Zuschauer im Khalifa International Stadium in Doha © imago images / Inpho Photography

02:35 min | 30.09.2019 | Das Erste | Autor/in: Halatsch, Patrick

Unterkühlte Wüsten-WM - Krause bringt Stimmung

Die ersten drei Tage der Leichtathletik-WM in Doha waren ernüchternd: kaum Zuschauer, kaum Stimmung. Erst als Gesa Krause zu Bronze lief und Bauarbeiter sowie Soldaten kostenlos ins Stadion durften, kam WM-Atmosphäre auf.

Hintergrund

In die Wüste geschickt - Viel Kritik an der WM

von Bettina Lenner aus Doha

Kaum Zuschauer, wenig Stimmung, dazu die Hitze: Die Kritik am Weltverband IAAF, der seine WM in die Wüste geschickt hat, wird lauter. Doch für Katar ist das Leichtathletik-Event wohl nur ein Appetithäppchen.

Es war fraglos ein Spektakel, das sich vor den beiden 100-m-Finals abspielte. Eine Lasershow, ausgetüftelt und innovativ, ein Hingucker. Doch auch die beeindruckenden Effekte konnten die Tristesse nicht vertreiben, die am Sonntag (29.09.2019) endgültig Einzug gehalten hatte im Khalifa International Stadium von Doha.

Finalteilnehmer der Männer über 100 Meter © imago images / Belga

Alles nur Show: Vor den 100-m-Finals gingen die Lichter aus.

Nur 3.000 Zuschauer wollten das 100-m-Finale der Frauen sehen, womit ein weiteres WM-Highlight fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Bereits am Vortag hatten lediglich 10.000 Zuschauer die Medaillenjagd der schnellsten Männer verfolgt. Eine traurige Kulisse, obwohl die Kapazität des Stadions in weiser Voraussicht für die Leichtathletik-WM von 40.000 auf gut 20.000 Plätze reduziert worden war.

"Das soll eine WM sein?"

"Wir sind von der WM in London und der EM in Berlin in den beiden vergangenen Jahren ziemlich verwöhnt. Aber hier kommt wirklich kaum Stimmung rüber", sagte die deutsche Sprinterin Gina Lückenkemper. Einzig einige Gruppen afrikanischer Gastarbeiter hatten am Samstag für Stimmung gesorgt, als sie ihre Landsleute während des 10.000-m-Laufs unterstützten. Schnell kehrte wieder Ruhe ein, denn als sie ihre Mission erfüllt hatten, gingen sie.

"Ich bin ins Stadion gekommen und dachte: Das soll hier wirklich eine WM sein?", sagte Denise Lewis, britische Siebenkampf-Olympiasiegerin 2000, die ihre Landsfrau Dina Asher-Smith über 100 m anfeuern wollte: "Die Athleten arbeiten ein ganzes Jahr hart, um dann vor leeren Rängen zu laufen. Das ist einfach nicht richtig."

OK: Zeitplan der Grund für schwaches Interesse

Am Montag (30.09.2019) erklärte das Organisationskomitee, das schwache Besucherinteresse habe unter anderem auch mit dem an die Fernsehübertragung angepassten Zeitplan zu tun. Nur: Das ist bei allen anderen Großereignissen genauso. Zudem erklärte das OK, an den ersten beiden Tagen habe die Stadionauslastung 70 und 67 Prozent betragen. Am Sonntag sei die Auslastung allerdings mit "unter 50 Prozent" hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Vor WM-Start hatte OK-Chef und IAAF-Vizepräsident Dahlan Al Hamad mitgeteilt, dass von insgesamt 200.000 Eintrittskarten nur noch 5.000 im Handel seien.

