Giuseppe Fischetto

03:40 min | 11.08.2017 | Das Erste | Autor/in: Hajo Seppelt und Sebastian Münster

IAAF-Anti-Doping-Beauftragter mit Glaubwürdigkeitsproblem

Bei der Leichtathletik-WM in London für saubere und glaubwürdige Medaillen zu sorgen, ist Giuseppe Fischettos Job. Dabei hat der italienische Mediziner selbst ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Geheimsache Doping

Telefonmitschnitte: IAAF-Anti-Doping-Beauftragter belastet

von Hajo Seppelt und Sebastian Münster

Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in London für saubere und glaubwürdige Medaillen zu sorgen, ist Giuseppe Fischettos Job. Dabei hat der italienische Mediziner selbst ein Glaubwürdigkeitsproblem: Der Anti-Doping-Beauftragte der IAAF hielt einen der größten Dopingskandale der Leichtathletik unter der Decke.

Hintergrund ist ein riesiger Datensatz, den die ARD im Jahr 2015 von einem Informanten zugespielt bekam. Er enthält Blutwerte von unzähligen Athleten, etliche von ihnen hochverdächtig. Fischetto hatte diese Daten jahrelang protokolliert - und zwar geheim. Nur ein kleiner Kreis im Weltverband wusste darüber Bescheid.

"Es ist einfach grotesk, wie extrem einige Werte waren"

Für den australischen Mediziner Michael Ashenden, der die Daten für die ARD 2015 analysierte, ließen diese Blutwerte nur einen Schluss zu: "Die Werte in der Datenbank lassen aus meiner Sicht keinen Zweifel daran, dass die Ausdauerdisziplinen in der Leichtathletik bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen von Blutdoping durchsetzt waren. Es ist einfach grotesk, wie extrem einige Werte waren. Es waren kurz gesagt die schlimmsten, die ich jemals gesehen habe", so sagte schon 2015 der Experte für Blutdoping.

Daten ursprünglich von Fischetto-Festplatte

Auffällig viele der dopingverdächtigen Blutwerte stammen von türkischen und vor allem russischen Athleten. Ihre anonymisierte Veröffentlichung durch die ARD-Dopingredaktion und die britische Sunday Times sorgte 2015 weltweit für ein riesiges Medienecho. Was damals in der öffentlichen Debatte kaum zur Sprache kam: Die Daten stammten ursprünglich von einer Festplatte, die Fischetto gehörte. Als IAAF-Offizieller hatte er Zugriff auf die Blutwerte von Athleten aus zahlreichen Ländern. Zugleich war der Mediziner auch Funktionär des italienischen Verbandes und pflegte gute Kontakte nach Russland - lange bevor das dort jahrelang praktizierte Staatsdoping öffentlich wurde. Der Interessenskonflikt Fischettos lag auf der Hand. 

"Ich hoffe, dass da nichts durchsickert"

Giuseppe Fischetto

Giuseppe Fischetto, Anti-Doping-Beauftragter der IAAF.

Fischetto war die Brisanz der Blutwerte bewusst. Er wollte das offenbar weit verbreitete Blutdoping in der Leichtathletik unter der Decke halten. Das zeigen Telefonmitschnitte der italienischen Behörden aus dem Jahr 2013. Es sind Gespräche von Fischetto mit Personen aus seinem näheren Bekanntenkreis. "Ich hoffe, dass da nichts durchsickert, sonst gibt das international einen Heidenschlamassel. Stell' Dir vor, wenn die Daten der Russen rauskommen, oder die von den Türken oder den anderen", so Fischetto in einem Telefonat. "Ich bin doch in der Kommission der IAAF."

Klar ist demnach: Fischetto hatte kein Interesse daran, eine Debatte über die hochverdächtigen Blutwerte zahlreicher Athleten anzustoßen - und das, obwohl er auch damals einer der führenden Anti-Doping-Funktionäre der IAAF war. Fischetto wurde immer wieder vom Weltverband als Anti-Doping-Delegierter eingesetzt - so etwa bei der WM 2015 in Peking und beim Geher-Weltcup 2016 in Rom.

Rückendeckung durch Lamine Diack

Fischetto machte in den aufgezeichneten Telefonaten keinen Hehl daraus, dass der damalige IAAF-Präsident Lamine Diack ihm den Rücken stärkte: "Er gibt mir jegliche erdenkliche Unterstützung und sagt, ich soll so weitermachen", so der Italiener. Lamine Diack wurde später wegen des Vorwurfs der Korruption im Zusammenhang mit der Vertuschung von Dopingfällen angeklagt. Die französischen Behörden ermitteln nach wie vor.

"Dieser deutsche Italiener muss eliminiert werden"

Die für einen Verbandsfunktionär gebotene Zurückhaltung und Neutralität bei Dopingfällen ließ er vor allem in der Causa des italienischen Gehers Alex Schwazer missen. Den Südtiroler, bei dem man 2012 und ein weiteres Mal vier Jahre später Dopingsubstanzen im Urin gefunden hatte, erwähnte Fischetto in einem der aufgezeichneten Telefonate 2013. IAAF-Funktionär Fischetto wünschte dem Athleten - nimmt man die geheimen Telefonmitschnitte als Maßstab - nichts Gutes: "Dieser deutsche Italiener muss eliminiert werden."

IAAF stellt sich hinter Fischetto

Die zitierten Telefonmitschnitte sind bereits in italienischen Medien publiziert worden. Für den vermeintlichen Anti-Doping-Kämpfer Giuseppe Fischetto hat dessen im Weltverband bekannte Haltung aber bis jetzt keinerlei Konsequenzen. Auch bei der gerade laufenden WM in London führt ihn die IAAF erneut als Anti-Doping-Beauftragten für die Wettkämpfe im Olympic Park. 

Auf ARD-Anfrage rechtfertigte die IAAF ihre Entscheidung: Fischettos Integrität und Professionalität stünden aus Sicht des Weltverbandes außer Frage. Das Nationale Olympische Komitee Italiens habe zudem bei dem Funktionär kein Fehlverhalten festgestellt. Fischetto selbst reagierte auf Fragen der ARD gar nicht.

Das Vorgehen der IAAF schürt Zweifel an einem konsequenten Anti-Doping-Kurs: Der Weltverband hält an dem Mediziner als Anti-Doping-Beauftragten fest.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 11.08.2017 | 14:03 Uhr

Stand: 11.08.17 14:47 Uhr