Zuschauer im Khalifa International Stadium © imago images / VI Images

06:28 min | 05.10.2019 | Das Erste

Nach der Leichtathletik-WM freut sich Katar auf 2022

In Katar herrscht in den letzten Tagen der Leichtathletik-WM schon Vorfreude auf die Fußball-WM 2022. Die Vorbereitungen laufen auf mehreren Ebenen.

Gastgeber

Leichtathletik hat's schwer in Katar - Lust auf 2022

von Bettina Lenner aus Doha

Die Leichtathletik hat in Katar keine Tradition, die WM-Titelkämpfe in Doha tun sich schwer. Doch die Vorfreude auf die Fußball-Weltmeisterschaft ist groß: "Ihr müsst uns nur eine Chance geben."

Es ist Abend geworden in Doha, wenn auch nicht viel kühler. Der Souq Waqif, der labyrinthartige Basar im Herzen der Stadt, erwacht zum Leben. Die Ventilatoren, die feine Wasserschwaden in die Gassen pusten, bekämpfen die schwüle Hitze mit überschaubarem Erfolg. Schmuck, Gewürze, exotische Vögel, Garküchen und Aladins Wunderlampe aus Blech: Es ist wie in Tausendundeine Nacht.

Nur wenige waren im Stadion

Die Leichtathletik-WM ist hier gefühlt weit weg. Viele wissen, dass das sportliche Großereignis aktuell in der Wüsten-Metropole stattfindet, doch nur wenige sind bislang im Stadion oder an der Corniche gewesen, der Strandpromenade unweit des Souq, wo die Wettkämpfe im Marathon und der Geher ausgetragen werden. Einer davon ist Obadjah, der seit fünf Jahren in Katar lebt und in einem Hotel arbeitet. Gemeinsam mit anderen Kenianern feuert er seine Landsleute während der Titelkämpfe an, so oft es geht: "Wir sind glücklich, dass unsere Athleten alle hier sind. Wir wollen sie unterstützen."

Falkenjagd als Volkssport

Es sind vor allem die Afrikaner, die im zunächst recht verwaisten Khalifa-Stadion für Stimmung sorgen. Nach heftiger Kritik haben die Gastgeber nachgeholfen, Freikarten verteilt und unter anderem Bauarbeiter und Soldaten in Zivil in die Arena gelotst, um die leeren Ränge aufzufüllen. Leichtathletik hat in dem reichen Emirat keine Tradition und führt ein Schattendasein.

Falken-Souq in Doha © Thomas Luerweg Foto: Thomas Luerweg

Sein Falke ist der ganze Stolz eines Katarers.

Das Herz der Katarer schlägt für die Falkenjagd, die kostbaren Vögel sind in der Nähe des bunten Markttreibens in einem eigenen Souq untergebracht, unweit einer Klinik eigens für die Greife. Ruhig und beinahe ehrfürchtig geht es zu, bis zu 5.000 Euro kosten die wertvollen Exemplare, die auf langen Simsen sitzen. "Es ist ein alter Sport, er hat Tradition bei uns", erzählt Jassim, ein junger Katarer, der seinen Vogel stolz auf dem Handschuh trägt. Nicht umsonst ist das Maskottchen der 17. Leichtathletik-Weltmeisterschaften namens Falah ein Falke.

Botschafter: "Für die Golfregion progressiv"

Die andere Leidenschaft heißt Fußball. Auch Jassim kickt im Verein, die Schlagzeilen beherrschen in den Tagen der Champions-League-Spiele Robert Lewandowski und Co. Doch auch 400-m-Hürdenläufer Abderrahman Samba, der Bronze holte, sowie Hochsprung-Goldhoffnung Mutaz Essa Barshim schaffen es in die Zeitungen - ebenso wie Langsprinterin Kenza Sosse und Hürdenläuferin Mariam Mamdouh Farid.

Beide liefen in ihren Vorläufen hinterher, setzten aber als erste katarische Teilnehmerinnen an einer Leichtathletik-WM ein starkes Zeichen. "Was sie hier machen, ist für die Golfregion schon progressiv. Man muss bedenken, wo sie hergekommen sind", sagt der deutsche Botschafter Hans-Udo Muzel über den schwierigen Spagat, sich zu öffnen, ohne religiöse Traditionen aufzugeben.

Keine Live-Bilder in den Sportsbars

Dafür, dass in den Hotels und Sportsbars der 800.000-Einwohner-Stadt die Partien der "Königsklasse" statt Livebilder von der Leichtathletik über die Monitore flimmern, gibt es einen Grund: Die TV-Rechte für den arabischen Raum wurden lange vor dem Wirtschaftsboykott verhandelt, den die Vereinigten Arabischen Emirate (VAR) und Saudi-Arabien vor mehr als zwei Jahren gegen Katar ausgerufen haben. Der Zwist mit den Nachbarländern schlägt sich nun sogar bei der Ausstrahlung der Live-Bilder nieder.

Vorfreude auf die Fußball-WM

Auch das ist wohl ein Grund dafür, dass sich die Titelkämpfe in der Wahrnehmung der Einheimischen schwer tun - anders als die Fußball-WM in drei Jahren. Die Vorfreude ist riesig. "Wir sind stolz, dass all die Nationen bei uns in Katar zu Gast sind. Das ist etwas Besonderes, nicht jeder ist in der Lage, so etwas auszurichten", sagt Khaled Al Bedir, Mitglied eines Clubs, in dem sich alles um das traditionelle Brettspiel "Dama" (Dame) dreht. Wer hier die konzentrierte Ruhe in den holzgetäfelten Räumen verlässt, landet wieder mitten im bunten Markttreiben.

"Ihr müsst uns eine Chance geben"

Zwei alte Männer im Gespräch vor dem traditionellen Markt Souq Waqif © picture alliance / Sven Simon Foto: Anke Waelischmiller/SVEN SIMON

Entspannte Abendstimmung am traditionellen Markt Souq Waqif.

"Come on baby, have a look. Very nice, very good", preist einige Gassen weiter ein Händler in einem leierigen Singsang seine Ware an. Eine Art orientalischer Rap auf Englisch, denn er soll auch Touristen zum Kaufen animieren. Deren Zahl ist alles in allem überschaubar. Doch das soll sich spätestens 2022 ändern. "Wir sind bereit für die Fußball-WM. Unsere Infrastruktur, Hotels, Straßen und die U-Bahn, die bereits in Betrieb ist. Es ist alles da. Wir sind vorbereitet: auf andere Kulturen, auf andere Menschen, die Sportler, die Staatsoberhäupter", versichert der Katarer Al Jassam Sabaan, der die Abendstunden in seiner Heimatstadt mit Freunden auf einer der vielen gepolsterten Bänke des Souq verbringt.

"Ihr müsst uns nur eine Chance geben, dann werden wir euch beweisen, dass ihr willkommen seid", appelliert er: "Es wird als Sportevent beginnen, doch es geht um mehr. Die wichtigste Botschaft ist: Ein Mensch ist ein Mensch, überall auf der Welt, solange du bereit bist, dich auszutauschen."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 05.09.2019 | 17:00 Uhr

Stand: 04.10.19 15:55 Uhr