IAAF-Präsident Sebastian Coe (l.) und Abdeslam Ahizoune, Präsident des marokkanischen Leichtathletik-Verbandes in Doha. © FRMA Foto: FRMA

28:51 min | 03.10.2019 | Das Erste

Geheimsache Doping - Spur nach Nordafrika

Der Leichtathletik-Weltverband hat Marokko vor zwei Jahren von der Doping-Watchlist genommen. In dem Land drängt sich allerdings der Eindruck paradiesischer Zustände auf - für Doper.

Doping

Marokko - Paradies für Sportbetrüger?

von Hajo Seppelt, Grit Hartmann, Edmund Willison, Jörg Winterfeldt

Der Leichtathletik-Weltverband hat Marokko vor zwei Jahren von der Doping-Watchlist genommen. Eine Untersuchung der Verhältnisse wirft die Frage auf, wie das passieren konnte. In dem nordafrikanischen Land drängt sich der Eindruck auf, die Zustände seien paradiesisch - für Doper.

Die Zeiten sind hart geworden für Marokkos Leichtathleten. Das musste die Szene erst wieder in diesen Tagen beobachten, als die besten rund um den Globus in Doha/Katar zusammenkamen, um im Glutofen der arabischen Halbinsel ihre Weltmeisterschaften auszutragen. Der medaillenträchtigste Auftritt Marokkos auf der großen Bühne spielte sich schon ab, als die Kameras aus aller Welt noch gar nicht liefen und die Athleten schon gar nicht: Abdeslam Ahizoune, Marokkos oberster Leichtathlet, Präsident des nationalen Verbandes, erhielt bei der Eröffnungsfeier des 52. Kongresses der International Association of Athletics Federations (IAAF) vor der WM von Sebastian Coe, dem britischen Lord, der der Welt-Leichtathletik vorsteht, eine Ehrenmedaille für seine Verdienste um den Sport.

Ausgerechnet die Erfolgsmeldung spiegelt die Tragik der leichtathletischen Lage im nordafrikanischen Land perfekt wider. Sportlich nämlich besitzt Marokkos Lauf-, Wurf- und Sprungelite derzeit weitaus weniger Aussichten auf Edelmetall. Die ausbleibende Ausbeute zeitigt für Marokko allerdings auch ein Gutes: Coes Verband IAAF nahm Marokko 2017 von seiner berüchtigten Doping-Watchlist, stufte es aus jener Kategorie von einem halben Dutzend Ländern zurück, in denen das Risiko des Dopens am höchsten eingeschätzt wurde.

"Die Entscheidung basierte auf zwei Faktoren", sagt Brett, Clothier, der Chef der IAAF-Integritätseinheit, der ARD Dopingredaktion, "einerseits Anstrengungen, die Situation zu verbessern, andererseits der rückläufige Faktor des Erfolgs marokkanischer Athleten. Marokko war mal eine wahre Macht in der Leichtathletik, die viele Medaillen gewann, aber dann waren die Leistungen rückläufig."

Mit Dopingmitteln aufgeflogen

Doch die Frage stellt sich, wie genau die Ethik-Wächter des Verbandes sich die Lage im Land wirklich angesehen haben und ob sie es sich, angesichts knapper Ressourcen, zu einfach machen, die Kategorisierung auch nach dem Faktor Erfolg vorzunehmen. Nach Recherchen der ARD-Dopingredaktion nämlich herrschen dramatische Zustände in Marokko, ein ernsthafter Kampf gegen Sportbetrug scheint kaum feststellbar.

Im Gegenteil: Offenbar dürfen überführte Doper Jugendtrainer werden, Trainer dopen, womöglich gar mit Duldung des Verbandes, Dopinghändler werden anscheinend nicht aus dem Verkehr gezogen genauso wenig wie Apotheker, deren Handel mit Dopingmitteln aufgeflogen ist, unangekündigte Dopingkontrollen sind selten, und die Bedingungen für Betrüger scheinbar so paradiesisch, dass scheinbar sogar Ausländer einreisen, um zu dopen. Die aufsehenerregendste Recherche der ARD-Dopingredaktion legt sogar nahe, dass Frankreichs Europameister 2018, der Langstreckenläufer Mourad Amdouni, von den Zuständen in Marokko profitiert haben könnte.

Mit seiner Dopingkultur, so zeichnet sich das Bild des Landes, steht Marokko repräsentativ für die versteckte Ecken in der Welt, die dafür sorgen, dass von gleichen Bedingungen, fairen Wettbewerben und einem weltweit vergleichbaren Anti-Doping-Kampf kaum die Rede sein kann.

