04:37 min | 26.09.2019 | Autor/in: Sven Kaulbars

DLV-Arzt: "Athleten auf Hitze gut vorbereitet"

Andrew Lichtenthal, der leitende DLV-Verbandsarzt, zeigt sich im ARD-Interview zuversichtlich, dass die deutschen Athleten der Hitze in Doha trotzen werden. Die Athleten seien gut vorbereitet.

Interview

DLV-Arzt Lichtenthal: "Das sind extreme Bedingungen"

Das Klima stellt Athleten wie Betreuer bei der Leichtathletik-WM in Doha vor große Herausforderungen. Besonders den Ausdauersportlern in den Straßenwettbewerben, die ihre Rennen mitten in der Nacht austragen, beschert Katar Titelkämpfe der Extreme. Der deutsche Mannschaftsarzt Andrew Lichtenthal im Interview über Maßnahmen und Risiken.

Herr Lichtenthal, wie nehmen Sie das Klima in Doha wahr?

Andrew Lichtenthal: Das sind schon extreme Bedingungen. Das Problem ist aber noch nicht einmal so sehr die Hitze, sondern die Kombination aus Hitze und doch zum Teil recht hoher Luftfeuchtigkeit. Das ist ein Problem, weil der Schweiß auf der Haut bleibt und wir dann übertemperieren. Und dann ist da natürlich der Wechsel von diesem Schwülen in die klimatisierten Räumlichkeiten und auch die Busse, die ins Stadion fahren. Die sind extrem kalt. Da muss man sich sehr schützen. Das ist eigentlich die gefährliche Zeit, wo Sie auskühlen und die Anfänge von Infektionen generieren können.

Was bewirken diese extremen Temperaturen bei den Athleten?

Lichtenthal: So extreme Differenzen sind anstrengend. Letztlich kann man das mit einem Saunagang vergleichen. Danach ist man auch sehr müde.

Welche Maßnahmen haben Sie und Ihr Team im Hinblick auf diese besonderen Umstände ergriffen?

Lichtenthal: Wir haben schon früh dieses Jahr und sogar Ende letzten Jahres ein Hitze-Management für unser Team entwickelt und es den Athleten und den Bundestrainern weitergegeben. Also Ratschläge aus dem Medizin-Bereich gegeben, wie sie sich zu verhalten haben. Die Athleten selbst haben auch Hitzetraining gemacht, auf verschiedene Art und Weise. Ich denke, dass wir uns sehr gut vorbereitet haben.

Wie sehen solche Ratschläge aus?

Lichtenthal: Draußen Kleidung tragen, die Schweiß abgibt und nicht zurückhält, viel Wechselkleidung und Handtücher dabei haben, es sollten Kopfschutz und Sonnenbrille da sein, damit noch nicht einmal über die Augen eine Überhitzung stattfindet. Es sollte reichlich Flüssigkeit vorhanden sein, aber - und das ist sehr wichtig, weil es häufig missverstanden wird -  auch nicht zuviel Flüssigkeit getrunken werden. Weil man auch hyperhydrieren kann. Dann kriegen wir ein ganz anderes Problem, nämlich ein Elektrolytproblem. Das heißt, wir müssen mit den Athleten besprechen, was für Getränke sie trinken und wieviel sie trinken. Auf den Strecken ab 10.000 m sind Hitze- und Flüssigkeitsmanagement immens wichtig, sonst drohen große Probleme bis zum Kollaps.

Ist es denn medizinisch unbedenklich, bei diesen Gegebenheiten Sport zu treiben?

Lichtenthal: Es ist okay, wenn Sie wie unsere Athleten gut vorbereitet sind. Wenn Sie zuhause permanent bei zehn Grad trainieren und dann erwarten, dass Sie hier Leistung bringen, dann wird das nicht funktionieren. Und dann kann es medizinisch bedenklich sein, weil es zu Kollapszuständen kommen kann. Das ist gefährlich. Aber ich gehe fest davon aus, dass jede Nation versucht hat, ihre Athleten so vorzubereiten, dass das nicht passiert.

