Amdouni im Nationaldress in Berlin 2018 © imago images / Bildbyran Foto: Bildbyran

28:51 min | 03.10.2019 | Das Erste

Geheimsache Doping - Spur nach Nordafrika

Der Leichtathletik-Weltverband hat Marokko vor zwei Jahren von der Doping-Watchlist genommen. In dem Land drängt sich allerdings der Eindruck paradiesischer Zustände auf - für Doper.

Doping

Hat Frankreichs Europameister Amdouni gedopt?

von Hajo Seppelt, Grit Hartmann, Edmund Willison, Jörg Winterfeldt

Der ARD-Dopingredaktion liegen schwere Vorwürfe gegen den Franzosen Morhad Amdouni vor. Im Verlauf der Recherche erhielt ein Informant Morddrohungen. Amdouni ist schon der zweite französische Läufer im Zwielicht.

Der Star führt ein unscheinbares Leben. Er wohnt mit seiner Frau und einem kleinen Kind in einer dieser typischen Kleinstädte, mit deren Hilfe Paris sich unauffällig immer weiter ausbreitet. Dort, wo früher Bauern Äcker bewirtschafteten. Doch weil der karge Raum in der französischen Metropole längst nicht mehr ausreicht für die Massen, die der Anziehungskraft erliegen, schießen rundherum statt Nutzpflanzen längst Pendlerstädte aus dem Boden.

Weil viele Wohnungen nach langen Arbeitstagen in Paris höchstens zum Schlafen genutzt werden oder sogar an Touristen vermietet werden, lässt es sich hier vortrefflich unerkannt leben. Und offenbar genießt Morhad Amdouni diese Anonymität. Kaum einer der Nachbarn nimmt Notiz von dem Mann, der im vergangenen Jahr in Berlin bei der Europameisterschaft über 10.000 Meter schneller rannte als alle Konkurrenten. Er lebt mit seiner Familie im Erdgeschoss, und weil die weißen Rollläden vor seinen Fenstern beinahe häufiger geschlossen als geöffnet sind, lässt sich zuweilen der Eindruck gewinnen, der Weltklasseathlet verstecke sich.

Gold und Bronze in Berlin

Womöglich hat er dazu allen Grund. Lange Jahre galt der mit tunesischen Wurzeln auf Korsika geborene Morhad Amdouni, 31 Jahre alt, als einer der kommenden Stars der französischen Leichtathletik. Doch nacheinander schmerzten Achillessehne, Knie, Ischias, so ziemlich alles, was einem Läufer Leiden bereiten kann. Erst mit 30 Jahren, in der Neige seiner Athletenkarriere, gelang Amdouni vergangenes Jahr der ganz große Erfolg: Bei den Europameisterschaften in Berlin gewann er Gold über 10.000 Meter und Bronze über 5.000 Meter.

Nun aber deutet vieles darauf hin, dass die spektakuläre Spätentwicklung weit weniger wundersam ist als sie gewirkt haben mag. Der ARD-Dopingredaktion liegen konkrete Hinweise vor, die den Verdacht erwecken, der Franzose Amdouni könnte zumindest 2017 gedopt haben. Insidern seines nationalen Leichtathletik-Verbandes sind seine Leistungen wegen einiger Auffälligkeiten ohnehin suspekt. Da passte das jüngste Verhalten des flinken Franzosen ins Bild: Nach wochenlangem Training in Katar reiste Amdouni plötzlich eilig genau dann aus der Wüste ab, als alle Kollegen allmählich zur WM eintrudelten.

Wegen eines angeblichen Trainingsrückstandes durch eine Verletzung verzichtete er auf seinen WM-Start. Auffällig der Zeitpunkt: Kurz zuvor hatte die ARD über den französischen Verband offiziell eine Interviewanfrage bei Amdouni gestellt, um ihn mit dem Verdacht zu konfrontieren. Davor hatte er schon erfahren, dass die ARD-Dopingredaktion zu ihm und seinem - wie sich später herausstellen sollte - gefährlichen Umfeld recherchiert hatte.

13 verschiedene Meldeorte binnen 15 Tagen

Für den Französischen Leichtathletik-Verband kommt der Vorgang einer Katastrophe gleich. Im Frühjahr erst geriet seine prominenteste Athletin in der Sparte Marathon ins Zwielicht: Clemence Calvin floh in Marokko vor Dopingkontrolleuren. Die Umstände sind etwas umstritten, die Beweislage womöglich kompliziert, aber die Dopingjäger vermitteln nachdrücklich den Eindruck, dass Calvin eine Dopingkontrolle mit allen Mitteln verhindern wollte. Sie hatte zu der Zeit in 15 Tagen 13 Mal ihre Meldeadresse für Kontrollen geändert. Das sportrechtliche Verfahren läuft. Zum Vorgang um Amdouni teilt der französische Verband mit, er habe "keine Kenntnis von Fehlverhalten im Zusammenhang mit dem Einsatz von Dopingsubstanzen des französischen Athleten Morhad Amdouni".

