01:10 min | 27.09.2019 | Das Erste

Der Weg vom Warmmachen ins Stadion

Der Weg vom Aufwärmstadion zum Wettkampf ist lang - Frank Busemann durchläuft ihn und kommt bei der WM in Doha durch einige klimatisierte Zonen.

Busemanns WM-Kolumne

Kolumne: Die Wüste lacht, die Hose klebt

Eine WM in Katar: goldene, klimatisierte Käfige, klebende Hosen und Betti, die dem Verkehrs-Wahnsinn trotzt. Frank Busemann berichtet in seiner WM-Kolumne über das kleine Emirat mit den großen Zielen.

Da bin ich also, in Katar, dem kleinen Emirat mit den großen Zielen. Dem Ausrichter diverser sportlicher Großevents. Dieses Mal also die Leichtathletik-WM. Vorwärts, immer vorwärts, heißt es. Die Weltleichtathletik erschließt neue Märkte, heißt es.

Heiß soll es da sein! Hörte man. Warum gerade da? Fragten andere. Katar will zeigen, was es zu leisten im Stande ist. So klein und doch so groß. Wo ein Wille, da ein Weg. Global und weltoffen will man sich zeigen. Man ist hier nicht verloren. Englisch geht immer. Überall.

Es wird gebaut, überall, immerzu, irgendwie

2,7 Millionen Einwohner, davon 2 Millionen im Großraum Doha. Ein Land voller Ausländer, lediglich 300.000 Katarer. Und die sind reich, verdammt reich. Es wird gebaut, überall, immerzu, irgendwie. Wolkenkratzer wachsen aus dem Boden. Sonst wächst hier fast nichts. Da wo vor zwanzig Jahren Wüste war, stehen jetzt architektonisch atemberaubende Kunstwerke der Neuzeit.

Leben in klimatisierten Umgebungen

Das Wetter prangern viele an. Der Job des Meteorologen könnte trist sein. "Hier ist das Wetter für morgen: Sonne, keine Wolke, 40 Grad. Wie heute. Und gestern. Und die letzten 30 Tage. Und damit Auf Wiedersehen und bis morgen!" Wettermann Donald Bäcker würde weinen. Keine Wolken. Nur Wärme. Hitze. Für uns unvorstellbar. Für die Katarer normal. Und die leben hier. Wie wir zu Hause auch. Nur mit Wolken. Für uns fühlt sich das wie goldener Käfig an. Das Leben findet gefühlt in klimatisierten Umgebungen statt. Alles andere fühlt sich wie eine Todeszone an. Taxifahrer buhlen penetrant um Kundschaft. Wer geht, ist ein Kunde. Macht doch keiner freiwillig. Wir schon. Komische Idee.

Von eiskalt auf superheiß in zwei Sekunden

Der Wechsel zwischen Schutz und Natur wechselt innerhalb von 50 Zentimetern mit aller Wucht. Atemberaubend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Von eiskalt auf superheiß in zwei Sekunden. Das schaffen nur Flammenwerfer. Nach zehn Metern klebt die Hose, nach zwanzig Metern läuft die Suppe. Klimaanlagen haben auch ihre Tücken. Hatten wir vor zwei Jahren in London den Norovirus in der deutschen Mannschaft, kommt jetzt die Erkältung als potenzielle Gefahr.

Der Wüste meinen Willen aufgezwungen

Man muss sich damit arrangieren. Genauso wie alle Sportler und Funktionäre. Die wenigsten äußern Kritik. Wir hören: Das wird schon! Wir schaffen das! Funktionäre sind Diplomaten, Sportler sind Wettkampftypen. Rahmenbedingungen akzeptieren, Fokus auf den Wettkampf richten. Zweifler gewinnen nicht. Ich habe gestern auch meinen ersten Tag geschafft. Habe ich nicht dran gezweifelt. Fühle mich als Sieger. Habe der Wüste meinen Willen aufgezwungen. Denke ich. Die Wüste lacht. Macht nichts, wird schon. Aber ich muss nicht laufen. Richard Ringer erzählte bei der Pressekonferenz, dass er in Doha keinen Fuß vor die Tür setzt. Trainiert wird auf dem Laufband. Ist irgendwie nicht seins, aber die beste Lösung für die Rahmenbedingungen. Siegertypen zweifeln nicht.

Mit Betti dem Verkehrs-Wahnsinn trotzen

Genauso wie Betti. Sie kennen Sie alle. Die macht hier super Berichte. Und ist gestern mit uns zur Pressekonferenz gefahren. Ich war ihr so dankbar. Dem Wahnsinn des Verkehrs möchte ich mich nicht aktiv aussetzen. Sie ist gefahren. Wie eine echte Einheimische. Der Verkehr ist robust. Vorsichtig formuliert. Wer blinkt, wird nicht reingelassen. Wer zögert, der kommt nicht an. Manchmal steht man in der ersten Reihe der Ampel zehn Minuten. Warum? Weiß ich nicht. Geht nicht voran. Wird auch nicht grün.

Dann waren wir im Parkhaus. Auf drei Etagen öffnet sich keine Schranke. Wir wollen wenden, stehen mit dem Heck zur Einfahrt. Plötzlich geht die Schranke hoch. Wir rein. Rückwärts. Kann man machen. Muss man nicht. Manchmal verstehen wir das nicht. Aber wir sind da. Ich bin gespannt. Heute beginnt die WM 2019 in Doha. Wir werden es beobachten...

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 27.09.2019 | 16:06 Uhr

Stand: 27.09.19 08:30 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)