"Bei der Vergabe der WM an Katar hätte man eigentlich vorher prüfen müssen, ob alle Sportler, die daran teilnehmen wollen, unter diesen klimatischen Bedingungen auch ihre Höchstleistungen vollbringen können. Und ob es eventuell den Körper schädigt, daran teilzunehmen. Dies wurde meiner Meinung nach nicht gemacht, und jetzt wollte man Lösungen finden mit Start 23.30 Uhr für die Ausdauerdisziplinen, für den Marathon und für das Gehen. Das ist natürlich eine extreme Umstellung für den Körper, wir sind nicht gewohnt, nachts zu starten. Das einzige Positive ist, dass jeder die gleichen Bedingungen hat und am Ende setzt sich derjenige durch, der unter diesen extremen Bedingungen am besten klarkommt." 20-km-Geher Christopher Linke

Wie sieht die optimale Vorbereitung aus?

Lichtenthal: Sportmedizinisch ist es idealerweise so, dass man zwei Wochen vor Ort trainiert, dann adaptiert man am besten. Aber das ist in den meisten Fällen nicht möglich. Aus dem Grund sollte man versuchen, in warmen Ländern zu trainieren, oder auch in Deutschland adaptieren. Mit Saunagängen, mit heißen Wasserbädern, also Hitze ins Training mit einbeziehen.

Wie gefährlich sind die Wettkämpfe für Athleten, deren Wettbewerbe außerhalb des klimatisierten Stadions stattfinden, also für Geher und Marathonläufer?

Lichtenthal: Von Gefahr möchte ich nicht sprechen. Unvorbereitet in den Wettkampf zu gehen, wäre gefährlich. Alle unsere Athleten - wie unsere Geher, Marathon ist ja durch uns nicht besetzt - haben sich optimal vorbereitet, haben spezifische Hitzetrainings durchgeführt, konnten dadurch adaptieren. Die Geher haben schon Ende des vergangenen Jahres mit der Vorbereitung begonnen. Die Kollegen, die das betreuen, konnten schon während dieser Phase sehen, dass sich Kreislaufparameter verbessert haben, dass die Herzfrequenz runtergegangen ist, obwohl sie in Hitze trainiert haben.

Was passiert vor und während des Wettkampfes?

Lichtenthal: Vor Ort werden die Athleten ein Pre-Cooling machen. Das heißt direkt vor dem Wettkampf versuchen, die Körpertemperatur so niedrig wie möglich zu halten. Wir versuchen sie dann im Wettkampf zu kühlen. Es geht immer um die Körperkerntemperatur. Sie kann zum Teil über 40 Grad Celsius erreichen mit maximaler Belastung und auch kurzfristig toleriert werden. Wenn sie aber immens weiter steigt, kriegen wir Herz-Kreislaufprobleme, die uns dann ins Spiel bringen.

Wie sieht so ein Pre-Cooling aus?

Lichtenthal: Das sind Kühlwesten zum Beispiel und Mützen, die vorher gekühlt werden. Sie können ihr Trikot vorher kühlen, Sie können theoretisch - aber das muss man trainieren, damit kann man nicht hier anfangen - über gekühlte Getränke arbeiten, um die Körperkerntemperatur zu senken. Aber wenn Sie hier damit anfangen, dann werden Sie Magen-Darm-Probleme kriegen.

Rechnen Sie denn insgesamt damit, dass mehr Athleten kollabieren oder an ihre Grenzen kommen?

Lichtenthal: Ja. Denn ich glaube nicht, dass jeder so optimal vorbereitet wird oder vielleicht auch nicht die Möglichkeiten dazu hat. Das ist dann aber die Aufgabe der jeweiligen medizinischen Abteilung, so etwas zu erkennen und zwar frühzeitig zu erkennen. Denn es gibt ja bestimmte Anzeichen, die zeigen, 'Oh, pass auf, das ist ein Athlet, den man rausnehmen müsste'.

Welche Anzeichen sind das und in welchem Moment greifen Sie ein?

