Busemanns WM-Orakel

Wurf: Röhler und Vetter machen einem Angst

Traditionell ist der Wurfsektor die Medaillenschmiede des DLV und die gewichtigen Vertreter ihrer Zunft müssen auch dieses Mal wieder liefern. Doch in London wird dieses Unterfangen enorm schwierig. Ausgenommen mit dem Speer. Thomas Röhler oder Johannes Vetter? Beide wollen gewinnen, beide können gewinnen, einer wird gewinnen.

Bei der Medaillendisziplin der letzten Jahre schlechthin, dem Diskuswerfen der Männer, haben nur zwei Athleten die Qualifikationsnorm geschafft. Der eine Name, Robert Harting, verspricht Erfolg. Doch die Verletzungen der letzten Jahre haben Sand ins Getriebe gebracht. Er wirft nicht mehr so flüssig und leichtfüßig. Der Kopf wartet auf den Schmerz. Ein Teufelskreis. Roberts Klasse ist die mentale Stärke. Da zu sein, wenn es benötigt wird. Vorne scheint die Sache klar zu sein, Stahl vor Dacres und Gudzius. Entsprechend der Weltbestenliste. Doch Harting ist kein Feld-, Wald- und Wiesenwerfer, Harting ist DER Harting, ein Meisterschaftswerfer. Und immer wenn er auftaucht, haben die anderen Angst. Hoffentlich hilft das. Es wird schwer. Der Evergreen Martin Wierig wird seine Erfahrung ausspielen können und befreit auftrumpfen. Ab in den Endkampf.

Julia hat Harting-Tugend angenommen

Die Damen sind etwas besser bestückt und mit drei Athletinnen am Start. Die altbekannten Weltklassewerferinnen Julia Harting, Nadine Müller und Anna Rüh versuchen, den Bronzeplatz zu erreichen. Gold geht an die 70-m-Werferin Perkovic, Silber an die Kubanerin Perez. Harting hat die Tugend ihres Mannes angenommen und haut einen raus, wenn sie ihn braucht, wie zum Beispiel bei den deutschen Meisterschaften. Die stärkste des Trios ist Müller, die 2017 mit 65,76 Meter in Lauerstellung liegt.

Papa Storl wird es schwer haben

Die deutschen Kugelstoßer sind momentan sehr fortpflanzungsfreudig. Da es dabei grundlegende geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, ist der eine dabei, die andere nicht. David Storl hat als junger Vater in diesem Jahr 21,87 m vorgelegt. Allerdings wird er in diesem Jahr nicht in die Medaillenvergabe eingreifen können. Das wird Ryan Crouser vor Joe Kovacs vorbehalten sein. Dahinter kommen drei weitere Athleten, die für den Moment stärker als Storl zu sein scheinen. Aber Storl ist nicht umsonst zweifacher Weltmeister.

Christina Schwanitz wird in diesem Jahr schmerzlich vermisst, aber ihre Zwillinge würden sie noch mehr vermissen. Deshalb wird Sara Gambetta ganz allein versuchen, die Kugel in die Runde der letzten Zwölf zu wuchten. Dafür müsste sie beim Saisonhöhepunkt in den Bereich ihrer Bestleistung von 18,46 m stoßen.

Röhler oder Vetter? Es kann nur einen geben

Das Speerwerfen wird die Paradedisziplin des DLV. Vielmehr muss es das. Platz eins, zwei und drei (!) in der Weltjahresbestleistung, Platz zwei und drei in der ewigen Weltrangliste. Das macht Angst. Olympiasieger Thomas Röhler war kurzfristig deutscher Rekordhalter, dann folgte Johannes Vetter. Beide wollen gewinnen, beide können gewinnen, einer wird gewinnen. Zu dominant wirken sie in diesem Jahr. Röhler ist leicht favorisiert, hat er doch schon in Rio bewiesen, dass er mit Drucksituationen gut umgehen kann. Vetter giert ebenfalls nach Weite. Dritter im Bunde ist Andreas Hofmann. Wird er die beiden Überflieger unter Druck setzen können? Vielleicht sind es aber auch Vadlejch oder Pitkämäki? Och nö, wäre aus deutscher Sicht doof. Also, Gold für Deutschland.

Was kann Altmeisterin Spotakova?

Bei den Damen haben wir die Situation, dass sich in London für vorne keine anbietet. Titelverteidigerin Katharina Molitor ist mit ihrer diesjährigen Weite von 62,26 m in ihrem persönlichen Normbereich, vielleicht kann sie mit ihrer Erfahrung in den Endkampf einziehen. Christin Hussong ist weitenmäßig etwas besser platziert und wird auch alles daran setzen, in die Runde der letzten Zwölf einzuziehen. Interessant wird sein, ob Altmeisterin Barbora Spotakova noch einmal der große Wurf gelingt. 68 m müssen für den Titel her.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 05.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 03.08.17 08:00 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)