture alliance / empics Fotograf: Adam Davy

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Mo Farah, sein Umfeld und viele Fragen

In London beginnt die Leichtathletik-WM und es gehört nicht viel Vorstellungskraft dazu, wenn es um den ersten Weltmeister in der britischen Metropole geht. An Mohamed Farah wird im 10.000-m-Finale wohl kein Weg vorbeiführen, ebenso wenig wie am 12. August über 5.000 m. Der Zweifel läuft bei der letzten WM des Lokalmatadoren auf der Bahn allerdings mit.

Mohamed Farah kann in London Leichtathletik-Geschichte schreiben. Der Brite will wie schon in Moskau 2013 und vor zwei Jahren in Peking Doppel-Gold gewinnen - über 10.000 m und auch über die 5.000 m am 12. August. Drei Mal in Folge Doppel-Weltmeister, das wäre historisch. Bei seinem letzten WM-Auftritt auf der Bahn muss der britische Nationalheld aber auf eine wichtige Person verzichten. Wie die "Daily Mail" berichtet, wird Farahs umstrittener Trainer Alberto Salazar nicht in London dabei sein. Das Langstrecken-Ass wolle keine "unerwünschte Ablenkung" haben, heißt es. Verständlich, denn Salazar und das von ihm geführte "Nike Oregon Project" (NOP) stehen seit zwei Jahren im Mittelpunkt von Ermittlungen der amerikanischen Anti-Doping-Behörde USADA.

Umstrittener Coach Salazar nicht in London

In der Vergangenheit war Salazar stets als akkreditierter Coach des US-amerikanischen Leichtatletik-Verbandes USATF dabei gewesen, weil einige Athleten des NOP aus den USA kommen. In einer Erklärung vom vergangenen Dienstag teilte der Verband allerdings mit, dass Salazar nicht zur USATF-Delegation für London gehöre.

Offiziell wollte sich zu Salazar aus dem Farah-Lager keiner äußern. Überhaupt hat sich der Doppel-Olympiasieger von London und Rio vor den Welttitelkämpfen in seiner Heimat rar gemacht. Farah nerven die Fragen nach seinem Umfeld, die immer häufiger gestellt werden: "Ich habe es satt, mich immer wiederholen zu müssen. Ich glaube an den sauberen Sport. Es gibt kein Geheimnis für das, was ich tue. Ich werde nie bei einem Dopingtest durchfallen."

Verpasste Tests und Verbindungen zu Jama Aden

Der 34-Jährige hat in der Tat keinen positiven Befund in seiner Akte. Trotzdem jubeln dem Briten längst nicht mehr alle uneingeschränkt zu. Zwei verpasste Doping-Test vor den Olympischen Spielen 2012 in London, die Verbindung zu dem somalischen Leichtathletik-Coach Jama Aden, der 2016 bei einer Razzia mit Epo erwischt wurde, und nicht zuletzt die Enthüllungen über seinen Trainer Salazar: Farah, der britische Laufheld, der als Flüchtling aus Somalia ins Vereinigte Königreich kam und mittlerweile in den Adelsstand erhoben wurde, wirkt ein wenig umzingelt.

"Riskante Prozeduren" in Oregon

Im Frühjahr 2017 hatte die Hackergruppe "Fancy Bears" einen geheimen USADA-Bericht diversen Medien zugespielt, in dem Salazar und das "Nike Oregon Project" schwer belastet werden. Vor der WM in Peking 2015 hatten ehemalige Mitglieder dieses mit Top-Athleten gespickten und von dem Sportartikel-Giganten Nike großzügig unterstützten Teams erstmals ausgepackt und von dubiosen Praktiken berichtet. Die USADA begann zu ermitteln, stellte E-Mails sicher, vernahm Sportler, Trainer und Wissenschaftler. Der knapp zwei Jahre später öffentlich gewordene, 269 Seiten lange Bericht der US-Fahnder ist ziemlich eindeutig in seiner Beurteilung des "Vorzeigeprojekts" aus Oregon: Der "Spiegel" berichtete ausführlich aus dem Papier, in dem von "riskanten Prozeduren", mit denen die "Testosteronlevel der Läufer erhöht werden sollten" und die "gegen die Regeln des Sports verstoßen" die Rede ist.

Salazar, der Grenzgänger

Die Recherchen der USADA zeichnen das Bild von einem Coach Salazar, der nicht nur die Trainingsinhalte vorgibt, sondern auch Arzt und Apotheker für seine Schützlinge ist. Nahrungsergänzungsmittel, die er bei sich im Keller hortet und den Athleten selbst bringt (sie könnten sonst schließlich verunreinigt werden), Pillen, Pülverchen und Cremes - der ehemalige Weltklasse-Marathon-Läufer testet gerne Grenzen aus, überschreitet sie nach eigenen Angaben aber nicht.

Das Beispiel L-Carnitin

Die US-Fahnder sehen das anders, zum Beispiel im Fall der Aminosäurenverbindung L-Carnitin. Diese ist in dem Nahrungsergänzungmittel Nutramet enthalten, auf das Salazar 2011 aufmerksam wurde. Es kurbelt den Engergiestoffwechsel der Muskeln an. Ein Schub für den Schlussspurt versprachen Wissenschaftler in einem Aufsatz. Die empfohlene Einnahme des Herstellers über vier Monate bis zur Wirkung war Salazar allerdings zu lang. In Absprache mit seinem Teamarzt, der Bedenken äußerte, wurde mindestens fünf NOP-Athleten das Mittel letztlich per Infusionen binnen weniger Tagen verabreicht. In dem USADA-Report heißt es, die Sportler seien "Versuchskaninchen" gewesen. L-Carnitin steht nicht auf der Doping-Liste. Allerdings fanden die US-Fahnder Beweise für vorbereitete 100-Milliliter-Infusionsbeutel. Erlaubt sind 50 Milliliter pro Infusion, pro Athlet. Die Schlussfolgerung im Bericht: Salazar habe "fast mit Sicherheit" die Anti-Doping-Regeln verletzt. Der Coach bestreitet das.

Sponsor Nike als Bremsklotz

Die USADA hat ihren Report übrigens als "Zwischenbericht" gekennzeichnet. Wann das abschließende Papier vorliegt, ist offen. Wie der "Spiegel" berichtete, blockiert der NOP-Sponsor Nike die Ermittlungen der US-Dopingjäger, was der Konzern bestreitet. So wollte der Sportartikel-Gigant beispielsweise "einen Vertrag über Geheimhaltungsbestimmungen" mit der USADA abschließen. "Würden wir auf die Forderungen eingehen, hätte Nike auch die einseitige Kontrolle über Dokumente, die bereits im Besitz der USADA sind, und könnte uns verbieten, diese in einer Anhörung einzusetzen", schreibt USADA-Anwalt William Bock in einer E-Mail.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 05.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 05.08.17 20:15 Uhr