Joe Kovacs aus den USA © dpa-Bildfunk Foto: David J. Phillip/AP/dpa

05:46 min | 05.10.2019 | Das Erste

Kovacs gewinnt dramatisches Finale im Kugelstoßen

Pure Dramatik beim Kugelstoßen: Nach wechselnder Führung hat Joe Kovacs mit einem Zentimeter Vorsprung den Titel bei der Leichtathletik-WM in Doha gewonnen.

Busemanns WM-Kolumne

Kolumne: Weltmeisterliches Leistungsniveau in Doha

Die Leichtathletik-WM in Doha hat gezeigt, dass immer mehr Nationen auf hohem Niveau mitmischen. Daraus muss der DLV die richtigen Schlüsse ziehen, meint Frank Busemann in seiner Kolumne.

Und schon sind wir wieder am Ende einer denkwürdigen Weltmeisterschaft. Claus Lufen fragte mich am Ende unserer Sportschau-Übertragung, was mir von den letzten zehn Tagen im Gedächtnis bleibt. Wenn ich zurückdenke, fällt mir als Erstes diese unglaubliche Wärme - gepaart mit hoher Luftfeuchtigkeit - ein, die ich auch am letzten Tag beeindruckend hoch fand. Die Zuschauerzahlen entwickelten sich von "nicht vorhanden" auf ein wirklich erträgliches Maß - ein versöhnlicher Abschluss der Veranstaltung.

Alle wollen sich was vom Medaillenkuchen abschneiden

IAAF-Präsident Sebastian Coe hob hervor, dass er die Marke und Sportart Leichtathletik in die ganze Welt transportieren wolle. Was blieb ihm auch anders übrig? Die Veranstaltung wurde vor seiner Amtszeit nach Katar gegeben.

Wenn wir in den Medaillenspiegel der WM schauen, dann sind da Stand Samstagabend (05.10.2019) 40 Nationen, die Medaillen gewonnen haben. Von A wie Australien bis V wie Venezuela gibt es Interessenten. Die Leichtathletik ist Laufen, Springen, Werfen. Ganz einfach. Kann jeder, macht jeder. Der eine gut, der andere richtig gut. Jetzt fragt sich der geneigte Zuschauer, warum wir in Deutschland mit 71 Athletinnen und Athleten bei 147 zu vergebenden Medaillen nur vier Prozent vom Kuchen abbekommen (ich rechne mit sechs Medaillen, also, Johannes Vetter und Malaika Mihambo, lasst mich nicht hängen, sonst hat mein Beitrag hier einen Rechenfehler). Bei etwas über 2.000 Teilnehmern entspricht das Verhältnis in etwa genauso viel. Und das wollen alle Nationen. Das Niveau der globalen Leichtathletik war in Doha auf einem erstaunlich hohen Niveau.

Einen Technologie-Vorsprung gibt's nicht mehr

Zwei Weltrekorde, ein Kugelstoß-Wettkampf der Superlative, eine monströse Show im Frauen-Diskuswurf, ein offener Schlagabtausch im Stabhochsprung, schnelle Mittelstrecken während einer Meisterschaft und gute Weitsprünge sind nur ein paar Eckpfeiler eines Trends, der nach oben geht.

Die Welt-Leichtathletik muss den Kuchen globaler aufteilen. Der Technologie-Vorsprung, den wir in manchen Disziplinen mitbrachten, ist aufgebraucht, kopiert, weiterentwickelt und verbessert.

Was können wir von anderen lernen?

Cindy Roleder © dpa-Bildfunk Foto: Oliver Weiken/dpa

Nicht nur beim Hürdensprint kommt es auch auf die richtige Technik an.

Die deutsche Mannschaft hat sich nichts vorzuwerfen. Es gibt in einem Team mit vielen Individuen immer Out- und Underperformer. Solange die persönlich beste Leistung erbracht wurde, ist alles gut. Dann kann sich keiner was vorwerfen.

Es gab widrige Bedingungen, die man nicht als Entschuldigung gelten lassen darf. Wir müssen über die Grenzen schauen. Was können wir von anderen lernen, ohne unsere Prinzipien zu vergessen? Was können wir kopieren und weiterentwickeln? Wir können das amerikanische System mit seiner patriotischen Schul- und College-Identifikation nicht kopieren. Wir können, wie in anderen Regimen, keine Athleten entmündigen und sie zu Trainingszwecken einsperren. Wir sollten auch sportliche Leistung nicht als Motivation zur Macht- und Stärke-Demonstration verwenden. Machen wir auch nicht.

Früh übt sich ...

Trotzdem ist ein Wissenstransfer in allen Richtungen richtig und wichtig. Viele Sachen kann man verwerfen, andere Dinge kann man verwenden. Das machen deutsche Trainer - die schauen, wie sie das auf ihre Athleten übertragen können. Inhalte müssen auch passen. Einen Diskuswerfer muss man nicht zum Marathonläufer umbauen, das bringt nichts. Aber den Kugelstoßer kann man vielleicht mit der Drehstoß-Technik davon überzeugen, dass er irgendwann ganz weit stößt.

Die deutsche Mannschaft hat immer wieder junge Athleten in ihren Reihen, die nicht heute liefern. Eine Malaika Mihambo war 2013 Teil einer großen, erfahrenen Mannschaft. Heute ist sie eine der Besten der Welt. Weil sie schon früh ausprobieren konnte, wie es sich anfühlt, im Konzert der Großen mitzumischen.

Aufgeben ist keine Alternative!

Tendenzen erkennen, frühzeitig gegensteuern, mitziehen und Trends identifizieren, das ist Aufgabe und Kunst gleichermaßen. Es ist manchmal nicht einfach, weil man sich in einigen Belangen machtlos fühlt. Aber aufzugeben und nichts zu machen, das ist keine Alternative. Machen die anderen auch nicht. Es wird immer schwieriger, Medaillen zu holen - und trotzdem haben wir welche.

Titelträger

Alle Weltmeister von Doha

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 05.10.2019 | 16:04 Uhr

Stand: 06.10.19 15:28 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)