Niklas Kaul © picture alliance/Morry Gash/AP/dpa Foto: Morry Gash

02:13 min | 06.10.2019 | Das Erste | Autor/in: Sven Kaulbars

WM-Bilanz: Viel Jubel in, aber auch Kritik an Doha

Die 17. Leichtathletik-Weltmeisterschaften sind vorbei. Was bleibt? Viel deutscher Jubel in, aber auch unüberhörbare Kritik an Doha. Sven Kaulbars zieht Bilanz.

Bilanz

DLV-Athleten überzeugen bei WM der Extreme

von Bettina Lenner aus Doha

Die deutschen Leichtathleten haben bei den 17. Weltmeisterschaften in Doha trotz vieler Ausfälle überzeugt. Weitspringerin Malaika Mihambo und Zehnkämpfer Niklas Kaul holten Gold bei den Titelkämpfen im heißen Golf-Emirat Katar, die für viele Diskussionen sorgten.

Die Vorzeichen standen nicht allzu gut. Gleich reihenweise hatte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) im Vorfeld der Welt-Titelkämpfe prominente Ausfälle zu beklagen. Am Ende war das 71-köpfige deutsche Team bei einer WM auf hohem sportlichen Niveau mit sechsmal Edelmetall - zweimal Gold und viermal Bronze - vor allem qualitativ voll im Soll. In London vor zwei Jahren waren es fünf Medaillen (1, 2, 2) gewesen. "Wenn man bedenkt, dass das Team nicht komplett war, was die Leistungsträger angeht, haben sich unsere Athleten bei der WM hervorragend geschlagen und mehr gebracht, als wir vorher erwartet haben", sagte DLV-Präsident Jürgen Kessing.

Mihambo und Kaul schreiben Geschichte

Gleich mehrere DLV-Asse trugen sich dabei in die Geschichtsbücher ein. Wie Weitspringerin Malaika Mihamo, die am Schlusstag ihrer Favoritenrolle mit beeindruckender Souveränität gerecht wurde und sich 26 Jahre nach dem Triumph von Heike Drechsler in Stuttgart mit persönlicher Bestleistung von 7,30 m Gold holte. Ebenfalls zum Abschluss der WM eroberte Titelverteidiger Johannes Vetter nach einem schwierigen Jahr mit vielen Verletzungen Speerwurf-Bronze. Für das erste DLV-Gold hatte zuvor Niklas Kaul mit einem Paukenschlag gesorgt: Mit erst 21 Jahren avancierte er sensationell zum jüngsten Zehnkampf-Weltmeister der Geschichte."Wir haben ein neues Gesicht, einen Sympathieträger, der uns für die Zukunft hoffen lässt", so Kessing.

Klosterhalfen blendet Salazar-Sperre aus

Gerade die jüngste Garde machte die WM in Doha für die deutschen Leichtathleten zu einem Erfolg - die Zukunft sieht über Olympia 2020 in Tokio hinaus rosig aus. Erst am Anfang steht auch Konstanze Klosterhalfen, die ebenso wie Gesa Felicitas Krause bewies, was mit Hingabe und Fleiß erreichbar ist. Während Krause in deutscher Rekordzeit wie vor vier Jahren über 3.000 m Hindernis Bronze gewann, holte das Ausnahmetalent als Drittplatzierte die erste deutsche Medaille über 5.000 m überhaupt. Sie meisterte dabei als junge Athletin die keineswegs leichte Aufgabe, die Sperre für Alberto Salazar auszublenden, den Starcoach des Nike Oregon Projects (NOP), zu dem sie seit April gehört.

Geht es nach der 22-Jährigen, wird sie "tausendprozentig" in den USA bleiben, wo sie unter Pete Julian trainiert. Aus ihrer Sicht nachvollziehbar, aber auch ein Risiko, was ihre Reputation betrifft. Erste Gespräche zwischen ihrem Management und dem DLV haben bereits stattgefunden, weitere werden folgen. "Wir werden uns austauschen und beratend einwirken", sagte DLV-Generaldirektor Idriss Gonschinska.

Schwanitz in der Riege der starken Mütter

Zu den "jungen Wilden" zählt auch Bo Kanda Lita Baehre, der vor einer großen Stabhochsprung-Karriere steht: Bei seinem WM-Debüt wurde der 20-Jährige in einem hochklassigen Finale Vierter. "Ich bin hellauf begeistert, dass wir solche Sportler haben, die in einem so frühen Karrierestadium schon international mithalten können bis hin zu Goldmedaillen", sagte Kessing.

Während Kaul, Klosterhalfen und Co. an der Spitze einer neuen Leichtathletik-Generation stehen, brachte Zwillingsmama Christina Schwanitz mit ihrem dritten Platz eine ganz andere Botschaft unters Volk. Seht her, es geht doch! Für die Kugelstoßerin, die ihre zehnte Medaille bei einer großen internationalen Meisterschaft verbuchte, fühlte sich Bronze an wie Gold. Sie reihte sich ein in die Liste starker Mütter, die in Doha für Furore sorgten - wie Shelly-Ann Fraser-Pryce, die Gold über 100 m sowie mit der Sprintstaffel holte, Weltrekordlerin Liu Hong, die ihren insgesamt dritten WM-Triumph im Gehen feierte, oder Allyson Felix. Der US-Star, bereits im Vorfeld an der Spitze der erfolgreichsten WM-Athleten aller Zeiten, fügte seiner imposanten Medaillensammlung Gold Nummer 12 (Mixed-Staffel) und 13 (4x400 m) hinzu.

Ungeheuer hohes Niveau

Sportlich bewegten sich die globalen Titelkämpfe auf einem ungeheuer hohen Niveau: das beste Kugelstoß-Finale der Männer in der WM-Historie, der Weltrekord von Dalilah Muhammad (52,16 Sekunden) über 400 m Hürden, die fantastischen 48,14 Sekunden von Salwa Eid Naser über 400 m flach, das erste Double über 10.000 m und 1.500 m durch Sifan Hassan - Leistungen der Extraklasse.

Für eine der schönsten Szenen sorgten jedoch zwei Athleten, die mit der Medaillenvergabe nichts zu tun hatten: Im Vorlauf über 5.000 m schleppte der hoffnungslos abgeschlagene Braima Suncar Dabo aus Guinea-Bissau seinen völlig entkräfteten Kontrahenten Jonathan Busby fast eine ganze Runde lang bis ins Ziel. Ganz großer Sport!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 27.09.2019 | 16:10 Uhr

Stand: 06.10.19 22:43 Uhr