Blick ins Khalifa International Stadium in Doha © imago images/Belga

Vorschau

Medaillenhoffnungen und Kritik bei der Wüsten-WM in Doha

von Bettina Lenner aus Doha

Mit einer Goldfavoritin, aber insgesamt wenigen klaren Medaillenchancen startet das deutsche Team in die am Freitag (27.09.2019, ab 16.06 Uhr live im Ersten und bei Sportschau.de) beginnende Leichtathletik-WM in Doha. Katar ist als Ausrichter der Titelkämpfe umstritten, die erstmals seit 2003 ohne Superstar Usain Bolt auskommen müssen.

Wer sich in diesen Tagen in Katar aufhält, wird sich jeden Schritt gut überlegen. Temperaturen um 40 Grad und Luftfeuchtigkeit von rund 85 Prozent - es ist brüllend heiß in Doha. Zwar wird das Khalifa-Stadion auf 24 Grad heruntergekühlt, das birgt jedoch Tücken. Denn nicht nur die Hitze selbst, sondern vor allem das Hin und Her zwischen klimatisierten und nicht-klimatisierten Bereichen bereitet Sorgen. "Wir machen uns bei 40 Grad warm und kommen dann ins Stadion, das runtergekühlt wurde. Da muss man aufpassen, dass man selber nicht zu sehr runterkühlt", warnte Sprinterin Gina Lückenkemper. Neben ökologischen Bedenken mitten in der weltweiten Debatte über den Klimawandel bleiben die Bedingungen extrem - vor allem für Marathonläufer und Geher, die ihre Wettkämpfe zwar nachts, aber bei brutaler Schwüle in der City bestreiten.

Kritik von Vetter und Mihambo

"Wenn es mal Funktionäre geben würde, die sich um die Sportler und nicht um die Kohle kümmern, wäre die WM wohl in ein Land vergeben worden, in dem es nicht so abartig hohe Temperaturen gibt", sagte Speerwerfer Johannes Vetter im Vorfeld der umstrittenen Wüsten-WM, die unter dubiosen Umständen in Katar gelandet sein soll. Was den Ausschlag für Doha gegeben hat, wird Gegenstand des Prozesses gegen den ehemaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack werden. Die Indizien deuten darauf hin, dass reichlich Geld zwischen Katarern und Entscheidern geflossen ist.

"Ich finde, die sozialen, politischen und Umwelt-Aspekte sollen bei der Vergabe mit einbezogen werden", monierte Weitspringerin Malaika Mihambo, die sich ein Mitspracherecht der Athleten wünscht: "Wir sind nicht in den Prozess involviert, wie internationale Wettkämpfe generell vergeben werden. Von daher heißt es für uns Athleten, dass wir uns damit abfinden müssen."

"Die Rahmenbedingungen sind sicherlich nicht optimal und leistungsfördernd, aber sie sind für alle gleich. Der späte Zeitpunkt, die klimatischen Verhältnisse - das sind echte Herausforderungen für die Athleten. Aber das ist alles nur ein Vorgeschmack auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, da werden wir ähnliche Temperaturen haben und vermutlich eine deutlich höhere Luftfeuchtigkeit." DLV-Präsident Jürgen Kessing

"Schön, in der Favoritenrolle zu sein"

Sowohl die Weltjahresbeste Mihambo als auch Vetter, der vor zwei Jahren in London als einziger DLV-Athlet Gold holte, haben bei aller Kritik dennoch auch in Doha große Ambitionen. "Ich will den WM-Titel erneut erobern", sagte Vetter, der nach Verletzungsproblemen zuletzt wieder in Top-Form gekommen ist. Als Deutschlands größte Goldhoffnung gilt allerdings Mihambo. Die Europameisterin sprang die sieben Meter in dieser Saison gleich reihenweise und steigerte sich auf 7,16 m. "Ich habe meine Wettkämpfe meistens mit rund 20 Zentimetern Vorsprung gewonnen - das gibt Selbstvertrauen. Ich finde es schön, in der Favoritenrolle zu sein", sagte die 25-Jährige.

In überragender Form sind auch Langstrecklerin Konstanze Klosterhalfen und Hindernis-Ass Gesa Felicitas Krause, die beide in diesem Jahr deutsche Rekorde aufstellten, sich in Doha aber Afrikas Übermacht stellen. Medaillenchancen dürfen sich zudem Kugelstoßerin Christina Schwanitz, die Sprintstaffel der Frauen um Lückenkemper und Tatjana Pinto, die Zehnkämpfer und Speerwerferin Christin Hussong ausrechnen.

