Die Speerwerfer Thomas Röhler (l.), Andreas Hofmann (M.) und Johannes Vetter © picture alliance Foto: Gladys Chai von der Laage

Speerwurf

Röhler, Vetter, Hofmann - oder alle drei?

von Bettina Lenner, sportschau.de

Die deutsche Medaillenausbeute in London fällt bislang mit einmal Silber im Siebenkampf bescheiden aus. Doch sein größtes Trumpf-Ass hat der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) noch im Ärmel: Mit der heutigen Qualifikation (ab 21.15 Uhr im Livestream bei sportschau.de) greifen die Speerwerfer mit Olympiasieger Thomas Röhler und dem deutschen Rekordhalter Johannes Vetter ins WM-Geschehen ein.

Das Speerwurf-Finale am Samstag (12.08.17, ab 21.15 Uhr im Livestream bei sportschau.de) wird einer der spannendsten Wettkämpfe der Weltmeisterschaften - und das nicht nur aus deutscher Sicht. Die DLV-Speerwerfer beherrschen in dieser Saison das internationale Parkett auf allerhöchstem Niveau und dürften sich eine packende Weitenjagd liefern. Thomas Röhler (93,90 m) und Johannes Vetter (94,44), die nacheinander den deutschen Rekord verbesserten, sowie Andreas Hofmann (88,79) belegen die ersten drei Plätze der Weltrangliste. In keiner anderen Disziplin sind die deutschen Athleten derart dominant, stehen die Medaillenchancen so gut.

Für Röhler spricht die Konstanz, ...

Röhler oder Vetter, das ist wohl die Frage, wenn es um den Titel geht. Der im Vergleich zu seinen beiden deutschen Mitstreitern eher schmale Röhler besitzt die größere Konstanz, fünf der zehn weltbesten Würfe in dieser Saison gehen auf sein Konto. Vetter jedoch verbuchte den weitesten Wurf - und hat Röhler in diesem Jahr schon mehrfach geschlagen. So auch bei der DM in Erfurt, wo der Olympia-Vierte mit dem Arm wie Obelix Röhlers seit 2012 andauernde Meisterschafts-Siegesserie stoppte.

... für Vetter der weiteste Wurf

Die Speerwerfer Thomas Röhler (l.) und Johannes Vetter © picture alliance / Sven Simon Foto: Anke Waelischmiller

Thomas Röhler (l.) und Johannes Vetter beherrschen derzeit die Konkurrenz.

Dennoch schiebt er seinem Kumpel die Favoritenrolle zu: "Für mich ist immer noch Thomas der Kandidat auf Gold, weil er einen enormen Erfahrungsschatz hat, weil er sich seit Jahren auf so einem hohen Niveau bewegt. Bei mir muss sich alles noch einspielen und stabilisieren", sagte der zweitbeste Speerwerfer der Leichtathletik-Geschichte, der in diesem Jahr die 90-m-Marke geknackt hat. Röhler, Nummer drei in der ewigen Weltrangliste, wiegelt ab: "Ich sehe mich in einer guten Ausgangsposition. Andererseits führt Johannes die Weltjahresbestenliste an mit dem weiten Wurf. Ob einem das am Ende in London hilft, weiß keiner. Es ist ein Wettkampf Mann-gegen-Mann und da kann auch der Sechste der Liste plötzlich gewinnen."

Guter Teamspirit ein Plus

Das scheint in Anbetracht der Dominanz der deutschen Speerwerfer, die wegen des grassierenden Magen-Darm-Virus' vorsorglich nicht in einem offiziellen Athleten-Hotel untergebracht wurden, allerdings kaum wahrscheinlich. Zumal sich das spürbar freundschaftliche Verhältnis des bärenstarken Trios während des Wettkampfes auszahlen könnte. "Wir haben gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil: Wir haben im Finale bestenfalls zwei weitere, die ein bisschen unterstützen können und auch Sicherheit geben", sagt Röhler. "Wir haben einen guten Teamspirit. Wir motivieren uns untereinander im Wettkampf und versuchen uns zu pushen", ergänzt Vetter.

Gemeinsam stark

Gemeinsam stark - das Erfolgsgeheimnis im deutschen Speerwurf. Die Athleten werden zwar von unterschiedlichen Heimtrainern betreut, doch alle profitieren von den Erkenntnissen der anderen. "Trainer und Athleten sind in einem mehrjährigen Prozess zusammengerückt. Es werden Trainingspläne, Geheimnisse und Tipps ausgetauscht. Wir machen alles im Team, wir entscheiden im Team und die Jungs helfen sich gegenseitig. Das ist der Grund, weshalb es so nach vorne gegangen ist", schildert Boris Obergföll (ehemals Henry), seit 2008 Bundestrainer. Der ehemalige Weltklasse-Speerwerfer und zweimalige WM-Bronzemedaillengewinner (1995 und 2003) kann derzeit aus dem Vollen schöpfen. Gleich sechs Athleten hatten bei nur drei zu vergebenden Plätzen die Norm für London geschafft. "Ich könnte jetzt mit vollgeladenem Magazin schießen. Die ziehen alles hinterher und das ist top. Das ist wie ein Sogeffekt", erklärt der 43-Jährige.

Der Traum von drei Medaillen

Christina und Boris Obergföll in Peking. © imago/Sven Simon

Seit 2008 Bundestrainer: Boris Obergföll, im Bild mit Ehefrau Christina Obergföll, 2013 Speer-Weltmeisterin in Moskau.

Träumt der Bundestrainer von drei WM-Medaillen? "Klar, man könnte denken, die drei Besten in der Welt machen jetzt auch drei Medaillen. Das wäre natürlich auch ein Wunsch von mir. Aber davon kann man sich gleich verabschieden", sagt Obergföll. Röhler dagegen lehnt sich weiter aus dem Fenster: "Wir haben auch vor jedem anderen Respekt, die wollen alle Gold holen. Aber wir können die Liste, wie sie nun mal aktuell ist, nicht negieren. Wir sind alle drei verrückt genug im Kopf, um davon zu träumen, drei Medaillen mit nach Hause zu nehmen, aber auch Realisten genug, um das Stadion nicht unter Tränen zu verlassen, sollte das nicht passieren."

Am besten aber bleibt alles in der eigenen Speerwurf-Familie. Nur, in welcher Reihenfolge? Vetter: "Wenn ich für mich einen Superwettkampf hinlege und dann Silber oder Bronze hinter Thomas hole, dann ist das so. Dann muss ich damit leben. Ich habe es auch Thomas bei Olympia gegönnt, weil ich weiß, was für ein herausragender Athlet er ist."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Leichtathletik-WM 2017 London | 11.08.2017 | 20:15 Uhr

Stand: 10.08.17 08:45 Uhr