Der schwedische Stabhochspringer Armand Duplantis © imago images / Bildbyran

11:38 min | 01.10.2019 | Das Erste

Flugshow-Alarm im WM-Finale der Stabhochspringer

Sam Kendricks ist Weltmeister 2019 im Stabhochsprung. Er bezwang in Doha in einem denkwürdigen WM-Finale mit 5,97 m Armand Duplantis. Bo Kanda Lita Baehre wurde toller Vierter, Raphael Holzdeppe Sechster.

Busemanns WM-Kolumne

Kolumne: Die Verrückten mit dem Stab

Eine Flugshow vom Allerfeinsten haben die Stabhochspringer in Doha hingelegt. Warum? Weil sie es können, wie Frank Busemann in seiner Kolumne über die großen Springer mit dem noch größeren Sportsgeist verrät.

Drama, Baby, wir brauchen Drama! Tränen, Sieg und Niederlage. Einen unerbittlichen Kampf, Zittern, Beben, Pokern, Jubel. Wie sollen wir in der heutigen Zeit noch staunen? Wir haben alles schon gesehen. Deshalb freuten wir uns auch auf den Stabhochsprung der Männer. Die Verrückten mit dem Stab garantieren oft eine Show. Die Damen haben es schon vorgemacht. Allen voran die Schwedin Angelica Bengtsson. Läuft an, der Stab bricht und sie fliegt kopfüber auf die Matte. Zum Glück auf die Matte. Sie nimmt einen neuen Stab, läuft nochmal an und springt Landesrekord. Wie irre muss man sein, das mental auszuhalten?

Seiner Liebsten zeigen, dass man ein Mordsmolli ist

Bei den Männern gibt es drei Athleten mit Bestleistungen jenseits der 6 Meter. 6 Meter! Hoch. Das springen die meisten nicht weit. Die wenigsten trauen sich das tief. Einen Köpper vom Fünfer im Freibad. Das Nonplusultra, um seiner Liebsten zu zeigen, dass man ein Mordsmolli ist.

"Hey, das ist great"

Ich komme an die Stabhochsprunganlage und alles ist voll. Kein Platz mehr. Hey, ich dachte, wir sind in Katar und nicht bei der EM in Berlin. Das war letztes Jahr eine Show. Der kleine Schwede Duplantis, ganz groß. Hier kommt der Titelverteidiger Kendricks noch dazu. Der Ami sagt vorher: "Hey, das ist great. Wir machen eine big Show. Die Leute wollen unterhalten werden. Wir wollen hoch springen!" Der Mann wohnt näher an Hollywood als wir, der weiß, wie kleine Sachen zu Movies werden. Ohne Gegner keine Show. Also sind da noch Duplantis und Lisek.

Frank Busemann und Bo Kanda Lita Baehre

03:12 min | 02.10.2019 | Das Erste

Stabhochspringer Lita Baehre: "Bin ein Typ, der Spannung mag"

Bo Kanda Lita Baehre hat in einem denkwürdigen Stabhochsprung-WM-Finale von Doha als Vierter überrascht. Frank Busemann hat den 20-Jährigen fürs Morgenmagazin getroffen.

Bo Kanda Lita Baehre, kein Typ Dressurreiter

Mit 5,70 Meter wird man hier bei der WM Vierter. Und dieser man ist Bo Kanda Lita Baehre. Ein Typ. Mit Gesicht. Den könnte ich mir nicht als Dressurreiter vorstellen. Ist er auch nicht. Er ist Stabhochspringer. Ein Leidenschaftlicher. Zwanzig Jahre jung. So einer, wie Raphael Holzdeppe damals. Später wurde er Weltmeister. Mit Nerven wie Drahtseilen. Auch so eine Spezialität der Stabhochspringer. Wer zweifelt, reißt. Ganz einfach und ursprünglich. Ursache - Wirkung in Perfektion. Und ein Meister der hohen Einstiegshöhen.

Kennen Sie den Salto fünfvierzich?

Oft denken die Leute: "Warum fängt der so spät an?" Soll ich sagen, warum? Weil er es kann! Oder weil er es anders nicht kann. Da passiert auch schon mal ein Salto Nullo. Auch so ein Kunstbegriff, den es nur bei den Stabis gibt. Salto Nullo? Es gibt auch einen Salto fünfvierzich. Weltrekordler Renaud Lavillenie kann den. Bei 5,40 Meter einen Salto bei der Lattenüberquerung machen. Irre? Nö, der kann das.

Warum fängt ein Stabi also manchmal hoch an? Weil er auch tiefer nicht rüberkommen würde. Vom Anfang bis zum Ende wird ein Kunstwerk in über 20 Bewegungselementen kreiert. Und meistens kann man nur voll oder gar nicht springen. Das heißt, dass er mit 100 Prozent Konzentration springen muss, sonst wird es gefährlich. Und ob 5,60 oder 5,20 Meter draufliegen, macht keinen Unterschied. Die kommen nicht mehr mit einer Arschbombe drüber. Dafür sind die zu gut.

Duplantis, der Louis de Funès des Stabhochsprungs

Dieser Wettkampf schürte wieder hohe Erwartungen und erfüllte sie gänzlich. Die Fairness untereinander war neben der sportlichen Komponente ein Highlight des zivilisierten Zusammenlebens. Der Erste bekommt 60.000 Dollar, der Zweite nur 30 Mille. Trotzdem feuern die sich an und reden wie so alte Ehepaare miteinander. Die springen für Spaß und nicht für Geld. Duplantis erinnerte mich im Austausch mit seiner Mimik bei Papa und Trainer manchmal an Louis de Funès. "Oh, ja, bisschen vor, vielleicht, ah, okay, läuft, oh, ja, geht schon, mmmh."  Mit Uncle Sam sitzt er auf der Bank und redet und quasselt. Schuhe an, Schuhe aus. "Na, komm, wir ziehen die Spikes wieder an. Wir sind gleich dran. Okay, machen wir, los geht’s, good luck, well done!"

Einen Salto, einfach so, weil sie es können

Und dann sprangen sie. Mit Nervenstärke und Klasse. Immer höher. Aber das Allerschönste kam wie immer am Ende. Duplantis reißt, Kendricks stürmt die Matte, als habe der junge Schwede Kummer, hat er aber nicht, sie knuddeln und lümmeln sich auf die Matte (das war früher bei uns in der Helmut-Körnig-Halle in Dortmund übrigens verboten) und reden und lachen mal wieder. Der Pole Lisek kommt. Legt sich dazu und dann machen sie synchron einen Salto. Einfach so. Weil sie es können. Und weil es ihnen Spaß macht. Schöner Wettkampf, ganz ohne Drama. Aus tiefstem Herzen machen da Athleten genau das, was sie am besten können. Guten Sport. Und das macht uns auch Spaß.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 29.09.2019 | 18:50 Uhr

Stand: 02.10.19 09:51 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)