Amdouni beim Diamond League-Meeting in Brüssel 2015 © imago images / Belga Foto: Belga

Auffällig: Nur wenige Wettkämpfe, kaum Vorbereitung und doch feierte Amdouni in den vergangenen Jahren seine größten Erfolge.

Erste Fragezeichen zu Amdouni ergaben sich schon aus dessen Wettkampfkalender in den vergangenen Jahren. Startete er 2016 noch vergleichsweise oft - der Welt-Leichtathletikverband IAAF listet 12 Starts in zehn Veranstaltungen - so ging die Aktivität in der Folge rapide zurück. Nie mehr als drei Veranstaltungen pro Jahr - während Amdouni gleichzeitig seine größten Erfolge erzielte. Zuletzt in diesem Jahr eine Zeit von 2:09 Stunden beim Pariser Marathon, in einer Disziplin, die er neu anging und in einem Wettbewerb, auf den er angeblich kaum vorbereitet war. Dopingexperten werten auffällig wenige Starts bei gleichzeitig großen Erfolgen als einen verdächtigen Parameter von vielen in einem für einen Doper typischen Profil.

Eine Packung EPO, eine Packung Wachstumshormon

Zudem trainiert Amdouni sehr gern sowohl individuell in abgelegenen Orten. Mal trainiert der Franzose in Doha, mal in der marokkanischen Hochebene von Ifrane oder in Südafrika, mal auf Korsika. Für Dopingkontrolleure sind solche Athleten extrem schwer zum Testen aufzutreiben. "Es ist bekannt, dass es für eine Agentur wie uns komplizierter ist, Dopingkontrollen im Ausland statt auf eigenem Staatsgebiet zu veranlassen", sagt Mathieu Teoran, Generalsekretär der Französischen Anti-Doping-Agentur AFLD, "es ist teurer, setzt mehr Informationen voraus." 

Der ARD-Dopingredaktion liegt zudem eine Whatsapp-Kommunikation vor von einer Person, die Amdouni Dopingmittel verschafft haben will und eine Restzahlung anmahnt. "Wenn ich nicht morgen mein Geld bekomme, Mourad, wird Dir das leid tun, und Du wirst dabei der Verlierer sein, Weil ich es nicht mag, wenn die Leute mich ausnutzen", heißt es da, "nur damit Du es weißt Du hast eine Packung EPO gekauft und Du hast eine Packung Wachstumshormon!!!!" Und weiter: "Ich werde es Dir noch einmal sagen, ich will mein Geld morgen, 150 Euro." Die abweichende Schreibweise des Vornamens kann sich daraus erklären, dass in Nordafrika der Franzose gern auch Mourad Hamdouni genannt wird. 

"Die töten für 1000,- Euro"

Derjenige, der diese Zeilen schrieb, versichert gegenüber der ARD-Dopingredaktion die Echtheit an Eides Statt. Außerdem bestätigen weitere Personen, der Kontakt mit der Handynummer, den das Whatsapp-Profil anzeigt, sei tatsächlich der von Morhad Amdouni.

Als die ARD-Dopingredaktion vergangene Woche versuchte, Amdouni zu der Kommunikation und den Vorwürfen zu Hause zu befragen, wollte er nicht antworten. "Es ist einfach unglaublich, über solche Dinge zu reden, es gibt nichts", sagte er im Treppenhaus, "es gibt nichts dazu zu sagen, es gibt nichts."

Ein weiteres, der ARD-Dopingredaktion überlassenes Whatsapp-Protokoll über den Fortgang der Ereignisse legt den Verdacht nahe, in der Dopingszene herrschten Verhältnisse wie in der organisierten Kriminalität. Unmittelbar nach der Konfrontation Amdounis in der Nähe von Paris erhielt ein Informant unmissverständliche Drohungen per Whatsapp aus dem Umfeld Amdounis.  

"Du bist in deiner eigener Welt XXX - es gibt in Frankreich Russen, Rumänen .. die töten für 1000,- Euro und Du, Du spielst damit ..  Eines Tages werden sich all die Athleten, denen Du Böses angetan hast, gegen Dich stellen .. davon gab es welche .. so ist es im Leben .."

Der Informant antwortete: "Falls jemand mir etwas antut, bereue ich nichts." Und: "XXX ich habe Angst vor niemandem."

Woraufhin die andere Person schrieb: "Ok dann arbeite doch weiter mit der Anti-Doping-Agentur zusammen wie bisher auch schon."

Amdouni selbst schickte später auf einen 16 Fragen umfassenden Katalog, der ihm in seinen Briefkasten geworfen worden war, nur eine kurze Stellungnahme in französischer und deutscher Sprache per Email, in der er auf keine einzige Frage konkret einging. Er schrieb, es ginge ihm darum, "jegliche Fehlinterpretation zu vermeiden” und sprach von einer "unbegründeten Aussage” gegen seine Person. Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion interessiert sich inzwischen auch die französische Polizei für seinen Fall.

 

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 03.10.2019 | 16:00 Uhr

Stand: 03.10.19 12:00 Uhr