06:44 min | 01.10.2019 | Das Erste | Autor/in: Patrick Halatsch

Das Oregon Project: Erfolgreich, aber zwielichtig

Alberto Salazar, Chefcoach des Nike Oregon Project, ist wegen Verstößen gegen die Anti-Doping-Regeln für vier Jahre gesperrt worden. ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt erklärt die Folgen des aufsehenerregenden Urteilsspruchs.

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Tygart zu Salazar-Affäre: "Athleten hatten keine Ahnung"

In der Affäre um Alberto Salazar rücken auch die Bosse des Sportartikelgiganten Nike in den Fokus. Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur, gab nach der Sperre des Leichtathletik-Trainers Einblick in die Nachforschungen der USADA. Die Athleten hätten keine Ahnung gehabt, was ihnen gegeben wurde. Konstanze Klosterhalfen will unterdessen offenbar weiter beim NOP trainieren.

"Die Athleten des Nike Oregon Projects hatten wirklich keine Ahnung, was mit ihnen getrieben wurde. Welche Dosierung, ob die Methoden verboten waren oder nicht, wussten sie gar nicht", sagte Tygart dem ZDF. Die Athleten "wurden einfach zu dem Arzt geschickt, und ihnen wurde gesagt, sie müssen auf ihn hören, ihm vertrauen". Die Ermittlungen, die am Dienstag (01.10.2019) zur vierjährigen Suspendierung Salazars geführt hatten, beziehen sich auf die Jahre 2010 bis 2014 - damals gehörte Deutschlands Laufhoffnung Konstanze Klosterhalfen noch nicht zum Team.

Umfeld versuchte, "alles zu verheimlichen"

USADA-Chef Travis Tygart (l.) mit Hürdenlegende Edwin Moses © imago images Foto: imago images / UPI Photo

USADA-Chef Travis Tygart (l.).

Zehn Athleten aus dem Nike Oregon Project (NOP) hätten sich an die Ermittler der USADA gewandt. "Alle von ihnen haben uns ihre medizinischen Auswertungen zur Verfügung gestellt", so Tygart: "Wir haben herausgefunden, dass die gefälscht waren, falsche Informationen wurden eingefügt, nachdem wir sie offiziell angefragt haben." Das gesamte Umfeld des Projekts habe "versucht, alles zu verheimlichen", sagte der 48-Jährige und griff auch den Sportartikelgiganten Nike damit direkt an. "Ich hoffe, Nike sieht das jetzt als einen Wake-up-Call. Sie dürfen keine Ausreden mehr finden, sie müssen zugeben, dass Experimente an Sportlern in ihrem Namen und auf ihrem Gelände vorgenommen wurden und dass das einfach falsch war."

Nike-Bosse rücken in den Fokus

Wie das "Wall Street Journal" berichtete, reichen die Verstrickungen der Affäre angeblich bis in die höchsten Konzernkreise des Sponsors und Namensgebers. Demnach seien höchste Nike-Vertreter inklusive Geschäftsführer Mark Parker von Salazar und dem ebenfalls gesperrten Arzt Jeffrey Brown per E-Mail über die Doping-Experimente informiert worden. Laut "WSJ" sei ein Versuch - ob der Gebrauch von Testosteroncreme zu einem positiven Dopingtest führe - auf dem Gelände des Nike-Hauptquartiers durchgeführt worden. In einer Mail, die der Zeitung vorliegt, soll Parker geantwortet haben: "Danke für das Update, Jeff." Zudem habe er konkrete Nachfragen gestellt.

Nach der Sperre hatte Nike mitgeteilt, Salazar bei dessen Einspruch zu unterstützen. "Nike war niemals an Bemühungen beteiligt, Läufer systematisch zu dopen. Schon allein der Gedanke daran macht mich krank", schrieb Parker in einer E-Mail an die Angestellten, die der Nachrichtenagentur "AFP" vorliegt.

"Trainer und Athleten müssen die ganze Zeit über Urteile fällen. Wenn sie von jemandem trainiert werden, sollten sie sich absolut sicher fühlen, dass sie in einem Umfeld arbeiten, in dem sie sicher sind, ihrem Ruf keinen Schaden zuzufügen. Ein Athlet sollte sich dies fragen." IAAF-Präsident Sebastian Coe

"Athleten waren Versuchstiere"

Für Tygart waren die Athleten "Versuchstiere. Einer Sportlerin wurde sogar gesagt, sie braucht Medikamente gegen ein Myom, obgleich sie gar kein Myom hatte. Sie haben die Sportler angelogen und ihre medizinischen Experimente im NOP an ihnen unternommen." Neben Salazar wurde auch der Endokrinologe Jeffrey Brown gesperrt, der zahlreiche Athleten Salazars behandelt hatte.

Bei den Ermittlungen sagten Sportler aus, die bis 2014 dabei waren. Insofern sei kein WM-Teilnehmer in den Fall involviert, so Tygart. Welche Läufer Konsequenzen aus dem Urteil ziehen, ist noch offen. "Ich bin geschockt von der Nachricht, besonders, weil ich in Doha mitten in den Vorbereitungen auf mein nächstes Rennen stecke", sagte die neue 10.000-m-Weltmeisterin Sifan Hassan, die auch über 1.500 m die Favoritin ist: "Die Untersuchungen beziehen sich auf einen Zeitraum, bevor ich zum Oregon Project gestoßen bin und in keinem Zusammenhang mit mir stehen." Sie sei sich der laufenden Untersuchungen bewusst gewesen und habe immer ein reines Gewissen gehabt, weil sie von USADA and WADA in vollem Umfang überwacht werde.

Klosterhalfen: "Das bleibt das beste Team der Welt"

DLV-Generaldirektor Idriss Gonschinska will sich nach der WM mit Klosterhalfen, die in den USA unter Pete Julian trainiert, und ihrem Betreuerteam zum Gespräch treffen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Bis dahin werde "sehr intensiv" daran gearbeitet, um die Informationslage richtig bewerten zu können.

Klosterhalfen will offenbar trotz der Doping-Sperre für Salazar weiter beim NOP trainieren und nach der Saison wieder zurück in die USA. "Auf keinen Fall" werde sie die Konsequenz daraus ziehen, dass sie nicht mehr in das Camp gehe. "Das bleibt das beste Team der Welt. Ich weiß für mich und alle, die drumherum sind und Einblicke haben, was da passiert und was nicht passiert", sagte sie nach ihrem erfolgreichen Vorlauf über 5.000 m bei der WM in Doha. "Doping ist da nie ein Thema", betonte die 22-jährige Leverkusenerin.

"Letztendlich ist Konstanze eine mündige Athletin, die klar formuliert hat, dass sie jegliche Form von Manipulation verurteilt", hatte Gonschinska zuvor gesagt und angefügt an, dass "sie sich am Ende aber auch verantwortlich zeigt für Entscheidungen". Der DLV werde sich "mit vielfältigen Angeboten der Prozessberatung in den Dialog einbringen".

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 01.10.2019 | 18:50 Uhr

Stand: 03.10.19 08:50 Uhr