05:17 min | 04.10.2019 | Das Erste

Barshim holt erstes Gold für den WM-Gastgeber

Lokalmatador Mutaz Essa Barshim hat bei der Leichtathletik-WM in Doha unter dem Jubel der Fans seinen Titel im Hochsprung verteidigt.

Busemanns WM-Kolumne

Kolumne: Heimvorteil - in echt und imaginär

Für manche Sportler ist er ein Aufputschmittel, anderen ist er total schnuppe: der Heimvorteil. Katars Superstar Barshim wusste ihn zu nutzen. Ein bisschen ist Doha wie Dortmund, findet unser Kolumnist Frank Busemann.

Früher dachte ich ja immer, dass hinter Bielefeld die Welt zu Ende ist. Als 13-Jähriger ging nicht mehr als Westfalenmeister. Doch dann stellte ich Geografie-Genie fest, dass es doch noch ein paar Kilometer weitergeht. Und dass die semi-professionelle Sporttreiberitis gemäßigtes Reisen erfordert. Mein erster gefühlter Weltumrundungstrip führte mich durch die DDR nach Berlin. Mehr konnte gar nicht gehen. Den ersten deutschen Meistertitel hingegen gewann ich in Dortmund. Zu Hause. In meiner Trainingshalle. Für Globetrotter ein Desaster, für Vollblutsportler genau richtig.

Ein Leben aus dem Koffer

Stellen wir uns vor, dass Trainingslager, Meetings und große Meisterschaften selten in Zentralopolis sind, sondern irgendwie überall, muss der gemeine Sportler echt rumkommen. Hat er die richtige Sportart, lebt der Weltenbummler aus dem Koffer und sieht die Welt. Na ja, fast. Er sieht den Flughafen, das Hotel, das Stadion, und wenn er ein ganz aufmerksamer Zeitgenosse ist, dann guckt er bei der Busfahrt zum Sport sogar aus dem Fenster.

Doha ist wie Dortmund, nur anders

Die Anreise nach Katar dauerte für die deutschen Sportler mit Zwischenstopp im Trainingslager Belek in Summe oft 10 Stunden. Das ist beschwerlich, aber nicht anders zu machen, solange der DLV-Logistikdirektor nicht "Scotty" heißt, wie der Chefingenieur vom "Raumschiff Enterprise". Der Lokalmatador Mutaz Essa Barshim hingegen fährt in seiner Stadt, mit seinem Auto, in sein Stadion. Wie Dortmund, nur anders. Jetzt muss ein jeder abwägen. Will er die Welt erkunden und neue Luft schnuppern oder will er den sogenannten Heimvorteil erleben. Den wenigsten wird dieses Privileg zuteil, dass sie in ihrer gewohnten Umgebung auf Rekordjagd gehen können.

Das Publikum füttert mit gutem Gefühl

Jeder, der es erleben durfte, schwärmt davon. Es setzt ungeahnte Kräfte frei. Aber warum? Sport findet außerhalb der Komfortzone statt. Wer eine Bestleistung erreichen will, der muss über diese Grenzen gehen. Geht nicht anders. Das System Sportler ist allerdings hochkomplex, und verschiedene Kräfte werden zur Bewältigung diverser Herausforderungen verwendet. Wenn wir jetzt durch Anwesenheit der eigenen Fans den Komfortkreis, das Zentrum des Wohlfühlens, vergrößern, dann müssen wir, um über Grenzen zu gehen, noch weiter außen ansetzen. Und da liegt die Bestleistung. Das Publikum füttert den Sportler mit gutem Gefühl.

Die Massen strömen, schreien, feiern

Wie am Freitag (04.10.2019) Katars Superstar Barshim. Als wir zum Stadion fahren, ist der Parkplatz in Nähe des Stadions rappelvoll. Entzückt hoffe ich, dass die für die WM gekommen sind. Nebenan tummeln sich unzählige Menschen in einem U-Bahnhof. Könnte eventuell die pompöse Eröffnung des Stadionbahnhofes sein. Deshalb so viele Autos?! Wir nähern uns dem Stadion, und dann fällt uns ein, dass in Katar der Freitag gern zum Shoppen genutzt wird. Das anliegende Einkaufszentrum platzt aus allen Nähten. Es hätte so schön sein können. Doch dann komme ich ins Stadion und traue meinen Augen nicht. Familientag in Doha? Freier Eintritt? Keine Ahnung, da sind mehr Menschen im Stadion als Plätze. Die abgehängten Sitzschalen werden freigegeben und die Massen strömen, schreien, feiern.

Glaubenssätze: "Ich bin der Terminator!"

Die Amerikanerin Muhammad nutzt die Gunst der Stunde und läuft Weltrekord. Ganz trickreich kann man sich den Heimvorteil auch einreden. Britta Steffen hat bei ihrem Olympiasieg in Peking 2008 die Anfeuerungsschreie des Publikums für sich genutzt. "TSCHEI-NA! TSCHEI-NA!" hört sich doch fast wie "BRIT-TA, BRIT-TA!" an?! Man muss nur ein bisschen nachlässig hinhören und dann passt das schon. "Hey, die meinen alle mich! Die lieben mich! Ich liebe euch auch! Sport ist schön." Positive Glaubenssätze werden mit Unterstützung des Publikums potenziert in: "Ich bin eine Waffe, ich werde durch Dynamit angetrieben, ich bin der Terminator!" Je lauter die brüllen, desto eher glaubt man sein imaginäres Gesabbel.

Doha wird Weltmeister

Bei Katars Barshim hat es geklappt. Wir können von Glück reden, dass das Stadion noch steht. Nach langer Verletzungszeit und mäßigen Vorleistungen nutzt er das Aufputschmittel Heimvorteil, floppt über 2,37 Meter und wird Weltmeister. Doha wird Weltmeister. Und alle freuen sich - jedenfalls bis zur Siegerehrung.

Titelträger

Alle Weltmeister von Doha

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 05.10.2019 | 17:00 Uhr

Stand: 05.10.19 09:00 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)