Carolin Schäfer bei der Siegerehrung nach dem WM-Siebenkampf. © imago

Busemanns WM-Kolumne

Die Siegerehrung ist ein Ziel, das keines ist

von Frank Busemann

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen: Nach erfolgreichen Wettkämpfen folgt als Belohnung die Siegerehrung. Doch Frank Busemann weiß aus Erfahrung: Den Kick holen sich die Athleten anders.

Ich werfe hier mal eine Grundsatzfrage in die Runde: Warum macht der Sportler Sport? Weil er es will? Die Jungs und Mädels in London bestimmt. Wenn wir aber eine kaufmännische Rechnung aufstellen, ist das schnell ein Minusgeschäft. Und auf Dauer wird das Finanzamt das mit Liebhaberei bewerten. Die Athleten trainieren wirklich lang und hart und bis sie da oben angekommen sind, sind die Eltern als erste Förderer ganz schön in Anspruch genommen.

Vielleicht für den Nervenkitzel? Das bekommt der Berliner S-Bahn-Surfer auch hin, und manch einer von diesen hat viel mehr Facebook- und Instagram-Follower als ich. Ich hab null. Okay, ich bin kein Athlet, ich bin aus dem letzten Jahrtausend. Es muss also noch mehr sein, sich diesem Aufwand hinzugeben.

Süchtig nach dem Kick des Wettkampfs

Schnell sind wir beim Erfolg. Talent unterstützt diesen und irgendwann werden sie süchtig nach dem Kick des Wettkampfs. Sich dem Wettbewerb zu stellen, sich stetig zu verbessern, über Grenzen zu gehen, die Besten der Besten herauszufordern, am Ende einer langen Trainingsperiode - einem Auf und Ab zwischen Bangen, Hoffen und Zuversicht, dem Fokus auf diesen einen Punkt - diesen einen Moment des unbeschreiblichen Glücks zu spüren - dafür machen sie es! Für die Endabrechnung. Für das Finale. Aber für die Siegerehrung?

Gold, Silber, Bronze und Blech

Frank Busemann (r.) bei der Siegerehrung nach dem WM-Zehnkampf 1997. © imago

ARD-Kolumnist Frank Busemann (r.) wurde vor 20 Jahren mit WM-Bronze im Zehnkampf dekoriert.

Da stehen sie dann. Es ist der Traum eines jeden und es wird immer ein ganz exklusiver Teil der Ehrerbietung bleiben. Es gibt nur der Stücke drei: Gold, Silber, Bronze. Mehr nicht. Danach ist Blech oder Holz. Bei jedem Volkslauf gibt es mehr. Für jeden einen Taler am Bande.

Bei einer WM gibt es drei. Ganz schön wenig. Aber deswegen ist es auch so toll. Für viele ist das ein ganz wichtiger Teil des Wettkampfs. Auch für den Veranstalter. Bei Nichterscheinen kann sogar die Disqualifikation ausgesprochen werden. Wir sprechen hier also von einem Bestandteil des Wettkampfs, von einem gern in Kauf genommenen Pflichttermin.

Einmal im Mittelpunkt stehen

Dann ist es soweit. Das ganze Stadion schaut auf die Athleten, Honoratioren, Blumen, Musik, Fahnen. Meistens sehen wir kontrollierte Freude pur. Andere brechen in Tränen aus. Manche singen mit. Manche pfeifen drauf. Fernsehzuschauer sind betrübt, wenn diese nicht live übertragen wird. Athleten sind - zu Recht - erbost, wenn ihnen dieser Moment des Triumphs genommen wird.

Späte Genugtuung ist das Mindeste

Mittlerweile werden immer mal wieder Siegerehrungen vergangener Weltmeisterschaften vorgenommen. Früher kamen die Dinger mit der Post. Aber in London zum Beispiel hat Deutschland schon zwei Silbermedaillen erhalten. Beide im Siebenkampf. Und nicht mit der gleichen Punktzahl. Eine für Carolin Schäfers Leistung bei der laufenden WM, die andere für Jennifer Oeser aus 2011 in Daegu. Das ist dann eine späte Genugtuung. Und das wird langfristig eine der wenige Chancen sein, den Sport sauberer zu bekommen. Eingefrorenes Pipi, Nachkontrolle - zack: Medaille weg. Leider mit sehr viel Nachlauf.

Weil sie es können!

Dieser letzte Moment des Wettkampfs wird nicht vom Athleten trainiert. Den nehmen sie einfach so mit. Da besitzen fast alle ein gewisses Talent zu. Obwohl dem Protokoll Folge geleistet werden muss, damit dieser letzte Akt den angedachten würdigen Rahmen behält.

Der Kick, der den Sportler wirklich antreibt, liegt da schon eine Stunde oder auch sechs Jahre zurück. Die Medaille ist das imaginäre Ziel aller die antreten. Die physische Ernte fahren die wenigsten ein. Das Adrenalin gibt es im Ziel, die Emotionen danach. Wofür machen die Sportler also Sport? Weil sie es können!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 09.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 09.08.17 17:44 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)