Stahl: "WM in Moskau ist mein Urlaub"

Interview

Stahl: "WM in Moskau ist mein Urlaub"

Linda Stahl © dpa - Bildfunk Fotograf: Kerim Okten

Nummer drei der Weltjahresbestenliste: Linda Stahl.

Speerwerferin Linda Stahl hat trotz Doppelbelastung in Sport und Beruf in dieser Saison starke Leistungen gezeigt. Am Freitag (live im Ersten und bei sportschau.de/moskau) greift die 27 Jahre alte Europameisterin von 2010 in Moskau ins WM-Geschehen ein. Die angehende Ärztin hat mit sportschau.de über Medaillenhoffnungen, die Doping-Debatte und Schlafmangel gesprochen.

Linda Stahl, wie ist Ihre Verfassung?

Stahl: Ich bin noch nie als Dritte der Weltjahresbestenliste angereist. Das ist immer noch die Weite aus meinem ersten Wettkampf mit 65,76 m in Halle. Aber ich habe schon zweimal über 65 m und einmal über 64 m geworfen. Also eigentlich war ich noch nie so gut im Saisonverlauf.

Sie sind fast schon traditionell zum Saisonhöhepunkt auf den Punkt fit. Wie machen Sie das?

Stahl: Ich bin positiv angespannt, könnte man sagen. Ein bisschen Anspannung brauche ich immer. Wenn's dann nicht dazu führt, dass ich zu aufgeregt bin und fest werde, kann ich auch immer ganz gut werfen.

Wieviel macht Routine aus?

Stahl: Das ist meine vierte WM. Ich fühle mich schon ein bisschen alt hier, ehrlich gesagt. Da ist man ein bisschen routinierter. Aber es ist trotzdem eine positive Freude. Dafür habe ich jetzt das ganze Jahr trainiert, und ich freue mich, dass ich das hoffentlich jetzt auch zeigen kann.

Wie lautet Ihr Ziel in Moskau?

Stahl: Ich habe, wenn ich fit war, auch immer Saisonbestleistung geworfen bei den Höhepunkten. Das ist auch diesmal möglich. Ich hoffe, dass ich das abrufen kann und dann sollte eine Medaille drin sein. 65 m und aufwärts wird man dafür wohl werfen müssen.

Barbora Spotakova ist nicht hier. Ist das jetzt die große Chance für Sie und die anderen?

Stahl: Sicherlich. Die Top-Favoritin ist nicht dabei. Aber es ist eben auch nur eine, die fehlt. Mit Maria Abakumowa, mit Christina (Obergföll, d.Red.) und auch der Ukrainerin (Vira Rebryk, d.Red.) sind natürlich starke Gegnerinnen da, die auch im hohen Bereich der 60er bis 70 m werfen können. Dann entscheidet wie immer die Tagesform.

Sie haben Christina Obergföll im Laufe Ihrer Karriere immer wieder mal auf der Zielgeraden abgefangen, zuletzt bei den deutschen Meisterschaften, wo Sie den Titel geholt haben. Wie zuversichtlich sind Sie, dass das erneut gelingt?

Stahl: Christina hat - bis auf die deutschen Meisterschaften, wo sie am Tag zuvor auch einen Wettkampf hatte - immer Superweiten geworfen und immer gewonnen. Sie ist in der Diamond League noch ungeschlagen. Das muss man erst einmal hinbekommen. Es wäre sicherlich wieder ein bisschen unerwartet, aber ich bin gut drauf und kann auch in dem Bereich werfen. Wenn ich das schaffe, wird es auch möglich sein, sie wieder einmal zu schlagen.

Rechnen Sie mit zwei deutschen Medaillen?

Stahl: Das wäre schön. Von den Vorleistungen her ist die Russin (Abakumowa, d.Red.) Erste in der Weltjahresbestenliste, dann kommen schon Christina und ich. Es wäre nicht ganz unerwartet, wenn das passieren würde, aber man muss das erst einmal schaffen. In den letzten Jahren habe ja ich die anderen, die über mir waren, ein bisschen überrascht. Es kann immer sein, dass jetzt noch jemand von unten kommt und uns überrascht.

Die Doping-Debatte ist vor dieser WM voll entbrannt. Wie stehen Sie dazu?

Stahl: Es kann gerne jeder selber mit seinem Körper machen, was er möchte. Für mich ist Sport weiterhin ein nettes Hobby, das mich fordert und auch ausfüllt. Aber ich wäre nie bereit, meinem Körper das anzutun. Ich tue meinem Körper schon genug an, indem ich meinen Rücken, meinen Ellbogen und alles mögliche beanspruche. Daher muss ich nicht noch etwas einschmeißen, von dem ich vielleicht noch nicht einmal weiß, wie es mir schadet. Das ist mir der Sport gar nicht wert. Ob da jetzt jemand ist, der deswegen besser ist oder zehn Meter weiter wirft, das kann ich nicht beeinflussen. Ich habe dafür trainiert, dass meine Leistung gut ist, und das reicht mir auch.

Aber beobachten Sie die Konkurrenz vielleicht ein wenig argwöhnisch?

Stahl: Blind sind wir nicht. Ich habe eben zufällig auch sechs Jahre studiert. Man sieht vielleicht schon manchmal etwas, das nicht ganz so ist, wie man sich das normal vorstellen würde. Andererseits muss man auch bedenken: Wenn ich jetzt im Finale 68 m werfe, werden auch alle sagen, 'Ach, guck mal. Erstens, die hat Medizin studiert, zweitens, die ist voll.' Deswegen sollte man bei anderen auch erst einmal vorsichtig sein.

Sie absolvieren gerade Ihr praktisches Jahr. Wir bekommen Sie Beruf und Leistungssport unter einen Hut?

Stahl: Ich weiß ja, dass das nur ein Jahr dauert. Wenn ich wüsste, dass es jetzt dauerhaft so weitergeht, würde ich mir schon ernsthaft Gedanken machen, etwas zu ändern. Es geht zwischendurch sicher mal an die Grenzen. Als wir zur Vorbereitung nach Kienbaum kamen, war ich wirklich erleichtert, mal zwei Wochen nicht arbeiten zu müssen. Es ist schon auch ein Kampf jeden Tag, ausgeschlafen war ich länger nicht mehr. Ich bin froh, wenn das Jahr vorbei ist und ich dann mal eine Woche gar nichts machen muss.

Wie geht es für Sie nach der WM weiter?

Stahl: Am Montag fliegen wir zurück, am Dienstag bin ich dann pünktlich um 7.30 Uhr in der Urologie im Klinikum in Leverkusen.

Keine Urlaubspläne?

Stahl (lacht): Ich musste mir für die WM Urlaub nehmen, das ist jetzt mein Urlaub hier. Aber wenn ich eine Medaille holen sollte, werde ich zum "Club der Besten" eingeladen. Dann wird es vielleicht doch noch was mit Urlaub.

Das Gespräch führte Bettina Lenner, sportschau.de

Stand: 15.08.13 14:32 Uhr