Diskuswurf

"Schönen Feierabend": Harting scheitert und schweigt

von Bettina Lenner aus Doha

Bei Christoph Harting lief es auch in Doha nicht. Bei der Leichtathletik-WM in der Wüste verpasste er sein drittes großes Finale in Serie. Was los ist und wie er sein Formtief überwinden will, war vom Diskus-Olympiasieger nicht zu erfahren. Er hält an seinem Schweigegelübde fest.

Christoph Harting versuchte sichtlich, dem obligatorischen Gang durch die Interview-Zone nach seinem neuerlichen Scheitern in der Qualifikation einer großen Meisterschaft zu entgehen. Redete mit der Helferin, die ihm den Zugang zum langen Weg vorbei an den Journalisten aus aller Welt wies, hielt Ausschau nach einer Ausflucht über die Bande. Vielleicht, weil ihn während des Wettkampfes Kreislaufprobleme geplagt hatten. Vielleicht auch, weil er nichts zu sagen hatte - oder nichts sagen wollte. Doch es gab kein Entrinnen. Und so atmete der 29-Jährige tief durch und trat den Gang nach Canossa mit möglichst coolem Blick an.

"Vielen Dank für das Interesse an meiner Person. Ich bleibe aber meinem Weg treu: Ich gebe bis zum Abschluss der olympischen Saison keine Interviews und bedanke mich für Ihr Verständnis", gab Harting schließlich in betont freundlichem Tonfall ein kurzes Statement ab, nachdem er mit seinen schwachen 63,08 m in der Qualifikation gescheitert war: "Schönen Feierabend."

Was ist nur los?

Die große Frage, was mit Harting los ist, blieb somit unbeantwortet. Seit seinem sensationellen Triumph 2016 in Rio steckt der Berliner in der Dauerkrise. Für die WM 2017 in London konnte er sich nicht qualifizieren, bei der Heim-EM im vergangenen Jahr in Berlin blieb die Zwei-Kilo-Scheibe in der Qualifikation dreimal im Netz hängen. Ein Debakel. Auch bei den diesjährigen deutschen Meisterschaften gelang dem gebürtigen Cottbuser kein gültiger Versuch. Eine Tatsache, die ihn scheinbar kalt ließ: "Es könnte mir nicht egaler sein." Jedes Stadionfest oder jeder Werfertag in Halle habe "ein deutlich höheres Niveau als diese Meisterschaft". Schon im Vorfeld hatte er konstatiert, es gebe "wenig Unbedeutenderes als einen deutschen Meistertitel" und zudem die Teilnahme-Pflicht an der DM im Hinblick auf internationale Einsätze als "letzte Erpressungsmöglichkeit der deutschen Leichtathletik" bezeichnet.

Gonschinska zeigt sich überrascht

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) bestellte den Polizeimeister daraufhin zum Rapport. Im mehreren Gesprächen soll er sich dann einsichtig gezeigt haben. "Er hat Besserung gelobt. Und ich denke auf dem Weg zum Erwachsenwerden wird er auch eine tolle Leistung bringen", sagte DLV-Präsident Jürgen Kessing. Doch im Khalifa-Stadion wurde daraus nichts, und DLV-Generaldirektor Idriss Gonschinska zeigte sich überrascht. "Er hat ansteigende Form gehabt. Wir sind eigentlich davon ausgegangen, dass er hier in Richtung Bestleistung werfen kann." 60,31 m, 62,04 m und schließlich 63,08 m verbuchte Harting. Die Würfe seien "von den Weiten her nicht so wie zu erwarten" gewesen, sagte Chefbundestrainer Alexander Stolpe: "Aber es war zumindest von Wurf zu Wurf eine Steigerung da."

Welten zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen bei dem 2,07-m-Hünen allerdings seit geraumer Zeit Welten. Als Harting Anfang August bei der DM letztmals ausführlicher mit der Presse sprach, beklagte er zahlreiche Verletzungsprobleme in diesem Jahr. Im gleichen Atemzug sprach er aber auch davon, in Tokio wieder Olympiagold holen und den über 30 Jahre alten Weltrekord (74,08 m) brechen zu wollen. "Visionen, man muss an etwas glauben", hatte Harting gesagt, bevor er seinen Presse-Boykott bis Olympia ankündigte. Zum Weltrekord fehlten in Doha über zehn Meter. Immerhin lobte Gonschinska den "guten Kommunikationsprozess", den man pflege. Vielleicht laufen die Dinge bei Olympia in Tokio ja anders. In jeder Hinsicht. Es würde Dinge leichter machen. Für alle Beteiligten.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 29.09.2019 | 18:50 Uhr

Stand: 29.09.19 13:18 Uhr