Justin Gatlin (l.) und Usain Bolt © dpa - Bildfunk Foto: Tim Ireland/AP/dpa

Busemanns WM-Orakel

Busemanns WM-Orakel: Plötzlich Platz für andere im Sprint

Mit der WM in Doha bricht im Sprint die Post-Boltsche Ära an. Wer tritt in die überdimensionalen Fußstapfen des Jamaikaners? Was geht für das deutsche Frauen-Quartett, die eine Duftmarke mit Doppelsternchen gesetzt hat? Und wer sind die zwei Zwei Heißdüsen, die Hürden-Olympiasieger McLeod jagen? Das alles beantwortet Frank Busemann in seinem Sprint-Orakel.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der die prägende Figur der vergangenen zehn Jahre auch altersbedingt der Versuchung erlegen ist, als Renn-Rentner Fußballprofi zu werden. Es gibt Gründe, weshalb Fußballer täglich trainieren. Und Sprinter sprinten. Usain Bolt hat alles abgeräumt, was es zu gewinnen gibt und der Dekade seinen Stempel aufgedrückt. Plötzlich ist Platz für andere.

Und jährlich grüßt der Gatlin

Einer, der schon immer da war, aber manchmal auch ganze lange weg, weil er sich im heimischen Medikamentenschrank vergriffen hatte, mehrmals, der war in London 2017 auf einmal ganz vorne. Das Publikum war geschockt. Mit gerade einmal 37 Jahren ist Titelverteidiger Justin Gatlin auch 2019 wieder zur Stelle, wenn es um Gold, Silber und Bronze geht. Als Favorit geht aber der Hallenweltrekordler und Weltjahresschnellste Christian Coleman ins Rennen, der im Vorfeld der WM für Aufsehen sorgte, als publik wurde, dass er in 12 Monaten drei Dopingkontrollen verpasste. Dann wurde nochmal genau nachgezählt, Entwarnung, es waren 12 Monate und 25 Tage. Läuft doch. Cool, Mann.

200 m: Noah Lyles das Nonplusultra

Über die doppelte Distanz müsste Noah Lyles es in Turnschuhen nur ins Stadion schaffen, dann wäre ihm Gold sicher. Wenn da nicht der bald 23-jährige Nigerianer Divine Oduduru und andere oder Linien auf der Bahn oder Fehlstartregeln oder was auch immer es geben könnte auf dem Weg zum Weltmeistertitel wären. Der Amerikaner ist momentan das Nonplusultra auf der Strecke und kann eine Ära (in Sport und Entertainment) prägen. Interessant wird auch sein, wie sich der erst 20-jährige Kenny Bednarek schlägt, der als vierter Mann der Amis nominiert wurde, weil Lyles die Diamond League gewann.

Sprinter sprinten - Rugby-Spieler rugbien

Frank Busemann blickt in eine Glaskugel (Montage) © picture alliance, fotolia.com Foto: Sascha Baumann, Klaus Eppele

Frank Busemann blickt in seinem Orakel auf die WM in Doha voraus.

Bei den 400 m werden wir schmerzlich den Weltrekordler Wayde van Niekerk vermissen, der seinen Fokus in Richtung Tokio 2020 lenkt. Er hat sich vor zwei Jahren bei einem Prominenten-Rugby-Spiel das Kreuzband gerissen. Sprinter sprinten - Rugby-Spieler rugbien. Hatten wir das nicht schon mal irgendwie ähnlich? Mann, Wayde, hättest du mal mit Usain gekickt, dann wären die Hacksen jetzt noch heil.

Aber in die Bresche werden wieder einmal die Amerikaner springen, die mit Michael Norman und Fred Kerley zwei Athleten haben, die das Potenzial zum Weltrekord haben werden. Mit Nathan Strother ist die Siegerehrung Trump-like. Make America Great Again.

