Frank Busemann blickt in eine Glaskugel (Montage) © picture alliance, fotolia.com Foto: Sascha Baumann, Klaus Eppele

Busemanns WM-Orakel

Busemanns WM-Orakel: Mihambo mit der Bürde der Qualität

Eine deutsche Stakkato-Siebenmeter-Weitspringerin, ein Stabhochsprung-Trio im Sechs-Meter-Rausch und ein Hochspringer, der das Stadion abreißt: Frank Busemann blickt in seinem WM-Orakel auf die Sprungwettbewerbe in Doha voraus.

Was jahrelang lediglich einer deutschen Athletin im Stakkatotakt vorbehalten war, wiederholt sich 2019 scheinbar nach Belieben: sieben Meter. Wenn es nach Malaika Mihambo geht relativ einfach: schnell anlaufen, gut abspringen, spät landen. Zack, gewonnen. Atemberaubend. Immer wieder. Mit Leichtigkeit hat sie die internationale Elite im Griff. Wie einst eine Heike Drechsler. Das macht die Sache nicht leichter. Nach der Vorstellung in den Monaten vor Doha ist alles andere als der Sieg nicht das, was sie will. Traurig, aber wahr. Die Bürde der Qualität ist, dass man der Enttäuschung immer näher als der Überraschung ist. Wir wünschen ihr eine normale Leistung. Das würde reichen. Wahnsinn.

Deutsches Team

Die deutschen Medaillenkandidaten in Doha

Vorteil Echevarria und Manyonga im Wüstensand

Bei den Herren musste der EM-Zweite Fabian Heinle seine Saison zugunsten der Olympia-Vorbereitung beenden und schaut nun von zu Hause zu, wie sich die Athleten im Wüstensand von Doha duellieren. Im Weitsprung ist im Allgemeinen das Problem bekannt, dass der Blick auf die Weltrangliste nur bedingt aussagekräftig ist, da immer mal wieder ein Sprung rausrutscht (siehe den Südafrikaner Zarck Visser mit 8,41 m oder Shoutarou Shiroyama aus Japan mit 8,40 m). Interessanter sind da Leistungen, die bei großen Meetings erzielt wurden und sich in anderen Wettkämpfen bestätigen. Deshalb sind der Kubaner Juan Miguel Echevarria und der Titelverteidiger Luvo Manyonga klar im Vorteil.

Ein Stab-Trio mit Höhen jenseits der sechs Meter

Im Stabhochsprung ist die Vorherrschaft des Renaud Lavillenie endgültig beendet und mit Sam Kendricks, Piotr Lisek und dem jungen Armand Duplantis gleich dreifach bei Höhen jenseits der sechs Meter besetzt. Kendricks sah beim ISTAF in Berlin am Ende nicht mehr ganz frisch aus. Es bleibt abzuwarten, wie er die vier Wochen vor Doha genutzt hat. Wenn die drei gesund sind, werden sie die drei Medaillen unter sich ausmachen. In der Disziplin, die jahrelang den Hoffnungsvollsten im DLV gehörte, sind wir sogar mit drei Startern vertreten. Der Weltmeister von 2013, Raphael Holzdeppe, ist nach kurzer Durststrecke wieder im Bereich von 5,80 m angekommen. Bei ihm wird es darum gehen, unter die Top Sechs zu kommen. Bei Torben Blech und Bo Kanda Lita Baehre steht die Qualifikation für das Finale im Vordergrund.

Stefanidi erste Anwärterin auf Gold - wieder mal

Bei den Damen muss Lisa Ryzih in der Qualifikation ihre beste Höhe im ersten Versuch springen, um in die Runde der letzten Zwölf einzuziehen. Höhen jenseits der 4,70 m, wie in den vergangenen vier Jahren, sind in 2019 noch nicht geschafft. Der Titel wird mit der ersten Höhe jenseits der 4,80 m vergeben - und die Olympiasiegerin und Titelverteidigerin Ekaterini Stefanidi ist wieder mal erste Anwärterin auf Gold.

Für Katharina Bauer werden die Weltmeisterschaften eine besondere Belohnung, da sie in der Halle mit guten Leistungen auf sich aufmerksam machte und die IAAF eine Einladung aussprach. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sie mit implantiertem Defibrillator springt. Das ist für sie kein Hinderungsgrund auf Top-Niveau Sport zu machen.

Hochsprung: Przybylko kann überraschen

Der Hochsprung sollte die Show des katarischen Superspringers Mutaz Essa Barshim werden, doch ein missglückter Weltrekordversuch im Juli 2018 warf seine Pläne über den Haufen. Im Jahr 2019 stand die Weltjahresbestleistung bei den Männern lange bei 2,33 m. Das war im vorherigen Jahrtausend letztmalig der Fall. Seit dem Europa-USA-Vergleich liegt die Bestmarke endlich bei 2,35 m. Trotzdem stehen die Chancen für eine Vielzahl von Springern gleich gut. Deutschlands Europameister Mateusz Przybylko kommt rechtzeitig in Fahrt und kann überraschen. Wer kann am besten pokern? Wer hat die besten Nerven? Der erste Versuch über 2,35 m wird Weltmeister.

Hey, Lassizkene und Demireva, schaut Euch mal den Mateusz an!

Bei den Frauen wird die leidenschaftliche Tätigkeit des professionellen Weltklassesports leicht mit einer Trauerfeier verwechselt. Freuen verboten. Oder wer zuerst lacht, verliert. Im vergangenen Jahr bei der EM bestachen die haushohe Favoritin und Seriensiegerin Marija Lassizkene und Mirela Demireva bei einem hochklassigen Krimi durch ausgeprägte Emotionslosigkeit. Schaut Euch mal den Mateusz an, der reißt das Stadion ab!

Immer freundlich und gut gelaunt hingegen ist Deutschlands verbliebene Springerin Imke Onnen. Für sie wird der Einzug ins Finale oberste Priorität besitzen. Kurzfristig ins WM-Aufgebot kam mittels IAAF-Einladung die junge Dortmunderin Christina Honsel. Glücklicherweise war sie noch voll im Training und kann den Auftritt als Zugabe für eine tolle Saison nutzen.

Dreisprung: Taylor oder Claye? Aber ganz sicher Rojas

Der Dreisprung findet leider ohne deutsche Beteiligung statt, nachdem Max Heß seine Teilnahme verletzungsbedingt absagen musste. Die beiden Amerikaner Christian Taylor und Will Claye werden mit Sprüngen um die 18 m den Titel unter sich ausmachen.

Nicht ganz so sicher, aber ähnlich weit, dürfte es für Yulimar Rojas gehen. Anfang September sprang sie mit 15,41 m die zweitbeste Weite, die jemals erzielt wurde. Sie wird mit 15 m die Konkurrenz gewinnen. Schade aus deutscher Sicht ist, dass Deutschlands Rekordlerin Kristin Gierisch angeschlagen passen musste. Für Neele Eckhardt ist die späte Nominierung ein Bonbon für die diesjährige Saison. Sie wird mit Lockerheit und Genuss versuchen, aus drei mal drei Bodenkontakten viel zu machen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 27.09.2019 | 16:10 Uhr

Stand: 25.09.19 10:00 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)