Johannes Vetter © picture alliance / empics Foto: Martin Rickett

01:30 min | 14.08.2017 | Das Erste | Autor/in: Patrick Halatsch

London 2017: Vetters Goldwurf und Bolts Abschied

Die deutschen Leichtathleten gewannen bei der WM 2017 in London fünf Medaillen. Herausragend: Speerwurf-Weltmeister Johannes Vetter. Emotional: der schmerzhafte Abschied von Sprintstar Usain Bolt.

WM-Geschichte

2017: Gold, Glück und Tragödien im Tollhaus von London

Die WM in London war eine gigantische Leichtathletik-Party. Rund 700.000 Zuschauer sorgten wie schon bei den Sommerspielen für eine einzigartige Kulisse. Fünf Jahre nach seinem olympischen Triple an selber Stelle wollte sich Sprint-Superstar Usain Bolt mit einem letzten Hurra in den Ruhestand verabschieden. Daraus wurde nichts. Das 71-köpfige DLV-Team sammelte fünf Mal Edelmetall. Zum einzigen deutschen Weltmeister avancierte Speerwerfer Johannes Vetter.

Als Usain Bolt mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden ging, stockte den fast 60.000 Zuschauern der Atem. Mitleid und Entsetzen wechselten sich ab mit überbordender Freude, als die britische Staffel zum Überraschungssieg sprintete. Gefühlschaos, Drama, Tragödie, Märchen - fünf Jahre nach den Sommerspielen bot das Londoner Olympiastadion den Leichtathleten eine einzigartige Bühne, sorgten rund 700.000 Zuschauer für eine WM-Rekordkulisse. Jeder Abend war ein Spektakel, dessen Protagonisten aus dem Schwärmen kaum mehr herauskamen - selbst der Größte seiner Zunft. "Die Energie in diesem Stadion ist wirklich außergewöhnlich", sagte Bolt.

Schönheitsfehler in Bolts beinahe makelloser Bilanz

Sie nutzte dem schnellsten Mann der Welt allerdings wenig. Der Superstar gab in der britischen Metropole seine Abschiedsvorstellung, die Choreografie geriet jedoch gleich am zweiten WM-Tag durcheinander. Denn nicht der achtmalige Olympiasieger, sondern ausgerechnet der bereits zweimal des Dopings überführte US-Amerikaner Justin Gatlin sicherte sich WM-Gold über 100 m. Vielleicht ein Schönheitsfehler in Bolts beinahe makelloser Bilanz. Aber möglicherweise einer, der den Übermenschlichen menschlich macht. Wie sich die weltbesten Leichtathleten in London überhaupt in irdischen Dimensionen bewegten: Außer im neu ins WM-Programm gehievten 50 km Gehen der Frauen gab es keine Weltrekorde. Stichwort erfolgreicher Anti-Doping-Kampf? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Bolt für seinen Teil verabschiedete sich nach dem Staffel-Aus unbescholten, wenn auch humpelnd in den Ruhestand. Ein schnöder Muskelkrampf sorgte für ein unwürdiges Ende einer einzigartigen Karriere, wortlos und barfuß verließ der Popstar der Leichtathletik das Stadion durch die Hintertür, bevor er am Sonntagabend mit großem Brimborium auf eine letzte offizielle Ehrenrunde ging. Am Mythos Bolt konnte auch das Drama von London nicht kratzen. "Ich denke nicht, dass eine Niederlage etwas daran ändert, was ich erreicht habe", sagte er.

Titelträger

Die Weltmeister von London 2017

Keine Medaillengaranten mehr

Die deutschen Leichtathleten traten in den ersten Tagen selten ins Rampenlicht, erlebten dann aber am Schlusswochenende ein Finale furioso. Fünf Medaillen (1/2/2) sprangen insgesamt heraus. "Das am Ende gute Abschneiden zeigt, dass die nur drei Medaillen ein Jahr zuvor bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro ein Ausrutscher gewesen sind. Wir haben uns wieder nach oben gearbeitet und sind für die Zukunft gut gerüstet", sagte DLV-Präsident Clemens Prokop. Siebenkämpferin Carolin Schäfer hatte sich zu WM-Beginn ihren Traum von Edelmetall mit Silber erfüllt, am "Super-Samstag" kamen auf einen Schlag vier weitere Medaillen dazu. Im starken Speerwerfer-Trio spielte der deutsche Rekordhalter Johannes Vetter die Hauptrolle und holte Gold. Olympiasieger Thomas Röhler wurde Vierter.

