Robert Harting © dpa - Bildfunk Foto: Matthias Schrader/AP/dpa

Busemanns WM-Kolumne

Der ewige Harting

von Frank Busemann

Ein letztes Mal ist Diskus-Gigant Robert Harting in London in den WM-Ring und mit Rang sechs abgetreten. Dann noch die Heim-EM im kommenden Jahr in Berlin, danach ist Feierabend. Der 32-Jährige hinterlässt eine große Lücke - und wird einzigartig bleiben, meint Frank Busemann in seiner WM-Kolumne.

Das soll es dann also gewesen sein?! Robert Harting tritt von der großinternationalen WM-Bühne ab. Im nächsten Jahr noch einmal die Heim-EM und dann ist Schluss. Wehmut macht sich breit. Wer soll dann unsere Medaillen holen? Wer sich die Klamotten vom Leib reißen? Wer mit provokanten Sprüchen aufrütteln? Wer eine Nominierung zum Weltleichtathleten ablehnen, weil ein Doper ebenfalls gewählt werden könnte.

Einer mit Ecken und Kanten

Niemand? Genau. Das macht ihn einzigartig. Er hat(te) Charakter. Genau das sagte auch ein Reporter der BBC während der Qualifikation. Harting ist eine weltweite Erscheinung. Man muss nicht immer gut finden, was er von sich gab. Was er von sich warf hingegen, war Weltklasse. Immer. Er ist einer mit Ecken und Kanten. Am Anfang ungeschliffen und roh, nachher immer versierter in der Formulierung seiner Aussagen. Das wird ein Loch reißen. Mit zunehmender Anzahl der Verletzungen wird es für ihn immer schwieriger Leistungen zu bringen, die ihm selbst genügen.

Ein Anruf vom Harting

Vielleicht ist es aber auch eine Chance für all die anderen deutschen Athleten. Sie können nun aus Hartings Schatten treten und müssen diesen Koloss nicht mehr übertrumpfen. Was angesichts seiner Klasse und in Wort und Bild auch kaum möglich scheint. Mit dem will man sich auch nicht anlegen. Als ich in einem Interview eine Verallgemeinerung zum Thema Doping aussprach, rief er an. "Der Harting ist dran!" Oh, mein Gott, das gibt Mecker, dachte ich nur. Der Amboss himself. Von wegen. Wir redeten. Sehr gut sogar! Er trug das nicht über Twitter oder die Medien aus, sondern wir sprachen direkt. So etwas schafft selbst der mächtigste Mann der Welt nicht und der kann nicht so gut werfen und hat auch ein Telefon.

Leistung gepaart mit einer ganz eigenen Art

Er wird einzigartig bleiben. Jeder muss seinen eigenen Stil finden, er ist nicht Everybody's Darling, aber er war sich treu. Wenn sich andere Athleten daran orientieren wollen, dann wird das schnell albern und wenig authentisch. Usain Bolt ist auch so eine Erscheinung. Leistung gepaart mit einer ganz eigenen unnachahmlichen Art. Ich bin gespannt, wer dieses Vakuum der Aufmerksamkeit füllt. Füllen will. Es gibt auch den legitimen Anspruch eines Athleten, dass er sich auf seinen Sport konzentriert. Das ist okay, aber er wird relativ schnell wieder vergessen (wenn er den Diskus nicht unbedingt fünf Meter über Weltrekord schleudert).

Mehr geht nicht

Sport ist mittlerweile Entertainment. Rhetoriktrainer und Manager werden gefühlt nach dem Gewinn der ersten Kreismeisterschaft verpflichtet. Auch das ist eine erlaubte Überlegung, sich in der Welt da draußen zurechtzufinden. Es gibt nicht viele Chancen, die ein jeder nutzen muss und will. Doch seine eigene Duftmarke setzen, über den Sport hinaus erhört zu werden, diesen lediglich als Türöffner zu verstehen, das konnte er, DER Harting.

Genießen wollte er in London. Wer ihn kennt, der weiß, Mittelmaß ist nicht seins. Er hat gekämpft, probiert, analysiert. Es sollte nicht sein. Und trotzdem war er zufrieden. Gelöst erzählte er im ARD-Interview von den letzten Monaten und dem Wettkampf. Er scheint angekommen zu sein.

Robert hat sich in die Bücher der Sports und den Gazetten der Welt gleichermaßen eingetragen. Das wird ewig nachhallen. Er hat sich vorgenommen, abzutreten, bevor sein Denkmal bröckelt. Und was er danach macht, weiß er auch. Mehr geht nicht.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 05.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 05.08.17 21:41 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)