Denkwürdige Szenen beim Frauen-Marathon

Eine Läuferin nach ihrer Aufgabe beim WM-Marathon in Doha. © imago images/Bildbyran

30 Marathon-Starterinnen brauchten medizinische Betreuung.

Der erschreckend schwache Zuspruch wird neben der Hitze zum Hauptproblem der Titelkämpfe. Das IAAF-Motto "Beat the Heat" bekommen in Doha vor allem die Ausdauersportler zu spüren, deren Wettkämpfe außerhalb des auf angenehme 25 Grad heruntergekühlten Stadions stattfinden und trotz Startzeit zu nachtschlafener Zeit zur Tortur werden. Besonders beim Frauen-Marathon gab es denkwürdige Szenen, 30 von 68 Starterinnen mussten sich in medizinische Behandlung begeben. "Es war ein Fehler, die Weltmeisterschaften bei solch heißem Wetter in Doha auszutragen, besonders das Marathonrennen. Als jemand, der so lange in diesem Sport aktiv war, finde ich das inakzeptabel", sagte Äthiopiens früherer Wunderläufer Haile Gebreselassie.

"Es war eine Grenzerfahrung", meinte der deutsche Meister Jonathan Hilbert nach seinem Wettkampf über 50 km Gehen: "Man denkt sich seinen Teil. Es ist grenzwertig, hier die WM zu machen." Es sei hart gewesen, aber bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio mit ebenfalls extremen Bedingungen werde es härter. War es vertretbar, die Geher an den Start zu schicken? "Das muss die Politik entscheiden. Wir müssen handeln", sagte DLV-Mannschaftsarzt Matthias Kieb.

"Reibung zwischen Daumen und Zeigefinger hat gestimmt"

Auf die Politik ist indes wohl kaum Verlass. Die Vergabe der Wettbewerbe nach Doha und Tokio diene der Globalisierung des Sports und folge einer Strategie, argumentieren Leichtathletik-Weltverband und IOC. Doch beide Entscheidungen beeinflusste der ehemalige IAAF-Präsident Lamine Diack, dem im kommenden Jahr wegen Korruption und Geldwäsche der Prozess gemacht werden soll. "Die Entscheidung wurde sicher getroffen, weil die Reibung zwischen Daumen und Zeigefinger gestimmt hat. Es war auf jeden Fall nicht aus der Perspektive der Athleten", sagte Kugelstoßerin Christina Schwanitz der ARD. "Jeder kann sehen, dass dies hier ein Desaster ist", wetterte der Franzose Kevin Mayer: "Die Tribünen sind leer, und die Hitze hat man überhaupt nicht in den Griff bekommen."

Lückenkemper: "Was macht uns an der Stelle besser?"

Zumindest mit den Temperaturen wird der Zehnkampf-Weltrekordler in der Komfort-Zone Stadion ebenso wenig zu kämpfen haben wie Lückenkemper, die eine Lanze für die WM in der Wüste brach: "Wie die WM hierhin gekommen ist, da braucht man nichts dazu zu sagen. Aber woher nehmen wir uns das Recht, anderen Nationen zu verbieten, solche Meisterschaften auszurichten? Sie können nichts für ihre klimatischen Bedingungen und versuchen, es uns so angenehm wie möglich zu machen", argumentierte die Vize-Europameisterin: "Natürlich ist es für uns eine Weltmeisterschaft der Extreme, aber für andere Athleten ist es extrem, wenn sie nach Deutschland kommen und bei uns im gefühlten Kühlschrank unterwegs sind. Was macht uns an der Stelle besser?"

Katar gilt als Olympia-Bewerber in spé

Khalifa Stadium Doha © Thomas Luerweg Foto: Thomas Luerweg

Khalifa Stadium mit dem Aspire Tower im Hintergrund.

Am Ende wird es eine müßige Frage sein, ob diese WM zum Botschafter der Leichtathletik taugt. In drei Jahren richtet Katar, das reichste Land der Erde, die Fußball-WM aus - und ein 300 Meter hoher Turm in Form einer Fackel unweit des Khalifa-Stadions weist die Richtung. Deutschland hat die Spiele abgewählt, aber das kleine Emirat gilt als Olympia-Bewerber in spe. Das Geld ist da - und der Wille. Wir werden uns wohl daran gewöhnen müssen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 29.09.2019 | 18:50 Uhr

Stand: 30.09.19 18:05 Uhr