Staffeln in der Post-Boltschen Ära

In den Staffeln ist die Vorherrschaft der Jamaikaner in der Post-Boltschen Ära beendet und die Amerikaner können sich das Staffelholz wieder gemächlich von vorn in die Hose stecken und werden trotzdem gewinnen. In der Langstaffel sogar knapp über dem Weltrekord. Wenn da nicht das Klima wäre. Sprinter lieben warme Bedingungen. Das ist wirklich gut für schnell zuckende Muskulaturen. Abzuwarten bleibt, was es bedeutet eine ganze Woche in der Bullenhitze im Kreis zu flitzen. Aufwärmen, Vorbelastung, Call-Room, warm halten (oder besser: kalt werden), auspowern, auslaufen, runterfahren.

Asher-Smith vs. jamaikanische Sprintdominanz

Bei den Damen hingegen ist die alte jamaikanische Sprintdominanz noch in das Jahr 2019 gerettet. Elaine Thompson und Nähmaschine Shelly-Ann Fraser-Pryce (beide 10,73) hatten bis zum Diamond-League-Finale in Brüssel vor der drittbesten Meldezeit von Dina Asher-Smith einen gehörigen Sicherheitsabstand. Den hat sie verkürzt und mit dem Sieg in 10,88 Sekunden ein Ausrufezeichen gesetzt. Das US-Team gönnt sich dank der Trials den Luxus, mit den national besten Leistungen der Plätze 4, 16 und 23 anzureisen. Bei den US-Meisterschaften herrschte starker Gegenwind und die drei Qualifizierten laufen in der heimischen Jahresbestenliste eher versteckt durchs Mittelfeld.

Pinto und Lückenkemper wissen, wie schnell geht

Tatjana Pinto (hinten) und Gina Lückenkemper © imago images / Nordphoto

Deutsche Sprinthoffnungen: Gina Lückenkemper (vorne und Tatjana Pinto.

Aus deutscher Sicht starten mit Tatjana Pinto und Gina Lückenkemper zwei Athletinnen, die wissen, wie schnell eine blanke 11 ist. Sauschnell. Mit einem glücklichen Halbfinale kann man in diesem Jahr mit einer kleinen 11 ins Finale kommen. Pinto scheint bis jetzt die stärkste Deutsche zu sein, was Lückenkemper gern zu ihren Gunsten verändern will. Die mäßigen 11,45 in Brüssel waren ein letzter Test, der mit der jetzt gewonnenen Frische wieder eher Richtung ISTAF laufen sollte. Für die im vergangenen Jahr begeisternde Lisa Marie Kwayie geht es darum, weiter Erfahrung auf der internationalen Bühne zu sammeln und sich für die Staffel freizulaufen.

Wundertüte 200 m Frauen

Bei den 200 m gibt es keine klare Favoritin. Shaunae Miller-Uibo scheint favorisiert, aber steht in Konkurrenz zu den 400 m. Da die ersten beiden Runden über 200 und 400 m fast parallel stattfinden, ist ein Doppelstart ausgeschlossen. Pinto ist in diesem Jahr ihre Bestleistung gelaufen und würde genau wie Kwayie wieder in dem Bereich das Ziel erreichen, was dem Einzug ins Halbfinals gleichkäme. Allerdings bleibt auch abzuwarten, ob die Chancen in der Staffel individuellen Möglichkeiten nicht überstellt werden. Die Dritte im Bunde, Jessica-Bianca Wessolly, möchte sich in der ersten Runde so teuer wie möglich verkaufen.

Miller-Uibo will endlich mal Weltmeisterin werden

Über die 400 m will Miller-Uibo auf ihrer Hausstrecke nach dem Olympiasieg in Rio auch endlich mal Weltmeisterin werden, nachdem sie in London bei 380 Meter einen ungewohnten Kolbenfresser erleben musste. Doch die Konkurrenz sitzt ihr im Nacken. Die junge Salwa Eid Naser ist die größte Wundertüte und mit dem Sieg in der Diamond League eine ernstzunehmende Herausforderin. Sie kann die lange Läuferin von den Bahamas am ehesten gefährden.

