Busemanns WM-Orakel

Sprung: Przybylkos 2,35 m reichen für Edelmetall

Mutaz Essa Barshim wird am Lattenhimmel einsam seine Kreise ziehen, Renaud Lavillenie muss sich warm anziehen und Christian Taylor wird Jonathan Edwards die Schweißperlen auf die Stirn treiben. Der DLV darf im Sprung-Bereich auf Mateusz Przybylko hoffen.

Der Hochsprung der Männer wird aller Voraussicht nach die One-Man-Show des Katarers Mutaz Essa Barshim. Einsam zieht er am Lattenhimmel seine Kreise und lässt alles liegen, was um die 2,40 misst. Doch dann - Obacht - Platz zwei in der Weltbestenliste - ein Deutscher: Mateusz Przybylko. 2,35 m! Wow! Das lässt hoffen. Danach wieder eine Dreizentimeterlücke. 2,35 m reicht in diesem Jahr für eine Medaille, die müssen dann aber am 13. August gezeigt werden. Aufgrund der Enge des Verfolgerfeldes entscheiden die Fehlversuche. Das wird kribbelig. Eike Onnen kommt mit seiner Erfahrung in den Endkampf.

Jungfleisch mit 1,97 m konkurrenzfähig

Bei den Damen vertritt Marie-Laurence Jungfleisch den DLV wieder allein. Mit einer diesjährigen Vorleistung von 1,97 Meter ist sie mehr als konkurrenzfähig, wenn sie diese Höhe im ersten Versuch wiederholt. Die "staatenlose" Russin Maria Lasitskene ist dieses Jahr auf 2,06 m explodiert und springt nach Belieben die zwei Meter. Die Spezialistinnen müssen aufpassen, dass sie nicht von Belgiens Siebenkampfweltmeisterin Nafissatou Thiam geschlagen werden. Sie wird kurzfristig entscheiden, ob sie sich den Doppelstart auferlegt.

Wachablösung im Stabhochsprung?

Der Stabhochsprung der Männer erlebt nach Jahren der inflationären deutschen Höhenjagd einen kleinen Dämpfer. Der Weltmeister von 2013, Raphael Holzdeppe, kommt nach langwieriger Verletzungszeit scheinbar pünktlich wieder in Form, doch in die Medaillenvergabe wird er kaum eingreifen können. Mit Sam Kendricks (USA) könnte es eine Wachablösung geben. Renaud Lavillenie hat auf dem Papier nicht mehr die Klasse vergangener Jahre. Aber der kleine Franzose ist nicht umsonst ein ganz Großer, mit ihm ist erst nach dem dritten Fehlversuch nicht mehr zu rechnen. Der neue Juniorenweltrekordler Armand Duplantis (Schweden) wird mit seinen 5,90 m ein Mann der Zukunft sein. In London wird er keine Rolle spielen.

Ryzih und Spiegelburg ohne Medaillenchance

Die deutschen Damen vereinen im Team alle Charakterzüge, die die Höhenjäger benötigen. Mut, Erfahrung, taktische Überlegungen und Leistung. Lisa Ryzih zockt gern und manchmal auch gut, wurde bisher aber noch nicht oft genug belohnt. In die Medaillenvergabe wird auch sie nicht eingreifen können, machen die doch die Favoritin Stefanidi, Morris, Suhr und Silva unter sich aus. Silke Spiegelburg ist glücklicherweise wieder dabei, hat aber nicht das Leistungsvermögen der Vergangenheit. Friedelinde Petershofen wird bei ihrem ersten Konzert der Großen internationale Luft schnuppern.

Weitsprung-Duell von Manyonga und Samaai

Im Weitsprung der Männer wird Julian Howard versuchen, in den drei Versuchen der Qualifikation eine Weite rauszuhauen, die keine zwölf anderen Teilnehmer schaffen. Das haben die anderen aber auch vor. Es wird schwer für ihn. Südafrikas Weitenjäger Manyonga und Samaai springen andauernd weiter als 8,30 m. Es wird spannend zu sehen, wie sie sich gegenseitig herausfordern. Alle anderen Springer dahinter vereint der Fakt, dass sie in diesem Jahr bisher zu unbeständig in diese Weiten springen und einen Ausrutscher auf einer Sprungschanze kann jeder.

Salman-Rath: Maximal drei Versuche für eine Topweite

Bei den Frauen sehen wir Claudia Salman-Rath wieder. Je nachdem wie sie den Siebenkampf verkraftet, wird sie ihre neu gewonnene Vormachtstellung in Deutschland verteidigen. Sie zeichnet eine enorme Präzision am Balken aus und die Tatsache, dass sie für eine Topweite maximal drei Versuche benötigt. Alexandra Wester wird alles daran setzen, die Ausscheidung zu überstehen. Die Medaillen gehen an die üblichen Verdächtigen Reese, Bartoletta und Spanovic.

Heß segelt über 17 m

Im Dreisprung der Männer hat Europameister Max Heß bei den U23-Europameisterschaften zuletzt geschwächelt. Aber was interessieren uns Sportfeste der Kinder? Das wird ihn wachgemacht haben, und er wird ausgeschlafen über die 17 m segeln. Aufgrund seiner Klasse wird eine Top-Acht-Platzierung machbar sein. Vorne wird Christian Taylor (USA) einmal mehr dem britischen Weltrekordler Jonathan Edwards den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Vielleicht segelt er wieder über die 18 m.

Bei den Frauen werden sich erneut Ibargüen und Rojas ums Edelmetall einen heißen Fight liefern. Mit Kristin Gierisch haben wir endlich eine Dreispringerin, die Kontakt in die obere Hälfte des Teilnehmerfeldes hat. Vielleicht gelingt ihr der Sprung in den Endkampf.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 05.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 03.08.17 08:00 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)