Busemanns WM-Kolumne

Regen zeigt die wahre Klasse des Athleten

von Frank Busemann

Der Regen hat den Athleten in London ganz schön zugesetzt. Dabei trennt sich die Spreu vom Weizen, ist Frank Busemann überzeugt. Im Regen zeigt sich die wirkliche Klasse eines Athleten.

Im ersten Moment dachte ich, dass ich so etwas noch nie erlebt habe. Regen! Okay, da wir nicht aus der Sahara oder Mojavewüste kommen, sollten wir mit diesem Element vertraut sein. Wenn ich aber an die letzten zwanzig großen Meisterschaften zurückdenke, dann fallen mir zum Beispiel ganz schnell München 2002 und Helsinki 2005 ein. Bei diesen Großereignissen öffnete der Himmel seine Tore und wir wähnten und bei den Wassersportlern. Ich hatte es verdrängt. Gestern bedauerte ich die Umstände und fand sofort einen der vielen Gründe, weshalb ich nicht mehr in kurzen Hosen im Innenraum stehe. Ich bin ein Weichei geworden.

London zeigte sich von seiner widrigsten Seite. Regen. Unser Taxifahrer und ein englischer Kollege grinsten nur und zuckten mit den Schultern. Vollkommen normal für die Jungs. "We have waterproof skin!" - wir haben wasserfeste Haut. Alles eine Einstellungssache. Als Freiluftsportart ist ein jeder derer, die dort unten nach Meriten streben, wohl schon mal nass geworden. Bis auf die Warmduscher - und die sind nicht da.

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Der Regen und zwei Seiten

Das muss auch bei den Athleten gelten. Sie können von zwei Seiten an diese Rahmenbedingungen herangehen. Auf der einen Seite können sie sich bedauern: Es ist nass. Ich hasse Regen. Es ist glatt. Es spritzt. Das ist doof. Ich will nicht. Mir ist kalt. Ich bin fest.

Er kann aber auch anders damit umgehen: Es ist nass. Jetzt habe ich eine Chance. Die anderen machen sich verrückt. Die anderen mache ich verrückt. Ich liebe diesen Wettkampf. Hier werden Helden gemacht. Mach's doch einfach. Ich will gewinnen. Ich bin gut.

Kleine leichte Glaubenssätze. Positive Affirmation. Je länger der Athlet in der Form auf sich einredet, desto überzeugender ist er sich selbst gegenüber. Irgendwann glaubt er sich sogar. Die Schwimmer beschweren sich ja auch nicht, wenn sie mal ein bisschen nass werden.

Kleine Fehler potenzieren sich ...

Aber ekelig ist es allemal. Auf der Bahn haben die Athleten Spikes. Bei jedem Schritt spritzt und schmatzt und platscht es. Das fühlt sich nicht gut an, aber der Grip ist gut. Stehen Hindernisse im Weg, dann müssen die Augenlider als Scheibenwischer von Intervallschaltung auf Dauerbetrieb. Bei den Sprüngen kann es hingegen gefährlich werden. Der gelbe Matsch im Schlüpfer ist die eine Seite. Setzt der Athlet bei einem ungültigen Versuch aber mit der Ferse auf dem Brett auf, wird’s glitschig. Im Stabhochsprung haben die Hände leider keine Spikes oder Noppen, so dass die Grifffestigkeit leidet. Bei Kugelstoßen und Diskuswerfen sind Standfestigkeit und Gerätekontakt schmierig. Im Hammerwerfen muss man auf den Punkt drehen.

Kleine Fehler potenzieren sich. Perfektion ist nicht von Nachteil. Der Mehrkampf ist dahingehend um einiges schlechter dran, weil sie zehnmal nach dieser streben und zu einer normalen Mannschaftsausrüstung eigentlich nur zwei Trikots gehören. Die sind nach dem Weitsprung aber schon durch. Ganz zu schweigen von den Socken, Schuhen und restlichen Bekleidungsutensilien. Und dann kommt die Kälte. Spaß ist anders. Ganz anders.

... und es bleibt die wirkliche Klasse

Als ich im Weitsprung Alexandra Westers Trainer Charles Friedek auf die Bedingungen ansprach und ihm eine goldene Brücke bauen wollte, fragte er nur "Na und?". Ausreden können mit dem Regen scheinbar nicht kreiert werden. Und genauso muss es sein. Leichtathletik ist eine Freiluftsportart. Die Bedingungen sind in einem Wettkampf für alle gleich. Und in London regnete es konstant. Sehr konstant.

Im Regen zeigt sich die wirkliche Klasse eines Athleten. Es macht bei Sonne und Wärme und einiges mehr Spaß, aber die Schönwettersportler können nicht die ganze geforderte Bandbreite für Weltklasseathleten zeigen. Die Herausforderung ist um einiges größer, weil der normale Pfad der Konzentration verlassen und erweitert wird. Aber es geht. Es muss gehen. Die Athleten haben keine andere Option.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 09.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 10.08.17 13:44 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)