Die Aufseher sind alarmiert. "Die Information, die Sie uns gegeben haben, die Anschuldigungen, die Sie vorgelegt haben, sind sehr sehr schwerwiegend", sagte der Australier Clothier der ARD-Dopingredaktion, "eine Entscheidung, ob Marokko wieder auf die Watchlist gesetzt wird, fällt bis zum Jahresende."

Hall of Fame, Hall of Shame

Marokko ist ein Land mit erheblicher Lauftradition, das in der Geschichte der Mittel- und Langstreckenwettbewerbe schon große Stars hervorbrachte. Said Aouita dominierte in den Achtzigern auf den Strecken zwischen 800 und 5.000 Meter. Er ist der einzige Athlet, der olympische Medaillen auf beiden Strecken gewann. Nawal El Moutawakel wurde 1984 Olympiasiegerin über 400 Hürden - als erste afrikanische und erste muslimische Frau, die bei den Spielen Gold holte und so sogar als Mitglied ins Internationale Olympische Komitee aufsteigen durfte. Und zuletzt Hicham El Guerrouj, dessen Weltrekord in Athen 2004 über 1.500 Meter bis heute Bestand hat. Noch auffälliger allerdings: Das Land in Nordafrika blickt auch auf eine lange Ära überführter Sportbetrüger - annähernd so wie Kenia oder Russland.

Der Königliche Marokkanische Leichtathletikverband hat seinen Sitz direkt am größten Stadion der Hauptstadt Rabat, wo jedes Jahr mit dem Diamond-League-Meeting das derzeit bedeutendste Leichtathletik-Event auf dem afrikanischen Kontinent stattfindet. Gleich im Eingangsbereich der Verbandszentrale werden unter den Champions, noch immer auch solche gefeiert, die wegen Betrugs aufgeflogen sind. Wie etwa Amine Laalou - einst einer der Besten in der Welt über die 800 und 1.500 Meter, mehrfach überführter Doper. Der Mann, für alle Tätigkeiten im Sport acht Jahre gesperrt, arbeite heute als Nachwuchstrainer, berichtet ein Informant. Im Gespräch bestätigt Laalou das, sagt, das solle nicht öffentlich werden, weil er dann seinen Job los sei.

Weitere Hinweise über das marokkanische Laissez-faire ergeben sich aus der Auswertung der örtlichen Aufarbeitung eines Skandals. Der Marokkaner Nader Belhanbel. WM-Finalist, einst wegen Dopings aufgeflogen, legte anschließend als Whistleblower ein verzweigtes Drogen-Netzwerk offen. Seine sportrechtliche Ermittlungsakte aus Frankreich wurde später im Internet geleakt.

Der Frust der Sportermittler

Hindernisläufer © imago images / GEPA Pictures Foto: imago images / GEPA Pictures

Kommt Marokko wieder auf die Doping-Watchlist? Das soll Ende des Jahres feststehen.

Die Überprüfung der Konsequenzen bringen erstaunliche Erkenntnisse zu Tage: Der Dopingdealer, bei dem einst bei einer Hausdurchsuchung, Dopingmittel sichergestellt wurden, ist noch immer unter der gleichen Telefonnummer zu erreichen und schildert offenherzig, Probleme mit der Polizei habe er keine bekommen. Die Apotheke im Hochland um Ifrane, einer populären Gegend zum Trainieren für Läufer aus vielen Ländern, verkauft bei einem Versuch auf Nachfrage ohne Probleme das Ausdauer-Dopingmittel EPO ohne Rezept.

Ohne große Umschweife beklagen Sportermittler, dass sie nach Weitergabe von Informationen nach Marokko nie Rückmeldung bekommen, ob die Behörden in der Monarchie die Fälle überhaupt strafrechtlich verfolgen: Es sei als verschwinde alles in einem schwarzen Loch.

Ein Kritiker des Systems, lebt inzwischen in Doha, im Wüstenemirat Katar. Houcine Benzraigenat war in Marokko zwei Jahrzehnte Nationaltrainer für die Junioren. Er habe seine Heimat schon vor längerer Zeit verlassen, auch weil er Angst habe, sagt er. Er arbeitet jetzt in Katar als Trainer und prangert Missstände über Facebook an. Zum Beispiel hat er Tonaufnahmen veröffentlicht, die belegen wie ein Juniorentrainer Schützlinge zum Dopen animieren lassen will.

