Sperrwerferin Steffi Nerius. © Witters Fotograf: MatthiasHangst

Speerwurf

Zu große Weiten unerwünscht

Das Speerwerfen der Männer dominierte lange der Tscheche Jan Zelezny. Steffi Nerius und Christina Obergföll schrieben ganz besondere WM-Geschichten.

Aus der einstigen Jagd- und Kampfmethode entwickelte sich bereits in der Antike eine olympische Sportart; wobei unklar ist, ob der Wettkampf als Ziel- oder Weitwurf durchgeführt wurde. Seinerzeit verwandten die Athleten Speere aus massivem Olivenholz, die nur halb so viel wogen wie die 800-g-Speere der Skandinavier im 19. Jahrhundert, als das Wurfgerät zum Symbol der nationalen Unabhängigkeit der Finnen avancierte. In Deutschland entwickelte sich das sportliche Speerwerfen um 1890. Seit 1907 ist der 800-g-Speer nach schwedischem Vorbild das Maß der Dinge. Nur bei den Frauen liegt das Gewicht des Geräts nicht mehr wie ursprünglich bei 800, sondern bei 600 g. Im Wettkampf haben die Athleten - wie bei allen Wurfdisziplinen - drei Versuche, die besten Acht weitere drei. Der Wurf ist nur gültig, wenn die Spitze des Speers vor den anderen Teilen auf den Boden trifft.

"Held-Zigarre" der große Wurf

Schweden und Finnen dominierten die Disziplin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ersetzten frühere beidhändige Wurftechniken durch einhändige Würfe aus dem Lauf heraus. 1953 gab es eine einschneidende Technik-Änderung: Der US-Amerikaner Franklin "Bud" Held erzielte mit einem von seinem Bruder entwickelten Hohlspeer ("Held-Zigarre") größere Weiten als je zuvor (80,41 m). Durch die um rund ein Viertel vergrößerte Oberfläche und daher bessere Aerodynamik flog das Gerät weiter und landete erstmals fast horizontal. Nach langen Diskussionen sah der Weltverband IAAF den Speer als regelkonform an. Helds ein Jahr später produzierter Metallspeer besaß sogar noch bessere Flugeigenschaften. Zwischenzeitliche Rotationswürfe ähnlich wie beim Diskuswerfen verbot die IAAF jedoch, weil Weiten über 100 m die Kapazitäten der Stadien sprengten.

Veränderte Konstruktion des Speers

Als der Potsdamer Uwe Hohn 1984 mit 104,80 m erstmals mit herkömmlicher Wurftechnik die 100-m-Marke übertraf, änderte der Weltverband die Regeln zur Konstruktion des Speers: Ein um vier Zentimeter nach vorn verlagerter Schwerpunkt sowie eine Verringerung der Speeroberfläche sorgten für kürzere Flüge und brachten als Nebeneffekt genauere Abdrücke bei der Landung durch das Aufkommen mit der Spitze. Die offizielle Einführung des Geräts erfolgte am 1. April 1986, am Jahresende stellte der Leverkusener Klaus Tafelmeier den ersten Weltrekord (85,74) mit dem neuen Speer auf.

Titel am laufenden Band: Jan Zelezny

Der Tscheche Jan Zelezny wird in Sydney zum dritten Mal Olympiasieger im Speerwerfen. © picture-alliance / dpa Fotograf: Eric Feferberg

Der Tscheche Jan Zelezny bei seinem dritten Olympiasieg in Sydney.

1972 in München gelang Klaus Wolfermann der goldene Wurf zum Sieg. Der Franke stellte ein Jahr später mit 94,08 m sogar einen Weltrekord auf. Während sich die Deutschen Raymond Hecht und Boris Henry mit EM- oder WM-Bronze sowie Platzierungen knapp hinter den Medaillenrängen begnügen mussten, räumte Jan Zelezny von 1992 bis 2001 bei (fast) allen großen Meisterschaften den Titel ab. Der Tscheche wurde von 1992 an dreimal in Folge Olympiasieger, nachdem er 1988 in Seoul bereits Silber gewonnen hatte. Seit 1996 hält der dreimalige Weltmeister (1993, 1995, 2001) mit 98,48 m den Weltrekord.

