Geher Carl Dohmann in Doha © picture alliance/Oliver Weiken/dpa Foto: Oliver Weiken

06:11 min | 29.09.2019 | Das Erste

Nachtschicht statt Party: Die Strapazen der Geher

32 Grad und eine enorme Luftfeuchtigkeit: Das 50-km-Rennen der Männer bei der Leichtathletik-WM in Doha war eine nie dagewesene Strapaze. Carl Dohmann erzählt, wie er mit der Nachtschicht umging.

Gehen

50 km Gehen im "Backofen": Dohmann starker Siebter

Carl Dohmann hat bei der Leichtathletik-WM in Doha über 50 km Gehen beim Sieg des Japaners Yusuke Suzuki einen starken siebten Rang belegt. Jonathan Hilbert wurde 23., Nathaniel Seiler kam nicht ins Ziel. Bei den Frauen siegte die Chinesin Liang Rui.

Dohmann legte in der Nacht zum Sonntag (29.09.2019) eine furiose Aufholjagd hin und sorgte damit für das beste deutsche Ergebnis bei Weltmeisterschaften über diese Distanz seit dem vierten Platz von Andre Höhne 2009 in Berlin. 

"Der Wettkampf war nicht normal"

"Mir die Top Acht als Ziel zu setzen, habe ich mich hier nicht getraut, weil die Bedingungen so schwierig sind. Ich bin total glücklich, völlig überwältigt", sagte der 29-Jährige aus Baden-Baden, der 4:10:22 Stunden benötigte: "Ich glaube, ich brauche noch ein bisschen, um das zu realisieren. Der Wettkampf war nicht normal. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich 4:10 Stunden gehe, dann hätte ich gesagt: 'Nie im Leben wird man damit Siebter.'"

"So etwas habe ich in meiner Karriere noch nicht erlebt. Wir haben mit härtesten Bedingungen gerechnet, aber dass es so hart wird, habe ich nicht erwartet. Über diesen Wettkampf wird man noch in Jahrzehnten sprechen." Carl Dohmann

Er war das Rennen recht verhalten angegangen, machte dann aber in der zweiten Hälfte Platz um Platz gut. "Ich bin total glücklich. Als Siebter habe ich nun bessere Karten für die Olympia-Qualifikation." Lange bildete er ein Verfolgerduo mit dem Spanier Jesus Angel Garcia. Der Weltmeister von 1993, der im Oktober 50 Jahre alt wird und Achter wurde, avancierte mit seinem Start zum ältesten Teilnehmer in der WM-Geschichte.

Das mit Abstand langsamste Rennen der WM-Geschichte

In der nächtlichen Hitze der katarischen Hauptstadt erreichte der Japaner Yusuke Suzuki das Ziel am Sonntagmorgen um 3.34 Uhr, mit einer Siegerzeit von 4:04:20 Stunden war es das mit Abstand langsamste Rennen der WM-Geschichte. 1991 im ebenfalls sehr heißen Tokio hatten Aleksander Potaschow (UdSSR) 3:53:09 Stunden zum Sieg gereicht. Hinter Suzuki, der sich bereits kurz nach dem Start abgesetzt hatte, holte der 43 Jahre alte Portugiese Joao Vieira Silber (4:04:59) und wurde damit ältester Medaillengewinner in der Geschichte der Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Bronze ging an den Kanadier Evan Dunfee (4:05:02). 

Hilbert 23., Seiler nicht im Ziel

Geher Jonathan Hilbert in Doha © picture-alliance Foto: Mike Egerton

"Grenzerfahrung": Geher Jonathan Hilbert in Doha.

Dohmann lag nach 4:10:22 Stunden gut fünf Minuten hinter einem Medaillenrang zurück. Jonathan Hilbert (LG Ohra) belegte Platz 23 (4:30:43), Nathaniel Seiler (Bühlerthal) wurde nach 42 Kilometern von den DLV-Ärzten aus dem Wettkampf genommen und musste medizinisch versorgt werden. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. "Alle, die durchgekommen sind, sind Helden", sagte Hilbert nach seiner WM-Premiere. Nach 35 Kilometern habe er gemerkt, dass "die Körperkerntemperatur angestiegen ist. Da habe ich angefangen zu frieren, das ist ein Zeichen dafür, dass die Temperatur in Richtung 39,5 Grad geht. Es war eine Grenzerfahrung und eine extreme Herausforderung." Von den 46 gestarteten Teilnehmern bei den Männern kamen nur 28 ins Ziel, 14 stiegen aus, 4 wurden disqualifiziert.

