Zuschauer im "Vogelnest". © NDR/Bettina Lenner

WM-Stimmung

Party und ein bisschen Leichtathletik

von Bettina Lenner aus Peking

"Jia You", schallt es durch das Vogelnest, "Los geht's." Der schnellste Mann der Welt ist auch in Peking ein Ereignis. Sobald er die Arena betritt, steigt der Geräuschpegel, werden die Handys für ein Erinnerungsfoto gezückt. Doch schon beim Namen des Weltstars ist bei vielen WM-Besuchern Schluss.

"Bolt?!", meint ein junger Mann zögerlich, als er das Bild des Jamaikaners auf der Stadion-Leinwand sieht. Vorname? Fehlanzeige. Auch sein Freund hat keinen Schimmer: "Den habe ich noch nie gesehen." Immerhin kommt das Konterfei von Su Bingtain zwei Damen bekannt vor: "Der hat einen neuen Rekord aufgestellt", wissen sie. Wie der schnellste Mann Chinas heißt, der als erster Asiate in 9,99 Sekunden den Sprung in ein 100-m-Finale geschafft hat, können sie allerdings nicht sagen.

Stadion fast immer vollständig gefüllt

China und Leichtathletik, das will nicht recht zusammenpassen. Fachwissen ist unter den normalen Besuchern eher selten. Was kein Wunder ist. Organisierten Breitensport gibt es nicht, Spitzensport wird in den Schulen des Sports gefördert und gefordert. Das Stadion ist dennoch Tag für Tag fast vollständig gefüllt, sogar während der Morgensession. Wohl auch, weil die Staatsführung wie schon bei den Olympischen Spielen 2008 bei der Besetzung der 55.000 Plätze nachhilft.

Ein schrilles und kunterbuntes Event

Kusskamera während der Leichtathletik-WM in Peking. © imago/Xinhua

Die "Kisstime"-Aktion ist ein Renner im Stadion.

Viele Schulklassen und Familien kommen. Das Stadion wird zum Picknickplatz mit Chips, Fischwurst, mitgebrachtem Hühnchen. Es wird geschmaust und geschmust, die "Kisstime"-Aktion, bei der die Kamera zwei Zuschauer zufällig einfängt, auf den Videowänden zeigt und damit zum Küssen animiert, ist beliebt und sorgt für mindestens so große Begeisterung wie sportliche Höchstleistungen. Weiten, Höhen, Zeiten, alles schön und gut, aber nicht vorrangig - die WM in Peking ist ein perfekt vermarktetes, lautes, schrilles und kunterbuntes Event, wie es die Chinesen lieben.

"Eine Geräuschkulisse ist schon da. Die hat aber weniger mit uns Sportlern zu tun", sagt Kugelstoßer David Storl, der sich als besonders beliebtes Film- und Fotomotiv entpuppte - jedoch wohl weniger seiner imposanten Leistungen als vielmehr seiner imposanten Statur wegen. Stabhochspringer Raphael Holzdeppe findet die Stimmung dennoch sehr gut: "Viel besser als 2008, das Publikum fiebert gut mit, wenn man es animiert."

Chinesische Athleten werden frenetisch bejubelt

Die Chinesen sind stolz darauf, WM-Gastgeber zu sein, beklatschen die ausländischen Athleten allerdings allenfalls höflich. Am Freitagmorgen brach im Vogelnest indes ein Höllenlärm los, als die Geherinnen Liu Hong und Lu Xiuzhi hintereinander ins Ziel gingen - Gold und Silber, Chinas Leichtathleten erlebten endlich ihren großen Moment bei der Heim-WM. Das Reich der Mitte hat riesigen Hunger nach Erfolg, jeder chinesische Athlet wird frenetisch bejubelt. "Jia You", klingt es dann wieder aus Zehntausenden Kehlen, und manchmal schwappt sogar die "La Ola" durchs weite Rund. Bleibt die Frage an den Sitznachbarn, wie der Mensch dort unten im roten Jersey eigentlich heißt? Keine Ahnung - ist doch eigentlich egal.

WM-Stimmung

Impressionen aus dem "Vogelnest"

 

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 29.08.2015, 10.50 Uhr

Stand: 28.08.15 11:50 Uhr