Der schwedische Läufer David Nilsson ist nach dem Marathon erschöpft. © imago/Bildbyran Foto: JON OLAV NESVOLD

Busemanns WM-Kolumne

Ein Virus namens Noro - Das ist doch Kacke!

von Frank Busemann

Der schlimmste Feind des bis in die Haarspitzen motivierten Athleten sind Verletzungen? Nein, in London ist es zurzeit ein Virus mit Vornamen Noro - Norovirus. Ein ganz mieser Vertreter seiner Zunft. Das ist doch Kacke, meint Frank Busemann in seiner Kolumne!

Es gibt Momente im Leben eines Sportlers, die verflucht er. Sie planen, trainieren, üben, testen, sie superkompensieren mit einer ausgeklügelten Trainingssteuerung. Sie leben asketisch und akribisch und versuchen sich nicht zu verletzen, was im Angesicht der enormen Belastung schon ein fast unmögliches Unterfangen zu sein scheint. Aber es klappt. Sie fahren voller Enthusiasmus und Vorfreude zum Saisonhöhepunkt, wollen zeigen, was sie können, wollen sich messen mit den Besten, wollen zittern, kämpfen, siegen - und dann erwischt es sie. Keine Zerrung, kein Muskelfaserriss, kein Fehlstart, kein "Salto nullo". Das wären alles Dinger, die man im Griff zu haben glaubt und für die man die Verantwortung letztlich selber tragen kann. Aber nein, dann kommt er, oder heißt es es? Ein Virus mit Vornamen Noro - Norovirus. Ein ganz mieser Vertreter seine Zunft. Das ist doch Kacke!

Ich muss mit dem Fluchen aufhören

Mittlerweile sind im Hotel der deutschen Mannschaft, in dem noch andere Nationen untergebracht sind, über 30 internationale Athleten erkrankt. Die Ursachen sind noch nicht abschließend erklärt, aber einen Athleten tröstet es nicht im Geringsten, wenn er weiß, woher der Scheiß kommt. Ich muss mit dem Fluchen aufhören, aber diese Form der Krankheit ist das Überflüssigste, was es gibt. Dabei ist das erst einmal gar nicht so genau zu erkennen. Ein bisschen Durchfall kann auch von überbordender Aufregung kommen. Bis man kapiert hat, dass das nicht ein neuronaler Zappelvirus ist, sondern der andere, geht viel Zeit verloren.

Der Fall Makwala

Ersten Meldungen zufolge sollte Isaac Makwala aus Botswana, ein Favorit über 200 und 400 Meter, sogar ohne Vorlaufteilnahme über die kurze Strecke im Zwischenlauf rennen dürfen, wenn er wieder gesund ist. Da sieht man mal, dass selbst der Weltverband einsieht, dass der Athlet da rein gar nichts für kann. Aber dann wird er aus dem 400-Meter-Finale genommen, weil er natürlich auch hochansteckend ist. Eine vertrackte Lage.

Überehrgeizige Hygiene ist das oberste Gebot

Die Speerwerfer Johannes Vetter (l.), Thomas Röhler (M.) und Andreas Hofmann © dpa Foto: Gregor Fischer

Angst vor Ansteckung: Die Speerwerfer Johannes Vetter (l.), Thomas Röhler (M.) und Andreas Hofmann sind in einem anderen Hotel.

In der Mannschaft geht die Angst um, Krisenstäbe werden eingerichtet. Mit Hochdruck wird an einer Lösung gesucht. Das heißt zum Beispiel: Neuankömmlinge kommen in andere Hotels. Zur Begrüßung wird nur noch gewinkt. Küssen verboten. Distanz in Zeiten größter emotionaler Anspannung. Im Hotel gibt es kein Büffet mehr, das Personal teilt das Essen mit Handschuhen aus. Überehrgeizige Hygiene ist das oberste Gebot. Die Kette der Ansteckung muss unterbrochen werden. Und jetzt schlägt die Stunde der hartgesottenen Optimisten. Sie müssen dran glauben, dass sie gesund bleiben. Sonst haben sie schon verloren und bekommen diesen verdammten Mist (Ich wollte nicht fluchen). Sie müssen auf sich aufpassen und sich nicht verrückt machen.

Daumen drücken für die Athleten

Letztlich kann man das kaum unterbinden. Wenn 1.000 Menschen aus der ganzen Welt auf engstem Raum für eine gewisse Zeit aufeinander hocken, dann reicht ein kleiner Virus, um eine Lawine ins Rollen zu bringen. Die Wahrscheinlichkeit ist gar nicht so klein, dass irgendwo, irgendwie dahingehend etwas losgetreten wird. Trotzdem geht es oftmals gut und die wenigsten Sportler müssen im Laufe ihrer Karriere eine solche Erfahrung machen.

Drücken wir die Daumen, dass es schnell vorbei ist und nicht allzu viele Athleten ihren Saisonhöhepunkt durch diesen kleinen, schäbigen, überflüssigen Virus verpassen. Das wäre zum Kotzen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 07.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 08.08.17 20:34 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)