"In einen Backofen geschoben"

Dramatische Szenen kollabierender Athleten wie beim Frauen-Marathon in der Nacht zuvor blieben bei erneut rund 32 Grad und 73 Prozent Luftfeuchtigkeit weitgehend aus. Dennoch mussten einige Starter und Starterinnen den Bedingungen Tribut zollen. Prominenteste Ausfälle waren Titelverteidiger und Weltrekordler Yohann Diniz (41/Frankreich) sowie Rio-Olympiasieger Matej Toth (36/Slowakei). 

"Da draußen haben sie uns in einen Backofen geschoben. Sie haben aus uns Meerschweinchen gemacht, Versuchstiere", sagte Diniz. Der 41-Jährige weiß, was Leiden sind: Bei Olympia in Rio brach er zusammen, er ging weiter, Magen und Darm rebellierten für jedermann sichtbar, doch Diniz kämpfte sich ins Ziel. In Doha warf er nach nicht einmal 20 Kilometern das Handtuch.

Ergebnisse

Leichtathletik, 50 km Gehen, Männer, Rennen

Gold Flagge Japan JPN Yusuke Suzuki
Silber Flagge Portugal POR Joao Vieira
Bronze Flagge Kanada CAN Evan Dunfee
4. Flagge Volksrepublik China CHN Wenbin Niu
5. Flagge Volksrepublik China CHN Yadong Luo
7. Flagge Deutschland GER Carl Dohmann
23. Flagge Deutschland GER Jonathan Hilbert
Flagge Deutschland GER Nathaniel Seiler

Puls zum Teil in "astronomischer Höhe"

"Es war schwierig zu atmen. Ich bin mit Pulsmesser gegangen, was sich als sehr, sehr wichtig herausgestellt hat. Ich habe ihn sehr lange angelassen, bis Kilometer 40. Weil ich mir dachte: 'Es wird noch härter, es wird noch härter.' Hier hat sich die Summe aus vielen Faktoren bezahlt gemacht. Ich habe gut trainiert und mich fit gefühlt - viel getrunken, kohlenhydrathaltig und salzhaltig. Die Mütze mit dem Eis hat auch geholfen", sagte Dohmann, dessen Puls im Rennen zum Teil auf "astronomische Höhe" schnellte. "Wir sind Rundenzeiten gegangen, da bin ich im Training schneller."

Chinesin Liang Rui bei den Frauen vorn

Bei den Frauen, die zeitgleich mit den Männern gestartet waren, siegte die Chinesin Liang Rui in 4:23:26 Stunden vor ihrer Landsfrau Li Maocuo (4:26:40) und Elenonora Giorgi aus Italien (4:29:13). Deutsche Teilnehmerinnen waren nicht dabei. Wegen der noch extremeren Wetterbedingungen wurde der Start der Frauen über 20 km heute um 30 Minuten auf 22.59 Uhr (MESZ), also kurz vor Mitternacht in Doha, verlegt. War es medizinisch vertretbar, die Geher über 50 km an den Start zu schicken? "Das muss die Politik entscheiden. Wir müssen handeln", sagte DLV-Mannschaftsarzt Matthias Kieb der ARD.

Ergebnisse

Leichtathletik, 50 km Gehen, Frauen, Rennen

Gold Flagge Volksrepublik China CHN Rui Liang
Silber Flagge Volksrepublik China CHN Maocuo Li
Bronze Flagge Italien ITA Eleonora Giorgi
4. Flagge Ukraine UKR Olena Sobschuk
5. Flagge Volksrepublik China CHN Faying Ma

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 29.09.2019 | 18:50 Uhr

Stand: 29.09.19 12:13 Uhr