Grant Holloway aus den USA © imago images / Bildbyran

Busemanns WM-Kolumne

Kolumne: Gewinnen ist geil

Worum geht's im Sport? Nur ums Dabeisein? Oder ums Gewinnen? Frank Busemann hat eine klare Meinung: Gewinnen ist geil - aber verlieren nicht schlecht. Denn man kann viel daraus lernen.

Gold, Silber, Bronze, Blech. So ist die grobe Klassifikation über "Gut" und "Schlecht". Der vorne ist gut, der hinten ist schlecht. Sport ist so einfach. Schauen wir auf die WM, dann gibt es doch eine differenziertere Klassifikation. Von 60.000 Dollar für den Titel staffeln sich die Prämien bis 4.000 Dollar für Platz acht. Da sollte es sich doch lohnen, Gas zu geben?! Und wir fiebern natürlich mit.

Aber wenn wir mal nach Hause gucken, fällt allzu oft auf, dass im Kinder- oder Schulsport peinlichst auf eine diffamierende Qualifizierung verzichtet wird. Der Letzte darf sich nicht schlecht fühlen. Verlieren ist böse und voll gemein. Die Motivation sinkt im Zeichen der Niederlage auf den Nullpunkt. Für den Moment. Für das Leben. Für alles. Ach, bestimmt für immer. Der Erste merkt aber schon irgendwie, dass er besser als der andere ist. Wenn er ihn beim 400-Meter-Lauf überrundet, ist der Leistungsunterschied offensichtlich. Der ist ja nicht blöd. Der andere auch nicht. Aber gewonnen hat der Schnelle trotzdem nicht. "Ei, habt ihr das fein gemacht!"

Titelträger

Alle Weltmeister von Doha

Weltmeister im Erbsenzählen

Bo Kanda Lita Baehre © dpa-Bildfunk Foto: David J. Phillip/AP/dpa

Bo Kanda Lita Baehre will hoch hinaus - wie eigentlich alle Sportlerinnen und Sportler.

Und jetzt gucken wir also die Weltmeisterschaften. Die rackern sich ab, dass die Bahn blubbert und die Klamotten kleben. Der viertplatzierte Bo Kanda Lita Baehre weiß einen Tag später noch nicht mal, dass er 15.000 Dollar gewonnen hat. Was?! Da haben wir es wieder! Der springt ja nur zum Spaß! "Ei, hat er fein gemacht!" Die Platzierung ist ihm schon klar, dafür macht er den Quatsch ja. Aber auf der anderen Seite will er auch wissen, was er kann, und einschätzen, wie viel das im Vergleich wert ist.

Spränge er nur für Geld, würde sich die Dosis irgendwann abnutzen. Den Spaß kann man aber nicht kaufen. Das Schöne ist die Individualität der Anforderung. Jeder muss seine Disziplin finden. Der eine springt, die andere läuft, der nächste zählt Erbsen. Die Problematik der letztgenannten Disziplin ist die fehlende Anerkennung diverser Sportverbände - und somit kann eine wettkampfbasierte Form der Vergleichbarkeit nicht durchgeführt werden. Vielleicht starte ich noch mal ein Comeback: Weltmeister im Erbsenzählen. Könnte was werden.

Draufhauen oder abhauen?

Jetzt könnte man meinen, dass Kinder nicht verlieren dürfen. Aber wie wollen wir Kinder begeistern, wenn alles gleich ist? Ob Erster oder Letzter - es ist egal. Gut oder schlecht, egal. Sich anstrengen oder chillen. Egal. Warum rast unser Herz, wenn wir einen vermeintlich fremden Menschen mit Deutschland-Trikot laufen, springen, werfen sehen? Weil wir mitfiebern.

Vor Zigtausenden von Jahren hat die Evolution den Stress zum Überleben erfunden. Säbelzahntiger kommt, Fred zuckt kurz zusammen und hat die Wahl. Draufhauen oder abhauen. Mehr nicht. Äußerst spartanisch zum heutigen Vergleich. In beidem muss er ziemlich gut sein, wenn er eine Chance haben will. Heute ist der Säbelzahntiger 60.000 Dollar schwer und wir können die Begegnung mit ihm genau datieren. Und weil wir nicht alle im Stadion im Finale stehen können, wollen wir das irgendwie miterleben. Mitfiebern und sich freuen haben ihren Ursprung in der Adrenalin-Ausschüttung der Evolution.

Wer mehr will, darf mehr wollen

Dabei muss ein vierter Platz nicht schlecht sein. Er kann aber auch undankbar sein. Das ist okay. Wer mehr will, darf mehr wollen. Wer mehr kann, muss mehr dürfen. Das Gefühl der richtigen Einschätzung entsteht genau in diesem Zusammenspiel von Sieg und Niederlage. Deshalb lernen wir auch im Sport, dass selbst ein letzter Platz ein persönlicher Sieg sein kann. Es liegt an uns und jedem selbst, das richtig einzuschätzen. Wenn andere besser waren, bekommen wir einen Anreiz, es ihnen gleichzutun. Wenn wir alles gegeben haben, können wir uns nichts vorwerfen. Das ist gewinnen ohne zu siegen. Seltsam, aber wahr.

Jeder kann sich verbessern, am Ende sogar immer besser werden. Dafür hat er hart trainiert, alles gegeben, auf vieles verzichtet. Für diesen einen Moment, der für alles entschädigt. Für diese Sekunde des Triumphs, wenn aller Druck entweicht und eine ungeheure Leichtigkeit durch den Körper strömt. Alle Schmerzen entweichen und Platz machen für die Vollkommenheit des Glücks.

Wer viel investiert, der bekommt viel zurück. Sport ist die Schule des Lebens. Nur in leicht. Trotzdem darf der Verlierer heulen. Nichts ist schlimmer als egal. Gewinnen ist geil. Und verlieren nicht schlimm. Wenn man daraus lernt ...

International

Typen und Top-Athleten bei der WM in Doha

 

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 03.10.2019 | 15:40 Uhr

Stand: 02.10.19 23:32 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)