Busemanns WM-Orakel

Sprint: Bolt nicht mehr der haushohe Favorit

Superstar Usain Bolt konzentriert sich bei seiner Abschiedsvorstellung auf die 100 m. Haushoher Favorit ist der Jamaikaner aber nicht mehr. Über die längeren Distanzen führt kein Weg an Wayde van Niekerk vorbei. Bei den deutschen Mädels warten wir auf die "10 Komma x".

Das erste Mal, dass man seit knapp zehn Jahren bei den Sprints der Herren im Orakel nicht Copy-and-paste machen darf. Usain Bolt ist nicht mehr der haushohe Favorit! Das ist scheinbar ein Wunder, aber auch er kann die Evolution und den biologischen Verfall nicht aufhalten. Was ist er zu leisten im Stande? Wie stellt er sich seine Abschiedstour vor? Winkewinke heititei? Die Huldigung des Publikums entgegennehmen und verduften oder aber eine letzte Duftmarke setzen? Wird er wirklich antreten, wenn er nichts drauf hat? Auf keinen Fall! Wenn er da ist, ist er gut. Sonst hat er Schnupfen. Zumal er aufgrund seiner Blessuren alles auf die 100 m setzt.

Einer, der der Evolution seit Jahren scheinbar ein Schnippchen schlägt, ist der "Fast-Opa" Justin Gatlin. Die Frage, wo die Quelle der ewigen Jugend liegt, vermag er nur selbst zu sagen (oder auch nicht). Vielleicht trägt sich mit Christian Coleman aber auch ein Jungspund, der den Generationenwechsel einläutet, in die Siegerliste ein.

Reus muss die Nerven behalten

Deutschlands Rekordhalter Julian Reus muss im Konzert der Großen die Nerven behalten und locker bleiben. Seine Vorleistungen sind nicht so gut wie in den Jahren zuvor, aber vielleicht ermöglicht ihm dieses Understatement, zum Saisonhöhepunkt Jahresbestleistung zu laufen.

Wayde van Niekerk will es Michael Johnson gleichtun

Die doppelte Sprintstrecke war auch seit Jahren von Usain Bolt gebucht, doch in diesem Jahr wird das erste Mal seit 2009 der Sieger nicht Bolt heißen. Wayde van Niekerk möchte Michael Johnsons historisches Double (200 m und 400 m) von 1995 beziehungsweise 1996 wiederholen, indem er sich ein volles Sechstages-Programm auferlegt.

Warten auf die "10 Komma x" bei den deutschen Damen

Bei den Damen warten wir nunmehr monatlich auf Vollzug der "10 Komma x" von einer der deutschen Frauen. Das Potenzial haben sie. Wie Gina Lückenkemper ihre 11,01 Sekunden in Erfurts Zwischenlauf runterstiefelte, das war grandios. Bei ihr gilt das Gleiche wie bei Reus: Ein DM-Rennen ist alles andere als ein WM-Lauf, wenn auf der Nebenbahn die schnellzuckenden Muskelfasern der Konkurrenz rumstampfen. Doppel-Olympiasiegerin Elaine Thompson wird auf der kurzen Sprintdistanz das Maß der Dinge sein und wenig überraschend auch Weltmeisterin werden.

Über die 200 m hingegen werden mit Dafne Schippers und den US-Amerikanerinnen härtere Widersacherinnen ein erneutes Titeldouble wie in Rio verhindern wollen. Mit Lisa Mayer, Rebekka Haase und Laura Müller sind drei der jungen deutschen Garde am Start, die bei einem perfekten Lauf und mit ein bisschen Glück sogar ins Finale vordringen könnten.

Van Niekerk über 400 m noch gefährlicher

Bei den Langsprints wird es nur den einen geben, den bereits erwähnten van Niekerk. Der Olympiasieger und Weltrekordler wird über die 400 m noch viel frischer und gefährlicher sein, als über die halbe Distanz. Schüttelt er sich den 200-m-Vorlauf, der zwischen 400-m-Halbfinale und -Finale stattfindet, doch locker aus der Kurve. Die ewigen Konkurrenten LaShawn Merrit und Kirani James werden in diesem Jahr keine Rolle spielen. Ein ganz harter Widersacher ist der erst 22 Jahre junge US-Meister und Senkrechtstarter Fred Kerley sowie der in Monaco stark gelaufene Isaac Makwala (Botswana).

