Der WM-Marathon der Frauen in Doha © imago images/Bildbyran

154:14 min | 27.09.2019 | Das Erste

Der WM-Marathon der Frauen in voller Länge

Was für eine Strapaze! Mehr als 20 Läuferinnen sind beim WM-Marathon von Doha ausgestiegen. Am Ende gewann Ruth Chepngetich aus Kenia. Das ganze Nacht-Rennen zum Nachschauen im Video.

Hitzeschlacht

Marathon: Groteskes Rennen vor Geisterkulisse

von Bettina Lenner aus Doha

In der hellerleuchteten Nacht von Doha erlebte die Leichtathletik eine schwarze Stunde: Nur 40 der 68 gestarteten Marathon-Teilnehmerinnen kamen in Katars Hauptstadt bei brutalen Bedingungen und vor geisterhafter Kulisse ins Ziel. Werbung für den Sport war das nicht.

Marathonläuferin Mayada Al Sayad © Thomas Luerweg Foto: Thomas Luerweg

Gelungenes Ende einer Strapaze: Mayada Al Sayad im Ziel.

Als Mayada Al Sayad unter dem gleißenden Flutlicht nach 3:10:30 Stunden als 39. ins Ziel kam, blieb kaum noch Kraft zum Jubeln. Dabei hatte die Berlinerin vom VfL Fortuna Marzahn, die für Palästina startet, allen Grund dazu. Sie hatte den tropischen Temperaturen mit 32 Grad und 73 Prozent Luftfeuchtigkeit getrotzt und die 42,195 Kilometer bewältigt - das war einer ganzen Reihe anderer Athletinnen nicht gelungen.

"Es war schrecklich"

28 der 68 gestarteten WM-Teilnehmerinnen schafften es nicht ins Ziel, stiegen zum Teil schon relativ früh aus. Wie die Italienerin Sara Dossena. Die EM-Sechste von Berlin 2018, mit einer Bestzeit von 2:24 Stunden angereist, streckte nach zwölf Kilometern die Waffen und war bitter enttäuscht: "Man kommt voller Energie her, hat sich monatelang gut vorbereitet, aber es ist einfach unmöglich, hier zu laufen. Es war schrecklich. Ich konnte nicht atmen, mein Herz hat gerast, ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt", schilderte die 34-Jährige ihre Tortur. "Das ist hier kein Marathon. Es geht nicht darum, den Rhythmus zu finden. Es ist einfach ein langer Lauf, den man durchhalten muss. Und wer am Besten damit klarkommt, ist vorne."

Langsamste Siegeszeit der WM-Geschichte

Vor geisterhafter Kulisse gewann die Kenianerin Ruth Chepngetich den ersten Nacht-Marathon bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Ihre 2:32:43 Stunden waren die langsamste Siegeszeit der WM-Geschichte. Beim Zieleinlauf der neuen Weltmeisterin war kaum Jubel zu hören, die Haupttribüne war gähnend leer. Nur am Anfang standen noch einige Tausend Zuschauer am Kurs über sechs Runden á 7 Kilometer an der Strandpromenade Corniche, die allerdings keinerlei Stimmung entfachten. Stattdessen: nächtliche Stille. Keine Aufmunterung, kein Anfeuern, kein Klatschen.

Mit zunehmender Renndauer gaben immer mehr Teilnehmerinnen auf. "Es war wirklich beängstigend, einschüchternd und entmutigend", sagte Kanadas Lyndsay Tessier, die Neunte wurde: "Ich bin einfach nur sehr dankbar, dass ich auf den Beinen ins Ziel gekommen bin." Einige Läuferinnen kollabierten und mussten mit Infusionen versorgt werden. Andere, die es bis zum Schuss geschafft hatten, brachen in Tränen aus und konnten den Zielbereich nur im Rollstuhl verlassen. "Ich denke, es war gefährlich für die Athletinnen", sagte Dossena.

"Froh, dass ich es geschafft habe"

"Die Bedingungen waren sehr hart. Ich bin froh, dass ich es geschafft habe. Bei Kilometer 35 habe ich gemerkt, dass meine Beine immer schwerer wurden. Es war eine Herausforderung, durchzuhalten und zu kämpfen", sagte Mayada Al Sayad, die sich in Andalusien auf die WM vorbereitet hatte. "Wir haben dort bewusst in der Mittagshitze trainiert. Wie ich das mit der Luftfeuchtigkeit hinbekommen habe, weiß ich allerdings auch nicht", so die olympische Fahnenträgerin von Rio, die sich in diesem Jahr auf 2:39:25 Stunden gesteigert hat.

"Hat mit normalem Wettkampf nichts mehr zu tun"

Cecilia Norrbom aus Schweden im Rollstuhl nach ihrer Aufgabe beim WM-Marathon in Doha. © imago images/Bildbyran

Viele Läuferinnen waren völlig am Ende ihrer Kräfte.

"Das hat mit einem normalen Wettkampf nichts mehr zu tun, auch wenn man die Zeiten sieht. Der Athlet kommt ja an sich her, um Bestzeit zu laufen. Eigentlich dürfte man den Marathon nicht starten lassen bei diesen Temperaturen", monierte ihre Mutter Antje, die ebenso wie Vater Mauwiyah, der aus Palästina stammt, an der Strecke mitfieberte. "Man hätte die Weltmeisterschaft woanders austragen können", meint auch die Tochter, die dennoch mit Recht stolz war, ihr Ziel erreicht zu haben: ankommen. Nicht in Doha zu starten, und vielleicht stattdessen den am Sonntag stattfindenden Berlin-Marathon in ihrer Heimatstadt zu laufen, sei keine Option gewesen, so Mayada Al Sayad: "Es war mir wichtiger, an der Weltmeisterschaft teilzunehmen. Es ist eine Ehre für mich, für Palästina zu starten."

Ergebnisse

Leichtathletik, Marathon, Frauen, Rennen

Gold Flagge Kenia KEN Ruth Chepngetich
Silber Flagge Bahrain BRN Rose Chelimo
Bronze Flagge Namibia NAM Helalia Johannes
4. Flagge Kenia KEN Edna Ngeringwony Kiplagat
5. Flagge Weißrussland BLR Wolha Masuronak

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 27.09.2019 | 16:10 Uhr

Stand: 28.09.19 06:25 Uhr