00:30 min | 27.09.2019 | Das Erste

"Blitz" Bolt schlägt in Berlin über 200 m ein

Usain Bolts Weltrekordlauf 2009 in Berlin: Der Jamaikaner sprintet in (später korrigierten) 19,19 Sekunden ins Ziel.

Busemanns WM-Kolumne

Kolumne: Leichtathletik-Superstar verzweifelt gesucht

Ja, Christian Coleman hat sich über sein erstes WM-Gold gefreut. Aber nein, ein würdiger Nachfolger des jetzigen 100-m-Rentners Usain Bolt ist der Amerikaner nicht, merkt Frank Busemann in seiner WM-Kolumne aus Doha an.

In der Weltleichtathletik ist seit geraumer Zeit eine neue Stelle zu besetzen. Verlangt werden außergewöhnlichen Fähigkeiten in massenkompatiblen, nachvollziehbaren Aktivitäten, gepaart mit multinational verständlichen Soft Skills, die ein bis zehn Mal jährlich in ekstatisch anmutender Massenhysterie enden. Das Potenzial zur Weltmarke ist Einstellungsvoraussetzung. Jahreseinkommen: zehn bis 30 Millionen Dollar.

Das Vakuum will gefüllt werden

Das Loch nach Usain Bolt scheint groß, doch das Vakuum will gefüllt werden. Der Sprint ist die universal verständlichste Disziplin der Menschheit. Schnell laufen, von A nach B. Ganz einfach. Um einen Vergleich erzeugen zu können, hat man sich von den ursprünglich gelaufenen 100 Yards Ende des 19. Jahrhunderts auf eben diese 100 Meter geeinigt.

Kapiert jeder, will jeder, kann jeder. Die meisten leider nicht schnell. Da kommt der Staunfaktor ins Spiel. Top-Sprinter müssten in einer 30er-Zone wegen Geschwindigkeitsüberschreitung 25 Euro Strafe zahlen. Peanuts bei zehn Millionen im Jahr. "Speed is what we need." Beste Voraussetzungen, um sich unter 7,5 Milliarden Erdenmenschen als Bester zu küren.

International

Typen und Top-Athleten bei der WM in Doha

Coleman lernt von den Großen

Am Samstagabend (28.09.19) traten sie wieder an, die Gladiatoren der Geschwindigkeit. Die Schnellzucker unter den Sportlern, die alle unter Strom stehen, die Elektrisierer der Massen, die Kurzarbeiter. Wer sie sehen will, muss aufpassen, sonst sind sie schon fertig. Vor zwei Jahren kürte sich der Bad Boy Justin Gatlin als Weltmeister. Im Showbiz als Gangster-Rapper das Nonplusultra zum Geldverdienen. Beim Sprint bedingt vorteilhaft.

Den Zuschauern stockte damals der Atem, als er den Good Boy Bolt schlug. In diesem Jahr schickte sich Christian Coleman an, den Titel zu gewinnen. Ein kleines, knuddeliges Bärchen, könnte man despektierlich sagen. Typ Schwiegersohn. Lacht nicht, läuft nur. Aber, stopp: Er lernt von den Großen. Dopingkontrollen kann man mal vergessen. Wie schusselig. Muss man aufpassen, dass das nicht einreißt.

Große Show vor leeren Rängen

Schauten wir auf die Ränge, herrschte gähnende Leere. Zu Bolts Zeiten wurde das Stadion wegen Überfüllung geschlossen. Okay, schlechter Vergleich, hier ist es des Ortes geschuldet. Die Show vor dem Finale war beeindruckend, aber zu lang für die Athleten. Egal, geschenkt, wir suchen den neuen Superstar. Der Art-Director wäre dahingehend schon weit vorn, der kann aber nicht sprinten.

Ohne USP ist alles nichts

Und dann trommelten sie los. Die Liebesbezeugungen des Publikums und das Spiel mit diesem waren anders, weniger ausgefallen, fast nicht vorhanden. Usain war anders. Ein Beatle der Neuzeit. Gatlin brüllt, Coleman macht nix, Tunnel eben. Irgendeinen USP musst du dir aber einfallen lassen, um in der Masse aufzufallen. Pogba-Dab, Boltscher Flitzebogen, Gnabrys Kaffeerührer, alles schon belegt. Usain hat bei der WM mal einen Fehlstart rausgelassen. Das war ein Kracher.

Aber mit konzentriertem Schweigen musst du schon 9,50 Sekunden raushauen, wenn du der neue Hecht der Leichtathletik werden willst. 9,76 Sekunden sind sauschnell. Aber zum Superstar reicht das nicht. Wir suchen Geschichten, Identifikation, Bewunderung. Und wollen mitfiebern. Das sind ja vier Sachen auf einmal. Gar nicht so einfach. Viele wollen nur laufen. Das ist okay. Wir suchen also weiter.

Am Sonntag (29.09.19) startet bei der Leichtathletik-WM in Doha ein heißer Anwärter auf den Titel über 200 m: Noah Lyles. Crazy Socken, Hammer-Witze, breites Grinsen. Könnte was werden ...

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 29.09.2019 | 18:50 Uhr

Stand: 28.09.19 14:00 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)