Bei den Damen wird die 13-fache WM-Medaillengewinnerin Allyson Felix auch wieder in der Favoritenrolle auf die Stadionrunde gehen. Ihre diesjährige Weltjahresbestleistung hat sie jüngst in London auf die Bahn gezaubert. Ob Konkurrentinnen wie Quanera Hayes (USA) oder Olympiasiegerin Shaunae Miller-Uibo (Bahamas) dagegenhalten können, bleibt abzuwarten.

110 m Hürden: Bühler braucht Bestleistung

Bei den 110 m Hürden gibt es mit dem Jamaikaner Omar McLeod einen "U13er" (Bestzeit: 12,97 Sekunden), der schnelle Zeiten nach Belieben abruft. Die US-Amerikaner haben trotz der Genesung von Weltrekordler Aries Merrit, der mit einer Spenderniere läuft, die Vorherrschaft über die Strecke verloren, sind aber für eine Medaille immer gut. Bei Matthias Bühler wird es nach der verletzungsbedingten Absage von Gregor Traber darum gehen, sich teuer zu verkaufen. Durch den Turniermodus der Hürdensprinter geht es bei Bühler im Vorlauf ums Ganze. Er muss im Bereich seiner Jahresbestleistung durchkommen, wenn er am Abend noch einmal laufen will.

Für Dutkiewicz kann es weit gehen

Die deutsche 100-Meter-Hürdenläuferin Pamela Dutkiewicz © picture alliance / dpa Foto: Michael Kappeler

Pamela Dutkiewicz ist in Topform.

Bei den Damen werden wir schmerzlich Cindy Roleder vermissen, die die Saison aufgrund gesundheitlicher Probleme beendet hat. Diese Lücke möchte gern Pamela Dutkiewicz füllen, die mit tollen 12,61 Sekunden auf Platz zehn der Weltbestenliste steht. Rechnen wir nun die US-Amerikanerinnen raus, die nicht in London starten dürfen, weil sie in ihrem Land einfach nicht gut genug sind, dann ist sie schon wieder zwei Plätze weiter vorn. Da die Stolpergefahr bei der Damenhürde eher geringer ist (wenn eingefädelt wird, dann meist mit Bauchfletscher) und die Amerikanerinnen das schon durch haben, werden die vier auch die Finalplätze blockieren können. Für Dutkiewicz kann es weit gehen, bei Nadine Hildebrand und Ricarda Lobe geht es darum, unter 13 Sekunden zu laufen.

Beipackzettel der "Hustenbonbons" nicht genau gelesen

Über die Langhürde der Damen hält Jackie Baumann die deutschen Fahnen hoch, wird sie doch versuchen, ihre Meldeleistung von 55,72 Sekunden zu bestätigen. Wenn sie allerdings im Vorlauf direkt mit einer der US-Mädels um die Bahn jagt, dann muss sie sich noch mehr auf sich selbst konzentrieren. Die werden nämlich Platz eins bis drei unter sich ausmachen.

Die männliche Sprintstaffel soll nun der letzte Lauf des Usain Bolt werden. Seine Teamkollegen werden alles geben, um ihm einen würdigen Abschluss zu ermöglichen. Der ein oder andere derer hat in der Vergangenheit den Beipackzettel seiner "Hustenbonbons" nicht genau genug gelesen und so wurde aus Bolts olympischen Triple-Triple irgendwas mit Double-Triple-Single-Double. Wie immer heißt es hier also: USA oder Jamaika? Und wie so oft hegen wir berechtigte Hoffnung, dass mit deutscher Wechselakribie die Sprintstärke der anderen Nationen wettgemacht werden kann. In Peking und Moskau waren sie mit Platz vier jeweils in Reichweite der Medaillen.

Bei den Damen (oder muss man sagen "Mädchen"? Nein, wir sind hier nicht bei Heidi Klum, aber vom Alter her sind sie nah dran, das zeigt die tolle Perspektive für die Zukunft!) gilt das Männerpfund ebenfalls: Sie waren schon oft nah dran. Mit dem jugendlichen Ehrgeiz kann was gehen. Die pushen sich bis zum Äußersten. Aber auch hier gilt: Jamaika oder USA? Und wer schmeißt den Stab unterwegs weg? Die Staffeln versprechen wie immer enorm hohe Herzschlagraten.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 05.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 03.08.17 13:03 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)