Im Anschluss übernahm Andreas Thorkildsen mit zwei Olympiasiegen (2004 und 2008) und dem WM-Titelgewinn 2009 in Berlin das Zepter. Die Vorherrschaft des Norwegers beendete ein Deutscher: Bei seinem sensationellen EM-Silbermedaillengewinn 2010 in Barcelona landete Matthias de Zordo noch hinter Thorkildsen. Im Jahr darauf sicherte sich der Linkshänder bei der WM in Daegu Rang eins vor dem Europameister.

Der "ewige" Weltrekord der Petra Felke

Anders als beim Hammerwerfen sind die Frauen im Speerwerfen schon lange vertreten. Erste deutsche Olympiasiegerin ist Tilly Fleischer 1936 in Berlin. Zuletzt triumphierte 1992 in Silke Renk eine Deutsche bei Olympia. Den Erfolg in Barcelona komplettierte Karen Forkel mit Bronze. Einen "ewigen" Weltrekord hält die Jenaerin Petra Felke: Ihr 80-m-Wurf kurz vor dem Olympiasieg 1988 in Seoul kann wegen der Einführung des neuen Speers 1999, der einen nach vorn verlegten Schwerpunkt hat und damit früher landet, vorerst wohl nicht mehr übertroffen werden.

Nerius und der große Wurf zum Karriereende

Mit WM-Bronze 1997 in Athen und EM-Gold ein Jahr später in Budapest reihte sich Tanja Damaske in die Garde erfolgreicher deutscher Speerwerferinnen ein. Diese wurde von Steffi Nerius fortgeführt. Nach dreimal WM-Bronze (2003, 2005 und 2007) gelang der Olympia-Zweiten von 2004 bei der Heim-WM 2009 in Berlin zum Karriereende mit Gold vor der Favoritin und zweimaligen Olympiasiegerin (2008 und 2012) Barbora Spotakova aus Tschechien der ganz große Wurf.

Obergföll holt in Moskau endlich Gold

Christina Obergföll © dpa-bildfunk Fotograf: Kerim Okten

Vollendet und erlöst: Christina Obergföll nach ihrem WM-Triumph 2013.

Bei den Welt-Titelkämpfen 2005 ging Silber - in Helsinki noch überraschend - an Nerius' Mannschaftskollegin Christina Obergföll. 70,03 m bedeuteten seinerzeit Europarekord. Die Offenburgerin setzte sich in der Weltspitze fest, doch auf den ganz großen Wurf musste sie lange warten: Nach jeweils zweimal WM- (2005, 2007) und EM-Silber (2010, 2012) sowie olympischem Silber (2012) und Bronze (2008) schlug 2013 in Moskau ihre große Stunde. Im Luschniki-Stadion warf sie den Speer auf 69,05 m - Weltmeisterin! "Jetzt bin ich endlich die Vollendete", jubelte Obergföll unter Tränen. Trainer und Bräutigam Boris Henry löste nach dem Triumph eine Wette ein und nahm bei der Hochzeit den Namen seiner Frau an.

Internationale Medaillen sammelte zudem die Leverkusenerin Linda Stahl, die bei den Spielen in London Rang drei hinter Obergföll belegte, nachdem sie sich 2010 überraschend EM-Gold geschnappt hatte.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 29.08.2015, 10.50 Uhr

Stand: 20.07.15 14:55 Uhr

Titelverteidiger

Männer:
Vitezslav Vesely (Tschechien) 87,17 m
Frauen:
Christina Obergföll (Deutschland) 69,05 m

Rekorde

Männer:
WR: Jan Zelezny (Tschechien) 98,48 m
ER: Jan Zelezny (Tschechien) 98,48
DR: Raymond Hecht (Wattenscheid) 92,60
Frauen:
WR: Barbora Spotakova (Tschechien) 72,28
ER: Barbora Spotakova (Tschechien) 72,28
DR: Christina Obergföll (Offenburg) 70,20

Termine und Teilnehmer