Cindy Roleder jubelt. © dpa Fotograf: Christian Charisius

Bilanz

Deutschlands Leichtathleten für Rio gerüstet

von Bettina Lenner aus Peking

Die deutschen Athleten haben bei der WM in Peking auf dem Weg zu den Olympischen Spielen im kommenden Jahr einen starken Eindruck hinterlassen. Kugelstoßerin Christina Schwanitz und Speerwerferin Katharina Molitor holten Gold. Für die größten Überraschungen sorgten Cindy Roleder und Gesa Felicitas Krause.

Insgesamt sammelte das deutsche Team, das ohne den nach einer Knieoperation noch nicht wieder fitten Diskus-Dominator Robert Harting angetreten war, acht Mal Edelmetall (zweimal Gold, je dreimal Silber und Bronze) und belegte als Vierter den angepeilten Platz in den Top Fünf der Nationenwertung. Mehr als zwei Dutzend Platzierungen unter den besten Acht sprechen für die hohe Leistungsdichte in der Mannschaft. "Wir haben hier tolle Tage erlebt. Aber nur das Zählen der Medaillen entspricht nicht der Entwicklung in der Leichtathletik", mahnte DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska am Sonntag (30.8.15) und verwies auf den zusehends härter werdenden Konkurrenzkampf: "Die Wettbewerbsdichte wird enger und sich in Richtung Rio weiter verschärfen. Millimeter und Zehntelsekunden können entscheiden. Wir werden unsere Schlüsse ziehen und uns für Brasilien etwas einfallen lassen."

Deutsches Team

Die deutschen Medaillengewinner von Peking

Goldener Schlusspunkt durch Molitor

Die deutschen Asse stachen dennoch in Peking, und auch viele Youngster überzeugten. Kugelstoßerin Christina Schwanitz wurde gleich zum Auftakt ihrer Favoritenrolle gerecht und siegte souverän, den goldenen Schlusspunkt setzte am letzten Wettkampftag überraschend Katharina Molitor, die seit Jahren in der Weltspitze mitwirft, aber bei großen Meisterschaften stets im Schatten ihrer nationalen Mitstreiterinnen gestanden hatte. Titelverteidigerin Christina Obergföll belegte nach ihrer Babypause immerhin Rang vier, ebenso wie ihr überzeugender Disziplin-Kollege Thomas Röhler und die Sprintstaffel der Männer, der nur zwei Hundertstelsekunden zur ersten Medaille für Deutschland auf dieser Distanz in der WM-Historie fehlten.

Silber für Storl, Holzdeppe und Müller

Wie eng die Spitze zusammengerückt ist, zeigte sich auch beim Kugelstoßen der Männer. David Storl sicherte sich den Vizetitel, zum dritten WM-Triumph in Serie fehlten am Ende 19 Zentimeter. In einem starken Stabhochsprungfinale gewann Raphael Holzdeppe, ebenso wie Storl als Titelverteidiger angereist, nach einem Seuchenjahr 2014 und einer Hallensaison zum Vergessen ebenfalls Silber - vor dem französischen Weltrekordler Renaud Lavillenie, der trotz aller Überlegenheit seinen WM-Fluch wieder nicht ablegen konnte. Auch Diskuswerferin Nadine Müller meldete sich nach dem bitteren Jahr 2014 in der Weltspitze zurück: Ihren dritten Platz feierte die 29-Jährige wie einen Sieg. Rico Freimuth krönte beim grandiosen Triumph von Ashton Eaton, der seinen eigenen Weltrekord um sechs Zähler auf 9.045 Punkte verbesserte, einen begeisternden Auftritt des deutschen Zehnkampf-Trios ebenfalls mit Bronze.

Roleder und Krause sorgen für emotionale Höhepunkte

Für die größten Überraschungen und emotionalen Höhepunkte aus deutscher Sicht sorgten Roleder und Krause: Die Leipzigerin Roleder lief in persönlicher Bestzeit zum Sensationssilber, erstmals seit 28 Jahren schaffte damit wieder eine deutsche Hürdensprinterin den Sprung aufs WM-Podest. Zwei Tage zuvor war Krause als Dritte ins Ziel gerannt und holte damit nicht nur das erste deutsche WM-Edelmetall über 3.000 m Hindernis überhaupt, sondern auch die erste Laufmedaille im Einzel für den DLV seit 14 Jahren. "Das zeigt, dass man auch im Laufen bestehen kann. Das ist sicher ein Signal für die Laufszene in Deutschland", sagte Gonschinska: "Erfolg fördert Erfolg."

