Idriss Gonschinska, Leitender Direktor Sport im DLV © picture alliance / Rainer Jensen

Deutsches Team

Norovirus hält deutsches Team in Atem

Das deutsche Leichtathletik-Team ist bei der WM in London wesentlich stärker vom Magen-Darm-Virus betroffen als bisher bekannt. Mannschaftsarzt Andrew Lichtenthal sprach bei einer Pressekonferenz am Mittwoch (09.08.17) von insgesamt 13 Fällen bei Athleten und Betreuern in den vergangenen Tagen. Zwei Sportler seien noch in einer 48-Stunden-Quarantäne, ihre Startchancen stünden 50:50.

Die Welle von Magen-Darm-Erkankungen hat das deutsche Team bei der Leichtathletik-WM hart erwischt. Betroffen seien sieben Sportler und sechs Betreuer, bei denen es "wahrscheinlich ist, dass sie das Norovirus haben", sagte Lichtenthal. Bislang habe eine Athletin auf ihren Start verzichten müssen. Zwei Sportler und ein Betreuer weisen noch Symptome wie Erbrechen oder Durchfall auf und befinden sich in Isolation. "Wir wissen nicht, ob wir beide an den Start bringen können", erklärte Lichtenthal und bezifferte die Einsatzchancen auf "50:50". Wegen der ärztlichen Schweigepflicht nannte der Arzt keine Namen.

IAAF: Rund 30 Athleten und Betreuer betroffen

Möglich wäre ein Start der beiden Athleten, weil die Wettkämpfe zeitlich später als die vom britischen Gesundheitsrecht angeordnete Quarantäne (48 Stunden) liegen. Offenbar sind alle Athleten-Hotels betroffen. Das Zentrum der Erkrankungen ist nach Angaben der Gesundheitsbehörde ausgerechnet das deutsche Quartier. Laut IAAF sind insgesamt rund 30 Athleten erkrankt. Zuletzt war Medaillen-Kandidat Isaac Makwala aus Botswana ein Start über die 400 m verwehrt worden. Der 30-Jährige durfte aber am Mittwochabend (09.08.17) in einem einsamen Rennen seinen am Montag wegen der Quarantäne-Anordnung verpassten 200-m-Vorlauf nachholen - und kam weiter.

"Eine Ausnahmesituation und keine normale WM"

"Es ist eine Ausnahmesituation, in der Krisenmanagement erforderlich ist. Es ist keine normale WM. Es bricht einem das Herz, wenn so etwas passiert", sagte DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska. Die Speerwerfer um Olympiasieger Thomas Röhler und auch die Diskuswerferinnen Nadine Müller und Julia Harting sind in anderen Hotels untergekommen, die keine Athleten-Hotels sind. Die Mehrkämpfer waren von vornherein nicht im Mannschaftshotel untergebracht, um die Wege kurz zu halten. Pech hatte Gesa Felicitas Krause, für die ein anderes offizielles WM-Hotel ausgewählt wurde, in dem es bis dahin keine Fälle gab. Nun sind allerdings auch dort Erkrankungen bekannt geworden.

Die Speerwerfer sind ins selbe Hotel wie DLV-Präsident Clemens Prokop gezogen. Deshalb ist ihm nun von den Ärzten das Betreten des Teamquartiers verboten worden. Und auch sonst gelten strende Regeln: Kontaksperren, keine grundsätzliche physiotherapeutische Behandlung mehr, kein Staffeltraining. "Ich bin froh, wenn wir überhaupt eine Staffel an den Start bringen", sagte Gonschinska: "Du musst ja auch abwägen, gehst du überhaupt noch zum Training." Die Athleten sind angewiesen worden, Krafträume nicht zu betreten, verstärkt Desinfektionsmittel zu benutzen, sich regelmäßig die Hände zu waschen, überschwängliche Umarmungen, Händeschütteln und offen liegendes Obst zu meiden. Wer gegen die Dienstanordnung verstößt, wird nach Hause geschickt.

Abklatschen "nur mit den Ellenbogen"

Rebekka Haase berichtete nach ihrem Vorlaufsieg über die 200 m im Interview mit der Sportschau: "Unser Team ist in zwei Lager aufgespalten worden. Die Neuankömmlinge müssen in ein anderes Hotel und bekommen andere Therapeuten. Wir dürfen uns nur mit den Ellenbogen abklatschen, damit wir ja nichts übergeben. Das ist schon hart, wenn man weiß, dass wirklich alle gut befreundet sind."

Die insgesamt vier Mediziner im deutschen Tross haben seit Bekanntwerden der ersten Fälle mit Erbrechen und Durchfall schnell gehandelt. "Wir müssen etwas richtig gemacht haben, weil wir keine explosionsartige Steigerung der Fälle hatten", meinte Lichtenthal. Man habe die Zahl der neuen Fälle auf zwei pro Tag beschränken können, seit Dienstagabend sei kein neuer Fall hinzugekommen. Die WM-Macher und die britischen Behörden arbeiten nach einem Krisentreffen mit dem Weltverband IAAF mit Hochdruck an einer Lösung des Problems, "um die Kontrolle über die Infektionen zu bekommen und die Ausbreitung der Krankheit einzugrenzen", teilte die Gesundheitsbehörde PHE mit. "Wir können im Prinzip glücklich sein, wenn wir nur noch ein bis zwei Infektionen am Tag haben bis zum Schluss. Wir sind ja nicht in einem Vakuum", so Lichtenthal.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 09.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 09.08.17 19:58 Uhr