Duftmarke mit Doppelsternchen des DLV-Quartetts

In der 4x100-m-Staffel gehen die deutschen Damen mit der Bürde der Weltjahresbestleistung an den Start. Kenner der Szene wissen, dass die großen Nationen im Vorfeld nur bedingt ihre besten Pferde zusammen auf die Bahn lassen. Dennoch sind die beim ISTAF erzielten 41,67 eine Duftmarke mit Doppelsternchen. Klappen die Wechsel, patzen die anderen nur minimal, dann kann es für das deutsche Quartett atemberaubend werden. Andersrum natürlich auch. Das ist Staffel.

Deutsches Team

Die deutschen Medaillenkandidaten in Doha

Mixed-Staffeln versprechen Spannung

Spannend und gleichermaßen interessant wird die 4x400-m-Mixed-Staffel. Das, was es in manchen Sportarten schon gibt, hält nun auch in der Leichtathletik Einzug. Logischerweise haben dort die besten Viertelmeilernationen die besten Karten. Deutsche Aussichten verbessern sich mit der Tatsache, dass die Topleute mit den Einzel- und den gleichgeschlechtlichen Staffelstarts ausgelastet sind.

Bei den Hürden ist auf'm Platz wichtig

Über die Hürden wird uns die WM-Dritte und EM-Zweite Pamela Dutkiewicz verletzt fehlen. So muss einmal mehr die Europameisterin von 2016 und Vizeweltmeisterin von 2015, Cindy Roleder, die Fahnen hochhalten. Auf dem Papier und nach der Weltrangliste ist Roleder chancenlos. Der Hürdenwald birgt teilweise überraschende Überraschungen. Die Weltrekordlerin Kendra Harrison will endlich mal liefern. International hat sie sich noch nicht ihrem Leistungsstand entsprechend dekorieren können. Immer wieder verlaufen sich die Amerikanerinnen auf dem Weg zur sicher geglaubten Medaille.

Schaut euch doch mal Roleder und Dutkewiecz an! Auf'm Platz im Finale ist wichtig, nicht vorher! Für Roleder geht es in diesem Jahr nicht um die Medaillen. Der Einzug ins Finale wäre ein Riesenerfolg. Die Jamaikanerin Danielle Williams hat in Brüssel die Konkurrenz düpiert. In Doha auch? Gold für Jamaika.

Zwei Heißdüsen jagen Olympiasieger McLeod

Bei den Männern will Olympiasieger Omar McLeod seinen WM-Titel verteidigen. Aber die beiden Amis Grant Holloway und Daniel Roberts sind zwei junge Heißdüsen, die einzig durch Erfahrung in Schach gehalten werden können. Im Kampf über den Hürden sind auch solche Qualitäten von Vorteil. Orlando Ortega und Sergej Schubenkow sind zwei alte Haudegen, die davon zehren können. Gregor Traber hat aufgrund hartnäckiger Verletzungen die Saison leider vor Doha beenden müssen.

Warholm-Weltrekord-Alarm über 400 m Hürden?

Bei den 400 m Hürden könnten wir einen neuen Weltrekord sehen. Mit Titelverteidiger Karsten Warholm und Herausforderer Rai Benjamin sind zwei "Unter47er" am Start, die jung, gierig und unerschrocken sind. Aus deutscher Sicht erfreulich ist, dass mit es mit Constantin Preis und Luke Campbell zwei Athleten in die Wüste geschafft haben. Dort heißt es, locker bleiben, sein eigenes Ding durchziehen und kämpfen. Vielleicht springt am Ende der Saison noch eine Bestleistung heraus, wobei das nur über clevere Euphorie gehen könnte. Am Ende einer langen Saison mit zahlreichen Attacken auf die Norm können die Kräfte aufgebraucht sein.

Bei den Frauen hat Carolina Krafzik mit einem fulminanten Lauf bei den Deutschen Meisterschaften den Sprung in die Mannschaft gepackt und kann konzentriert, beherzt und motiviert ihren Fokus weiter auf der Langhürde schärfen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 27.09.2019 | 16:10 Uhr

Stand: 23.09.19 09:22 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)