Luvo Manyonga © imago/Sven Simon

Porträt

Manyonga: Vom Drogen-Junkie zum WM-Favoriten

von Andreas Bellinger, sportschau.de

Luvo Manyonga war süchtig und wegen Crystal-Meth-Missbrauchs gesperrt. Bei Olympia holte der Südafrikaner Silber und jagt nun den Weitsprung-Weltrekord. Bei der WM in London ist der 26-Jährige der Top-Favorit auf Gold. Vor der Qualifikation am Freitag (05.08.2017) führt er die Weltbestenliste mit seinen 8,65 m deutlich an.

Wer an Luvo Manyonga denkt, weiß nicht recht, ob er lachen oder weinen soll. Da ist auf der einen Seite der Olympia-Zweite von Rio, der begnadete Weitspringer, der die WM-Saison der Leichtathleten 2017 mit einem Satz auf 8,65 m einläutete und damit nicht nur den Afrika-Rekord verbesserte, sondern auch den weltweit besten Sprung seit 2009 ablieferte. Auf der anderen Seite ist da aber auch die Geschichte des Junkies aus Südafrika, der in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, auf die schiefe Bahn geriet, Schulden machte und nach der Einnahme der Droge Crystal Meth vom Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) aus dem Verkehr gezogen und für eineinhalb Jahre gesperrt wurde.

Crystal Meth geraucht: 18 Monate Sperre

2012 war Manyonga bei einem Wettkampf in Stellenbosch positiv auf die synthetische Droge Methamphetamin (Crystal Meth) getestet worden. Weil die südafrikanische Anti-Doping-Agentur aber von dem katastrophalen sozialen Umfeld Manyongas wusste, ließ sie Gnade vor Recht ergehen und er kam mit einer um sechs Monate reduzierten Sperre davon. "Die Vorgaben der WADA (Welt-Anti-Doping-Agentur, d.Red.) müssen respektiert werden, aber die außergewöhnlichen sozialen Umstände, mit denen viele schwarze Athleten in Südafrika konfrontiert sind, können nicht ignoriert werden", hieß es in der Begründung.

"Kannst kein Doktor werden, aber der weltbeste Weitspringer"

Aber Manyonga rutschte weiter ab, immer tiefer in den Drogen-Sumpf. Sogar das Begräbnis seines Entdeckers, Freundes und Förderers Mario Smith, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, verpasste er. Wie es heißt, sei er schon auf dem Weg gewesen, dann aber mit alten Kumpels aus der Drogen-Szene "versackt". Doch Manyonga hatte auch Glück: Zunächst zeigte sich dies in Person des früheren Ruderers und Kickboxers John McGrath aus Irland, der sich seiner als eine Art Förderer annahm. "Ich habe Luvo gesagt: 'Du kannst kein Doktor werden, aber der beste Weitspringer der Welt. Oder ein Abhängiger bleiben'", sagte McGrath der "Süddeutschen Zeitung". Auch finanziell griff er seinem Schützling unter die Arme. Wenn auch nicht immer professionell - statt Spikes für Weitspringer kaufte er ihm beispielsweise Sprint-Spikes. Was Manyonga allerdings nicht davon abhielt, 8,15 m zu springen, auch wenn er hinterher meinte, dass "die Spikes beim Absprung am Brett hängengeblieben waren".

"Von Crystal Meth zu olympischem Ruhm"

Letztlich wirkte dies wie ein Weckruf. "Von Crystal Meth zu olympischem Ruhm", titelte die britische Tageszeitung "The Guardian", als Manyonga in Rio Silber geholt hatte. Dass der am 8. Januar 1991 in Mbekweni bei Paarl geborene Athlet weit, ja sogar sehr weit springen kann, wussten die Experten wohl. Doch nach fast sechs Jahren Abstinenz von der Weltbühne der Leichtathletik hatte ihn kaum einer auf dem Zettel, als es darum ging, die Favoriten im Weitsprung zu benennen.

Umzug nach Pretoria entscheidend

Tatsächlich hatte Manyongas Leben erst 2015 eine wundersame Wendung genommen, als ihm das Südafrikanische Olympische Komitee den Umzug nach Pretoria und das Training am "High Performance Center" unter den Trainern Toby Sutcliffe und Neil Cornelius ermöglichte. Der entscheidende Schritt zum Comeback Manyongas, der vor seiner Sucht Jugendweltmeister 2010 (7,99 m) und Goldmedaillengewinner bei den Afrikaspielen in Maputo 2011 (8,02 m) geworden war. "Jeden Tag denke ich daran, wo ich wohl wäre, gäbe es die Menschen nicht, die in meinen dunkelsten Tagen an mich geglaubt haben", sagte der 26-Jährige.

Olympisches Silber in Rio

Luvo Manyonga © imago/Gallo Images

In Rio gewann Luvo Manyonga Silber und verpasste Gold nur einen Zentimeter.

Die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro kamen für Manyonga dann zur besten Zeit. Mit 8,20 m startete er trotz widriger Wetterbedingungen in die olympische Saison. Nur ein paar Tage später landete er in Pretoria bei 8,30 m und markierte eine Weltjahresbestleistung, die bis Rio Bestand hatte. Bei den Afrikameisterschaften in Durban holte er Silber (8,23 m) und fuhr selbstbewusst nach Brasilien. Dort schließlich katapultierte er sich auf 8,37 m und gewann die Silbermedaille nur um einen Zentimeter geschlagen von Olympiasieger Jeff Henderson aus den USA. Und es ging noch weiter: In Brüssel krönte er die Saison mit einem Sprung auf 8,48 m - wieder persönliche Bestleistung.

"Die neun Meter sind im Bereich des Möglichen"

In der WM-Saison setzte Manyonga noch einen drauf und schraubte seine Bestmarke auf besagte 8,65 m. Zudem gelangen ihm noch drei weitere Sprünge über 8,60 m. Das soll aber nur eine Zwischenstation sein, wenn man seinen Vorstellungen folgt. "Die neun Meter sind im Bereich des Möglichen", prophezeit Manyonga - wohl wissend, dass er der erste Mensch wäre, der diese Schallmauer durchbrechen würde.

Der Weltrekord von Mike Powell (8,95 m) besteht seit der WM in Tokio 1991, dem Jahr seiner Geburt: "Es ist zu lange her, dass jemand in die Nähe der neun Meter gesprungen ist und ich bin fähig dazu, viel weiter zu springen, als bei meinem Rekord. Ich kann nicht sagen, wann mein Traum wahr werden wird - aber kein Rekord sollte ewig halten. Ich bin super hungrig", sagte er "Leichtathletik.de". Berauschen will er sich nur noch an sportlichen Erfolgen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 05.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 04.08.17 11:20 Uhr

Rekorde

Männer:
WR: Mike Powell (USA) 8,95 m
ER: Robert Emmijan (Sowjetunion) 8,86
DR: Lutz Dombrowski (Karl-Marx-Stadt) 8,54
Frauen:
WR: Galina Tschistjakowa (Sowjetunion) 7,52
ER: Galina Tschistjakowa (Sowjetunion) 7,52
DR: Heike Drechsler (Jena) 7,48

Titelverteidiger

Männer:
Greg Rutherford (Großbritannien) 8,41 m
Frauen:
Tianna Bartoletta (USA) 7,14 m (WL)