Lichtenthal: Der Hitzekollaps ist ja das, was wir verhindern wollen. Und das verhindern wir dadurch, dass wir schauen, ob die Athleten adäquat reagieren. Wenn sie auf Zuruf nicht mehr reagieren oder ihre Trinkflasche nicht mehr richtig greifen können, weil sie es koordinativ nicht mehr hinkriegen, wenn am Checkpoint keine Reaktion mehr kommt, verspätete Reaktion kommt, wenn ein leicht schwankender Blick da ist, das sind erste Anzeichen.

Was nicht heißt, dass man sofort jemanden rausnimmt, was aber bedeuten kann, dass wir die Kühlung erhöhen müssen, vielleicht mehr Flüssigkeit geben müssen. Wir werden auf alle Fälle sehr, sehr aufpassen und gegebenenfalls müssen wir uns als medizinisches Team aufteilen an der Strecke und an verschiedenen Posten stehen um zu beobachten, ob diese Symptome nachlassen oder zunehmen. Wir haben ja schon häufiger diese schwankenden Marathonläufer oder Geher gesehen, das wollen wir nicht haben. Wenn wir das Gefühl haben, dass wir darauf hinauslaufen, werden wir ihn rausnehmen.

"Mich stresst persönlich, dass mir kein Arzt, kein Experte sagen kann, wie sich mein Körper unter diesen extremen Bedingungen verhält. Im schlimmsten Fall falle ich nach 19,5 Kilometern um, weil ich mich übernommen habe, weil mein Körper zu heiß geworden ist." 20-km-Geher Christopher Linke

Werden Sie an der Strecke in Doha mit mehr Leuten als gewöhnlich vertreten sein?

Lichtenthal: Wir haben unsere zwei Spezialisten dabei, die das ganze Jahr über top betreut haben. Sie werden als direkte Betreuer an der Strecke sein. Zwei Ärzte, also meine internistische Kollegin und ich, werden vor Ort sein. Wir wollen außerdem versuchen, zwei Physiotherapeuten dort zu haben. Wir verdoppeln das Team im Prinzip also.

In Doha kommt bei einigen Athleten im Ausdauerbereich ab 10.000 m eine elektronische Hitzepille zum Einsatz. Wie wird sie genommen und wozu genau ist sie gut?

Lichtenthal: Das ist eine ganz kleine Kapsel, die problemlos zu schlucken ist und mit dem Stuhl ausgeschieden wird. Da ist ein Sensor drin, der während der ganzen Passage des Magen-Darm-Trakts die Temperatur misst und das kann dann über ein externes Gerät ausgelesen werden. Es geht primär nicht darum, dass wir hier erfahren, welche Temperatur da ist, sodass wir gegebenenfalls jemanden rausnehmen können. Das ist nicht möglich. Die Ergebnisse sind für die Zukunft wichtig. Ich bin eindeutig ein Befürworter dieser Kapsel.

Was passiert dann mit den Daten?

Lichtenthal: Sie dienen der Forschung. Wie reagiert der Körper, mit welcher Hitze kann man am besten laufen? Rein medizinisch gehen wir davon aus, dass es bei bestimmten Temperaturen auch zu Toxin-Ausschüssen kommt im Darm und deswegen möglicherweise plötzlich Leistungsabfälle entstehen können. Das ist hochinteressant. Als wissenschaftlich interessierter Mediziner ist man natürlich gespannt auf die Ergebnisse. Ich glaube aber, wenn sie da sind, können wir sicherlich auch trainingsadaptiert Veränderungen vornehmen und wie beim Höhentraining vielleicht Wärmetraining forcieren.

Ist die WM in Doha für Sie auch ein wichtiger Test für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr in Tokio? Die klimatischen Bedingungen werden ebenfalls extrem sein.

Lichtenthal: Definitiv. Denn ich gehe mal davon aus, dass wir da kein gekühltes Stadion haben werden. Das sind schon mal Proben für die Olympischen Spiele und wir sind ja immer daran interessiert, uns zu verbessern.

Das Interview führten Claudia Hoogestraat und Bettina Lenner, Doha

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 27.09.2019 | 16:10 Uhr

Stand: 27.09.19 12:00 Uhr