17 von 47 Disziplinen unbesetzt

Tatsächlich präsentierte sich der Großteil des DLV-Teams zum Saisonhöhepunkt topfit, doch gab es auch einige Aussetzer. Die deutsche Rekordhalterin Silke Spiegelburg scheiterte schon in der Stabhochsprung-Qualifikation, Sieben-Meter-Springerin Sosthene Moguenara schaffte es nicht ins Weitsprung-Finale. Auch die ehemalige Hammer-Weltrekordlerin Betty Heidler konnte die hohen Erwartungen nicht erfüllen - Platz sieben. 17 von 47 Disziplinen blieben wegen Chancenlosigkeit der deutschen Athleten unbesetzt, von 30 Athleten, die in Vorkämpfen antraten, scheiterten 18 in Runde eins.

Bolt klarer Sieger im Duell "Gut gegen Böse"

Usain Bolt gewinnt Gold über 100 m. © dpa Fotograf: Michael Kappeler

Usain Bolt entschied alle Duelle gegen Justin Gatlin für sich.

International ließ Dafne Schippers aufhorchen. Die erst 23 Jahre alte "Fliegende Holländerin" pulverisierte bei ihrem Titelgewinn über 200 m mit der viertbesten je gelaufenen Zeit von 21,63 Sekunden den Europarekord der damaligen DDR-Sprinterinnen Marita Koch (1979/1984) und Heike Drechsler (1986), die jeweils 21,71 gelaufen waren. Superstar der WM in Peking war aber einmal mehr Usain Bolt. Der Jamaikaner hielt dem gigantischen Druck nach durchwachsenen Vorleistungen stand und machte sein fünftes Sprint-Triple bei einer WM oder Olympia perfekt. Mit nunmehr elfmal Gold vergrößerte der 29-Jährige zudem seinen Vorsprung als erfolgreichster Athlet der WM-Geschichte vor Carl Lewis und Michael Johnson (jeweils acht).

Bolt und sein umstrittener Widersacher Justin Gatlin lieferten eine große Show ab, dreimal setzte sich der sechsfache Olympiasieger im als "Gut gegen Böse" deklarierten Duell gegen den stärksten Gegner seiner Karriere durch - der schon zweimal gesperrte Gatlin ist zweifelsohne der großer Verlierer der WM. Ein Sieg des sauberen Sports? Die Sympathien der Zuschauer im stets gut gefüllten "Vogelnest" waren jedenfalls klar verteilt.

Dopingschatten über der WM

Bolt war dennoch genervt. "Doping, Doping, Doping", monierte der Supersprinter. Der Schatten des Dopings hing tief über den Wettkämpfen, das Thema ist nach den Recherchen der ARD und der "Sunday Times" in der Leichtathletik aktueller denn je. Während das kenianische Team ungeachtet aller Enthüllungen und zweier bestätigter positiver Tests bei den Titelkämpfen (Joyce Zakary, 400 m und Koki Manunga, 400 m Hürden) mit insgesamt 16 mal Edelmetall den Medaillenspiegel anführt und neuen Gesichtern wie Speer-Sensation Julius Yego glänzte, erlebte Russland ein Jahr vor Olympia ein historisches Debakel. Bei der Heim-WM in Moskau vor zwei Jahren noch mit sieben Titeln und insgesamt 17 Mal Edelmetall im Ranking Erster, sprangen diesmal nur vier Medaillen und Platz neun heraus - ein beispielloser Absturz.

"Leistungen immer weniger manipulationsfrei erbracht"

Der DLV beklagt offen, dass das offenbar massive Doping-Problem ein besseres Abschneiden verhindert. "Wir bewegen uns im Spitzensport auf einem Weg, wo Leistungen scheinbar immer weniger manipulationsfrei erbracht werden", sagte DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen: "Das hindert die fairen und sauberen Sportler daran, den verdienten Lohn ihrer Arbeit in Form von Finalplatzierungen und Medaillen entgegenzunehmen." Die Hoffnungen ruhen nun auf dem neuen IAAF-Präsidenten Sebastian Coe - der seinen Sport allerdings weitgehend für sauber hält. Noch wirkt der Weltverband im Ringen um eine Leichtathletik ohne Betrug gerade wegen all seiner Dementis und Zurückweisungen überfordert.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 29.08.2015, 10.50 Uhr

Stand: 30.08.15 17:03 Uhr

Zahlen & Fakten

Peking 2015

Datum: 22.08. - 30.08.
Teilnehmer: 1.936
Nationen: 207

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge Kenia KEN 7 6 3
2. Flagge Jamaika JAM 7 2 3
3. Flagge USA USA 6 6 6
4. Flagge Großbritannien GBR 4 1 2
5. Flagge Äthiopien ETH 3 3 2
6. Flagge Polen POL 3 1 4
7. Flagge Kanada CAN 2 3 3
Flagge Deutschland GER 2 3 3
Stand nach 47 von 47 Entscheidungen.