Deutsches Team

Die deutschen Medaillenkandidaten in Doha

Kessing: "Können Ausfälle nicht kompensieren"

Weil jedoch nur zehn Monate vor den Olympischen Spielen in Tokio - die WM findet wegen der Temperaturen erst Ende September/Anfang Oktober, Olympia bereits im Juli statt - eine ungewöhnlich hohe Zahl von Athleten verletzt absagte, ist die Erwartungshaltung alles in allem gedämpft. Unter anderem sind der zweimalige Kugelstoß-Weltmeister David Storl, die Mehrkämpfer Carolin Schäfer und Rico Freimuth (beide WM-Silber 2017), Zehnkampf-Europameister Arthur Abele sowie Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz (WM-Bronze 2017) und die Hochspringerin Marie-Laurence Jungfleisch (EM-Dritte) nicht dabei. "Man muss klar sagen, dass wir diese Ausfälle nicht kompensieren können. Das könnte keine europäische Nation", erklärte DLV-Generaldirektor Idriss Gonschinska.

Die Wiederholung des London-Ergebnisses von 2017 mit fünf Medaillen (darunter das Gold von Vetter) wäre ein Erfolg, die Traumbilanzen von Moskau 2013 (vier Titel) und Peking 2015 (zwei Titel, acht Medaillen) scheinen außer Reichweite. "Wir wünschen uns natürlich möglichst viele Medaillen. Aber wir dürfen uns auch nichts vormachen: Unsere Möglichkeiten sind überschaubar. Wir haben ein paar ganz gute Eisen im Feuer, aber es muss vor Ort dann auch alles passen", sagte DLV-Präsident Jürgen Kessing.

Wer folgt auf Usain Bolt?

Um die Belastung durch das katarische Wetter zu minimieren, reisen die deutschen Athleten erst kurz vor dem jeweiligen Wettkampf aus dem Trainingslager in Belek/Türkei nach Doha, wo die ersten globalen Titelkämpfe seit 2003 ohne Usain Bolt stattfinden. Noch ist kein Nachfolger für die Leichtathletik-Lichtgestalt, die über ein Jahrzent lang die Szene beherrschte, in Sicht. Karsten Warholm, Norwegens Hürden-Hoffnung, oder auch Schwedens Stabhochsprung-Wunderkind Armand Duplantis wären geeignete Kandidaten. "Wir müssen jetzt noch härter daran arbeiten, alle anderen in einen neuen Blickwinkel zu rücken, Profile und Charaktere hervorzuheben", sagte der alte und neue Weltverbands-Präsident Sebastian Coe.

Russischer Verband bleibt gesperrt

Auch US-Sprinter Christian Coleman gehört zu der jüngeren Generation, die eigentlich die riesige Lücke füllen soll, die Jamaikas Jahrhundertsprinter mit seinem Rücktritt hinterlassen hat. Doch die drei verpassten Doping-Tests des schnellsten Mannes der Welt in diesem Jahr, der dennoch bei den ersten globalen Titelkämpfe in einem arabischen Land starten darf, rückten auch wieder die alten Probleme der Leichtathletik in den Fokus. Weiter gesperrt bleibt der russische Leichtathletik-Verband. Die 30 nominierten Russen müssen unter neutraler Flagge starten.

Viele Bereiche im Stadion abgehängt

Prämien

Bei der WM werden 7,53 Millionen Dollar (rund 6,85 Millionen Euro) an Prämien ausgeschüttet. Die Sieger erhalten je 60.000 Dollar, für die Zweit- und Drittplatzierten gibt es laut IAAF 30.000 beziehungsweise 20.000 Dollar. Prämiert werden auch die Ränge vier bis acht (15.000, 10.000, 6.000, 5.000 und 4.000 Dollar). Die Läufer der Staffel-Wettbewerbe müssen sich das Preisgeld teilen. Platz eins, zwei und drei sind mit 80.000, 40.000 und 20.000 Dollar dotiert; die weiteren Ränge mit 16.000, 12.000, 8.000, 6.000 und 4.000 Dollar. Für einen Weltrekord ist eine Prämie von 100.000 Dollar ausgelobt. Bei der Einstellung eines Weltrekordes gibt es kein Geld.

Spannend bleibt die Frage, ob die wohl umstrittenste WM der Geschichte Zuschauer ins Stadion locken und begeistern kann. Das junge, reiche Wüstenemirat, Ausrichter der Fußball-WM 2022, ringt um Anerkennung und setzt bei der Entwicklung des Landes auch auf den Sport. Athleten wie Lokalmatador Mutaz Essa Barshim, der vor zwei Jahren in London den Weltmeister-Titel im Hochsprung holte, sind in ihrer Heimat echte Stars. Dennoch sind im Nationalstadion, das eigentlich 40.000 Zuschauern Platz bietet, während der WM viele Bereiche abgehängt. Die britische Zeitung "The Guardian" meldete zu Wochenbeginn, dass die Organisatoren kaum Tickets verkauft hätten. Man werde Gastarbeiter sowie Kinder einladen, um die Ränge zu füllen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 27.09.2019 | 16:10 Uhr

Stand: 26.09.19 10:33 Uhr