Jamaikas Shelly-Ann Fraser-Pryce mit ihrem Kind © imago images/Bildbyran Foto: imago images/Bildbyran

WM-Geschichten

"Muttertag" in Doha: Babys machen schnell und stark

von Ines Bellinger

Vier Mütter haben in Doha nach einer Babypause Gold gewonnen. Sie können von beflügelnden Erlebnissen erzählen - aber auch von Schwierigkeiten, Sport und Familie zu vereinbaren.

Sprintkönigin Shelly-Ann Fraser-Pryce hatte am Abend ihres vierten WM-Triumphs über 100 Meter im Khalifa International Stadium noch eine ganz andere Botschaft als ihre sagenhafte sportliche Überlegenheit im Gepäck. Sie nahm ihren zweijährigen Sohn Zyon auf den Arm und richtete ihre Worte an die Frauen dieser Welt: "Die Show von uns Frauen geht weiter!", sagte die Jamaikanerin im BBC-Interview nach ihrem Supersprint in 10,71 Sekunden. "Meinen Sohn zu haben, so zurück zu kommen... Ich hoffe, ich kann alle Frauen inspirieren, die eine Familie haben oder dabei sind, eine zu gründen."

Not-Kaiserschnitt und ein neuer Körper

Die Worte von "Pocket Rocket" erhielten ein besonderes Gewicht, weil am Sonntag (29.9.2019) kurz vor ihrer Krönung bereits eine andere Super-Mama Gold gewonnen hatte. Allyson Felix, die erfolgreichste Starterin bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften, gewann mit der amerikanischen 4x400-Meter-Mixed-Staffel und der 4x400-m-Frauen-Staffel ihre WM-Titel Nummer 12 und 13. Erst im November des vergangenen Jahres hatte die sechsmalige Olympiasiegerin ihre Tochter Camryn zur Welt gebracht - unter dramatischen Umständen. Es gab Komplikationen, in der 32. Schwangerschaftswoche musste ihre Tochter per Not-Kaiserschnitt geholt werden.

Hintergrund

"Super-Mamas": Erfolgreiche Mütter im Weltsport

Felix: "Ich arbeite mit einem komplett neuen Körper"

"Das vergangene Jahr war eine große Herausforderung für mich", sagte Felix. Nie und nimmer hätte sie damit gerechnet, so schnell wieder Edelmetall zu gewinnen. Im TV-Kanal des IOC erzählte sie vor der WM von der besonderen Erfahrung, die Frauen nach einer Geburt machen: "Im Moment bin ich weit weg von meiner Bestform, ich arbeite mit einem komplett neuen Körper."

Sponsor Nike wollte Bezüge kürzen

Dennoch hatte sie die Kraft, sich öffentlichkeitswirksam auch noch für die Rechte von Schwangeren einzusetzen. Ihr Ausrüster Nike hatte ihr nur einen um 70 Prozent geringeren Vertrag angeboten - trotz all ihrer Erfolge. "Wenn wir Kinder bekommen, riskieren wir finanzielle Einbußen während der Schwangerschaft und danach. Es ist ein Beispiel für eine Sport-Industrie, in der Regeln immer noch meistens für und von Männern gemacht werden", schrieb sie in der "New York Times". Inzwischen hat der Großsponsor seine Vertragsklauseln angepasst - Felix aber einen neuen persönlichen Ausrüster gefunden.

Auch Hong Liu kommt spektakulär zurück

Den Gold-Tag für die schnellsten Mütter der Welt machte schließlich Hong Liu perfekt, die in der Nacht zum Montag (30.9.2019) über 20 km Gehen triumphierte - zum dritten Mal nach 2011 und 2015. Im Gegensatz zu Felix hatte die Chinesin eine knapp zweijährige Babypause eingelegt, in ihrer ersten Saison als Mutter aber eine ebenso spektakuläre Rückkehr gefeiert.

Mamas Obiri und Ali holen Gold

Über die 5.000 m triumphierte mit Helen Obiri ebenfalls eine Mama. Die Kenianerin kehrte nach der Geburt ihrer Tochter 2018 auf die Leichtathletik-Bühne zurück, nachdem sie über 20 Schwangerschaftskilos abtrainiert hatte. Am Schlusstag der WM gewann die 30 Jahre alte Nia Ali aus den USA Gold über 100 m Hürden. Die Olympia-Zweite von Rio 2016 ist zweifache Mutter und hatte in dieser Saison nach einer Pause ihr Comeback gefeiert. Sie ist mit dem Kanadier Andre De Grasse verheiratet, der in Doha Bronze über 100 m und Silber über 200 m holte.

Spotakova tourt seit Jahren mit Janek

Speerwerferin Barbora Spotakova sorgt schon seit geraumer Zeit für "Mama-Momente". Die Tschechin hat den Beweis, dass Frauen nach einer Schwangerschaft häufig noch leistungsfähiger sind, bereits angetreten. Nach zwei Olympiasiegen brachte sie 2013 ihren Sohn zur Welt. Nur 15 Monate später wurde sie in Zürich Europameisterin, vor den Augen des kleinen Janek, den der Babysitter mit ins Letzigrund-Stadion gebracht hatte. Überglücklich drückte sie ihn nach ihrem Sieg an sich, gab aber zu, dass es nicht die beste Idee war, ihn mit ins Stadion zu nehmen: "Ich habe ihn die ganze Zeit weinen gehört." 2017 holte sie in London ihren zweiten WM-Titel. In Doha war die 38-Jährige wieder dabei und wurde letztlich Neunte.

Schwanitz hat ihre "Krümel" immer bei sich

Die einziger Mama im deutschen Team ist Kugelstoßerin Christina Schwanitz. Die Sächsin hat 2017 Zwillinge zur Welt gebracht - zwei Jahre nach ihrem Titelgewinn bei der WM in Peking. Ihre "Krümel", einen Sohn und eine Tochter, trägt sie immer bei sich - als silberne Figuren an einer Halskette. Ein halbes Jahr nach der Geburt begann sie wieder mit dem Training, verlor in der Folge 23 Schwangerschaftskilos und feierte bei der EM 2018 mit Silber ein gelungenes Comeback. "Ich habe ja auch wieder angefangen, um zu zeigen, dass man auch mit Kindern in der Weltspitze sein kann", sagte Schwanitz und lieferte in Doha den nächsten Beweis dafür: Bronze.

Nebenbei studiert sie auch noch Sozialpädagogik. Sie ist eben "Mama plus", wie sie selber sagt. Und ebenso ein Role Model für andere Sportlerinnen wie Fraser-Pryce oder Felix. Ein Vorbild letztlich für alle Frauen, die schaffen können, was sie sich in den Kopf gesetzt haben. "Die Welt meint, du solltest mit einem Baby warten, bis du aufgehört hast", sagte Fraser-Pryce in Doha. "Aber ich hatte andere Pläne."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Leichtathletik-WM 2019 in Doha | 29.09.2019 | 18:50 Uhr

Stand: 06.10.19 20:00 Uhr