Busemanns WM-Orakel

Lauf: Die DLV-Hechler wollen sich teuer verkaufen

Im Laufbereich ist der DLV traditionell weniger stark besetzt als in den anderen Disziplinblöcken. Nichtsdestotrotz werden die deutschen Hechler alles daran setzen, sich teuer zu verkaufen und erhobenen Hauptes aus London zurückzukehren.

Bei den 800 m der Herren startet mit Marc Reuther ein junger Athlet, der sich seit Jahren kontinuierlich steigert. Mit seinen 21 Jahren wird es darum gehen, Erfahrung zu sammeln und sich im Konzert der Weltbesten um Amos, Murphy oder Korir nicht auf Spielchen einzulassen. Er muss sein Ding runterspulen und sich taktischen Fisimatenten der anderen entziehen.

1.500 m: Benitz ist ein Beißer

Zahlenmäßig stark bestückt sind aus deutscher Sicht die 1.500 m und mit Homiyu Tesfaye und Timo Benitz gleich mit zwei ambitionierten Läufern, die mit Jahresbestzeiten unter 3:35 Minuten gemeldet sind. Tesfaye scheint momentan nicht so stark wie in der Vergangenheit, kommt langsam wieder in Schwung. Aber er hat in den letzten Jahren viel taktisches Geschick erlernt, was ihm mitunter nützlich werden kann. Benitz ist ein Beißer, der sein Heil mit allen Mitteln sucht und erst im Ziel geschlagen ist, oder auch nicht. Weltbestenlistenplatzierungen sind für diese Meisterschaften nebensächlich, da vor Tesfaye allein neun Kenianer stehen - und die machen nicht alle mit.

Klosterhalfen versetzt die Fachwelt in Entzücken

Bei den Damen sehen wir über die dreidreiviertel Runden Deutschlands Shooting-Star Konstanze Klosterhalfen. Ohne Ermüdungserscheinungen dreht sie unablässig Runde um Runde und hat ihre Bestzeit mittlerweile auf 3:59,30 Minuten gedrückt. Damit steht sie momentan auf Platz fünf in der Meldeliste. Sifan Hassan wird vorne nicht zu kriegen sein. Klosterhalfen wird sich aus allen taktischen Scharmützeln raushalten und stoisch in Eigeninitiative laufen.

Auch bei den 5.000 m ist Klosterhalfen mit einer unglaublich starken Vorleistung in die Weltspitze vorgedrungen und schon auf Platz zwei der ewigen deutschen Bestenliste angekommen. Kenia und Äthiopien werden die Weltbeste unter sich auslaufen, aber Klosterhalfen versetzt die Fachwelt in Entzücken! Unterstützt wird sie von Alina Reh und auch von der Doppelstarterin Hanna Klein.

Bei den Herren wird Mo Farah wieder mit dem englischen Heimvorteil sein Heil in den letzten 500 Metern suchen. Richard Ringer wird versuchen, möglichst lang im Pulk mitzuhalten und die letzten Körner bis zum Schluss aufzubewahren.

Viele Absagen beim Marathon

Der Marathon birgt wie immer einige Überraschungen. Waren anfangs sogar Eliud Kipchoge und Wilson Kipsang willens, in London an den Start zu gehen, haben sie im Mai ihren Verzicht erklärt. Obwohl auch der WM-Marathon Bestandteil der hochdotierten World-Marathon-Majors ist. Für eine anständige Periodisierung bietet es sich für einige Athleten an, den Sommer dem Training zu widmen.

Bei den Damen sieht ebenfalls Mary Keitany von einem neuerlichen Start in London ab, nachdem sie den City-Marathon im April gewonnen hat. Derlei Absagen sind für die deutschen Starterinnen Fate Tola und Katharina Heinig eher sekundärer Natur, da die Kenianer scheinbar an jeder Bushaltestelle jemanden stehen haben, die den Marathon unter 2:25 Stunden flitzt. Für unsere beiden wird es darum gehen, einen soliden Lauf zu zeigen, der in einem internationalen Meisterschaftsrennen mit begrenzter Anzahl von Athletinnen aus gleichen Nationen viel mehr wert sein kann, als man zu ahnen vermag.

Die abgezockte Krause lässt hoffen

Bei den 3.000 m Hindernis der Frauen freuen wir uns auf die immerjunge und abgezockte Gesa Felicitas Krause. Die Fastweltmeisterin und Europameisterin ist mit allen Wassern gewaschen und wird von den Spitzenläuferinnen mit Argusaugen beobachtet, da sie am Hindernis 35 Mal besser ist, als der eingesprungene Hoppelhops der laufstarken Konkurrenz. Eigentlich hat sie gegen Jebet, Jepkemoi und Co. keine Chance, aber genau das macht es ja so spannend. Noch mal werden die sich aber nicht in einen so heißen Schlussfight wie in Peking einlassen - wenn sie schlau sind.

Bei Geher Linke könnte was gehen

Bei den Gehern müssen die deutschen Herren die Fahnen hochhalten. Die 20 km avancieren mal wieder zur Potsdamer Vereinsmeisterschaft. Christopher Linke, Nils Brembach und Hagen Pohle müssen im Eifer des Gefechts sauber gehen und sich im Pulk den allzu neugierigen Blicken scharfer Kampfrichter entziehen. Wenn es für Linke rund läuft - äh - geht (der Kalauer muss sein), dann kommt er wie in Rio unter die Top Fünf. Und wenn er mit der Erfahrung, die er mittlerweile hat und der steten Entwicklung der letzten Jahre sein Ding durchzieht, dann könnte was gehen.

Bei den 50 km starten Carl Dohmann und der erst 21-jährige Karl Junghannß. Für Dohmann wird es darum gehen, überhaupt das Ziel zu erreichen, was in Rio und Peking in den beiden vergangenen Jahren nicht klappte.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 05.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 03.08.17 08:00 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)