Die WM in London zeigte aber auch: Die Werfer sind nicht mehr sichere Anwärter aufs Treppchen, die Breite ist größer geworden. "Die klassischen Medaillengaranten, also nahezu sichere und fast planbare Medaillen, gibt es nicht mehr", konstatierte DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska am Ende "komplizierter Weltmeisterschaften", die durch den Ausbruch eines Magen-Darm-Virus beeinträchtigt wurden. Ein halbes Dutzend deutscher Sportler lag zeitweise flach, und auch jene, die von Brechdurchfall verschont blieben, hatten unter den Auswirkungen der Eindämmungs-Maßnahmen zu leiden: Hotel-Wechsel, fehlende Trainings-Einheiten und abgesagte Physiotherapie.

Mehrkämpfer überzeugen mit drei Medaillen

Vor allem die deutschen Mehrkämpfer überzeugten dennoch. Schäfers Vizetitel ließen Rico Freimuth und Kai Kazmirek Silber und Bronze folgen. Zwei deutsche Medaillen im Zehnkampf hatte es schon seit 30 Jahren nicht mehr gegeben. Zwei Jahre nach dem Sensations-Silber der verletzten Hürdensprinterin Cindy Roleder nutzte zudem Pamela Dutkiewicz bei ihrer WM-Premiere ihre Außenseiterchance mit Bronze. "Wir sind im Sprint deutlich nach vorne gekommen", sagte Gonschinska. Das galt auch für Gina Lückenkemper, die als erste Deutsche seit 26 Jahren unter elf Sekunden blieb, bevor sie im Halbfinale Lehrgeld zahlte. Raus mit Applaus.

Überhaupt sorgte der Generationswechsel im über Jahre schwächelnden Laufbereich für Schwung. Pech hatte Hindernis-Ass Gesa Felicitas Krause. Die WM-Dritte von Peking stürzte im Finale ohne eigene Schuld und wurde Neunte. Doch tapfer ins Ziel gekämpft und am Ende starke Worte: Die deutsche Rekordhalterin bewies im Moment ihrer bittersten Niederlage Größe und zählte auch ohne Medaille zu den Gewinnern der WM.

Probleme in einigen Disziplinen

Probleme offenbarten sich in einigen Disziplinen, die lange Zeit mit Medaillenlieferanten besetzt waren. Ohne die Ex-Weltmeisterin Christina Schwanitz (Babypause) lief im Kugelstoßen nichts, ebenso im Hammerwurf ohne Betty Heidler (Karriereende). Im Speerwurf enttäuschte nach den Rücktritten von Christina Obergföll und Linda Stahl die als Titelverteidigerin angereiste Katharina Molitor. Auch Raphael Holzdeppe mit einem "Salto nullo" im Stabhochsprung-Finale, Kugelstoßer David Storl und Diskus-Gigant Robert Harting, der sich mit Rang sechs von der WM-Bühne verabschiedete, erlebten Enttäuschungen.

Tolle Geschichten, aber noch kein Bolt-Nachfolger

Usain Bolts Abschied war überfällig, das zeigte London. Und doch riss der geschlagene Supermann ein Loch, das es für die Leichtathletik in Zeiten von Dopingkrise und Reformierungsbedarf in der Zukunft zu stopfen galt. Bei den Titelkämpfen an der Themse, von den Briten selbstbewusst zur besten WM der Geschichte deklariert, gab es viele tolle Geschichten. Die des Südafrikaners Luvo Manyonga, gut zwei Jahre zuvor noch drogenabhängig und dann Weltmeister im Weitsprung, oder die von Karsten Warholm aus Norwegen, der überraschend den Titel über 400 m Hürden gewann. Nachhaltig trat aber noch kein Athlet ins Scheinwerferlicht.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 27.09.2019 | 16:10 Uhr

Stand: 31.07.19 14:45 Uhr