Die deutsche Sprinterin Gina Lückenkemper freut sich nach dem Zieleinlauf. © picture alliance / Bernd Thissen Foto: Bernd Thissen

Busemanns WM-Kolumne

Deutsches Sprint-Fräuleinwunder macht Spaß

von Frank Busemann

Unter elf Sekunden! Gina Lückenkemper hat erfrischend frech die 100-m-Schallmauer durchsprintet. Sie und die anderen DLV-Läuferinnen machen richtig Spaß und Lust auf die Zukunft, meint Frank Busemann in seiner Kolumne.

Endlich, will man sagen, die zehn vor dem Komma ist da. Gina Lückenkemper, mit allerlei Vorschusslorbeeren an den Start gegangen, hat keine Nerven gezeigt und ist in eine neue Dimension des Sprints eingetaucht. Diese Schallmauer ist seit Jahren das Tor zur Geschwindigkeitshölle. U11 ist schnell, Ü11 ist deutsch? Momentan mal! Schauen wir in die nationale Bestenliste, tummeln sich dort sechs Athletinnen, die diesem illustren Club angehören. Gelaufen 1983 bis 1988. Okay, konzentrieren wir uns auf jetzt.

Athleten aus der zweiten Reihe?

Im ARD-Morgenmagazin hatten wir Gina Lückenkemper vor zwei Jahren zum Gespräch gebeten und über ihre Leistungen und Ambitionen geredet. Ein Zuschauer merkte an, dass man mit Athleten der zweiten Reihe doch bitte keine Sendezeit vergeuden sollte. Haben wir ja auch nicht, wir nehmen nur gute Athleten. Richtig gute! Gina macht auf und neben der Laufbahn Spaß. Und hat Spaß. Wir auch.

Wenn Potenzial auf Entwicklung trifft

Die deutschen Sprinterinnen Tatjana Pinto, Lisa Mayer, Gina Lückenkemper und Rebekka Haase (v.l.n.r.) © dpa - Bildfunk Foto: Michael Kappeler

Tatjana Pinto, Lisa Mayer, Gina Lückenkemper und Rebekka Haase (v.l.n.r.) liefen in Rio auf Rang vier.

Tatjana Pinto im vergangenen Jahr eine glatte elf, das ist nicht Ü11, sondern G11 - und somit auch sauschnell. Rebekka Haase 11,06, dann noch Lisa Mayer, Laura Müller über die doppelte Distanz. Wo kommen die auf einmal alle her? Gab's bei denen im Dorf keinen Ballettverein und der Leichtathletiktrainer war ihr Sportlehrer und die mussten für die Schul-Eins mitkommen? Wohl kaum! Natürlich fallen schnellzuckende Muskelfasern nicht vom Himmel, und natürlich macht man keinen Marathoni zum Rennpferd. Aber hier scheint Potenzial auf Entwicklung zu treffen.

Konkurrenz macht immer schneller

Auf der einen Seite müssen die Damen erst einmal da sein. Sind sie. Dann müssen die Rohdiamanten geschliffen werden. Als man Lückenkemper früher durch die Kurve rauschen sah, da dachte man schnell "Au Backe!" Aber nicht, weil das so toll aussah, sondern weil man sah, was da noch gehen könnte. Und die Mädels verstehen sich, sehen sich als Team, obwohl sie Individualisten sind und sein müssen. Die pushen sich gegenseitig und stellen sich dem Konkurrenzkampf.

Nur wer schnell läuft, kann nachher auch schnell sein. Was verwirrend klingt, ist die Quintessenz der Trainingssteuerung. Wenn ich schnell sprinten will, dann muss ich das auch so trainieren und im Wettkampf testen. Und wie geht das besser, als sich immer wieder im Konkurrenzkampf zu messen?

Die können das!

Am Samstag (12.08.17, 11.35/22.30 Uhr, live auf sportschau.de) sehen wir dann, ob die Mädels vier gute Individualleistungen in eine sehr gute Staffelleistung gießen können. Da kann was gehen. Mit Akribie und Teamgeist wollen sie die Großen der Zunft ein wenig ärgern. Und das wäre bei diesen Fräuleins kein Wunder mehr, die können das!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 05.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 06.08.17 13:29 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)