Trotzdem sei der marokkanische Verband nicht eingeschritten, obwohl dieses Phänomen in Marokko verbreitet ist. Opfer sind die jungen Sportler. "Ich kenne Athleten, die Doping bekommen, 18 Jahre alt. Aber sie können nicht rausgehen und sagen, dass sie Dopingmittel nehmen. Warum? Weil dann der Name des Verbandspräsidenten in den Dreck gezogen wird. Und der hat eine enge Beziehung zum Königshaus", sagt Benzraigenat, "deshalb kann er einem mit Leichtigkeit ein Problem machen. Das ist auch der Grund, warum die Athleten ihn fürchten. Niemand traut sich, etwas zu sagen. Der Präsident sagt selber, dass ihn König Mohammed VI. persönlich geholt hat."

Ausreisekontrollen für ganze Teams?

Es ist jener Präsident, der vom mächtigen IAAF-Boss Coe gerade vor der WM für seine Dienste um die Leichtathletik ausgezeichnet wurde, der angeblich über einen besonders engen Draht zum König verfügt: Abdeslam Ahizoune, nationaler Telekom-Boss und Verwalter der königlichen Solidaritätsstiftung, seit 13 Jahren Boss der Leichtathleten. Nicht einmal der Versuch der Machtübernahme des nationalen Laufhelden El Guerrouj neulich vermochte ihn aus dem Amt zu verdrängen.

Ahizoune würde alles dafür tun, sagt Benzraigenat, dass marokkanische Athleten immer mit weißer Weste bei Wettkämpfen im Ausland dastünden - egal ob die Athleten womöglich vorher gedopt hätten. "Der marokkanische Verband macht das so: Vor internationalen Wettkämpfen führt er Dopingtests durch. Und wenn jemand gedopt ist, nehmen sie ihn aus dem Kader, sagen: "Du machst eine Pause, damit Du nicht bei der internationalen Kontrolle auffliegst." Gesperrt würden die dann nicht.

Führt Marokkos Leichtathletikverband tatsächlich eine Art Ausreisekontrollen für ganze Teams im Stil des Staatsdopingsystems der DDR durch? Der marokkanische Verband und sein Präsident erhielten schriftlich Fragen zu den Anschuldigungen. Sie blieben ohne Reaktion.

Für gewöhnlich scheint es sich als Spitzenathlet allerdings ganz gut unkontrolliert zu leben. Gerade in die abgelegenen Gegenden des Hochlands findet selten ein Kontrolleur. Und ohnehin existiert eine Nationale Anti-Doping-Agentur in Marokko bis heute quasi nur auf dem Papier. Der Leichtathletik-Weltverband listet nur drei Läufer im Testprogramm auf. Ordentliche Statistiken mit Kontrollzahlen in Marokko lassen sich allenfalls mit großer Mühe beschaffen: Die Welt-Anti-Doping-Agentur verzeichnet für alle marokkanische Leichtathleten in den vergangenen drei Jahren im Schnitt kaum mehr als 200 Kontrollen pro Jahr.

Auf der Flucht

Gelegentlich verirren sich auch ausländische Kontrolleure ins Land. Einige schicken die Wächter der Integritätseinheit des Leichtathletik-Weltverbandes, andere fremde nationale Anti-Doping-Agenturen, die einen Trainingstourismus nach Marokko vermuten. Sie fürchten, dass auch der liberale Dopingmittelmarkt und ähnlich gelagerte örtliche Faktoren neben den klimatischen und ökonomischen Vorzügen für die Sogkraft sorgen.

Spektakulär verlief im Frühjahr offenbar der Versuch französischer Gesandter, ihre Top-Marathonläuferin Clemence Calvin ohne Vorankündigung beim Training in Marrakech zu testen. Als die Fahnder mit einiger Mühe den Aufenthaltsort lokalisiert hatten - Calvin änderte kurzfristig in 15 Tagen 13 Mal ihre Angaben - nahm die EM-Silbermedaillengewinnerin von Berlin 2018 kurzerhand Reißaus, angeblich weil sie die Kontrolleure nicht als solche identifiziert haben will.

Ohnehin herrscht ein verbreiteter Verdacht, dass unabhängige Dopingkontrollen wegen des hohen Korruptionsrisikos im Land schwer umsetzbar sind. "Wir nutzen für Tests lokales Personal aber auch andere Unternehmen, von denen manche ihr Personal für die Spezialmissionen einfliegen müssen", sagt Brett Clothier von der IAAF-Integritätseinheit, "es ist ein Problem in unserem Kontrollprogramm: in einem Land wie Marokko wirklich sicherzustellen, dass die Tests wirklich unangekündigt stattfinden können."

 

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 03.10.2019 | 16:00 Uhr

Stand: 03.10.19 12:00 Uhr