Mo Farah

Mo Farah - Vom Flüchtling zum Nationalhelden

Sportart: Leichtathletik
Disziplinen: 10000 m , 5000 m
Land: Großbritannien Flagge Großbritannien

Steckbrief

geb. am: 23.03.1983
in Mogadischu
Größe: 175 cm
Gewicht: 65 kg
Verein: Newham & Essex Beagles
Trainer: Alberto Salazar

Sportliche Eckdaten

Persönliche Bestleistung:
1.500 m: 3:28,81 Min. (ER/2013)
5.000 m: 12:53,11 Min. (2011)
10.000 m: 26:46,57 Min. (ER/2011)
Größte Erfolge
Olympische Spiele:
2x Gold 2016 (5.000 m, 10.000 m), 2x Gold 2012 (5.000 m, 10.000 m)

Weltmeisterschaften:
Gold & Silber 2017 (10.000 und 5.000 m)
2x Gold 2015 (10.000 m, 5.000 m)
2x Gold 2013 (5.000 m, 10.000 m)
Gold 2011 (5.000 m)
Silber 2011 (10.000 m)

Europameisterschaften:
2x Gold 2014 (5.000 m, 10.000 m)
Gold 2012 (5.000 m)
2x Gold 2010 (5.000 m, 10.000 m)
Silber 2006 (5.000 m)


Ein Stupser, ein Wackler, ein Sturz. Alles vorbei, der Traum von erneutem Gold in Rio geplatzt - so schien es. Während die 10.000-m-Konkurrenz an der Spitze das Tempo forcierte, kullerte Mohamed Farah über die Bahn. Am Ende verteidigte der Brite seinen Olympia-Titel von London doch.

Nicht einmal die Hälfte der Distanz war absolviert im Estádio Olímpico João Havelange. Vier Kilometer lang plätscherte das Olympische Finale über 10.000 m dahin. Die Konkurrenten belauerten sich. Jeder wollte Kräfte sparen, keiner die Führungsarbeit machen. Alle wußten, das Tempo musste unbedingt schneller werden. Der große Favorit würde sie sonst mit seinem Schlussspurt überrumpeln. Aber noch lag Mo Farah im Mittelfeld - und plötzlich lag er am Boden. Zu Fall gebracht von seinem Trainingspartner Galen Rupp aus den USA, der ihm in die Füße getreten war. Farah rappelte sich auf, Rupp wartete kurz, doch die Unachtsamkeit hatte 15 Sekunden gekostet. Im Schlepptau des Amerikaners schloss Farah die Lücke zur Spitze wieder und konnte sich auf die Fähigkeit verlassen, die außer ihm keiner hatte im Feld: nach 24 Runden noch eine letzte, irrwitzige Runde laufen - 400 Meter in 54 Sekunden! Eine Woche später auf der 5.000-m-Strecke ging Farah allen Rempeleien früh aus dem Weg, setzte sich in der Schlussphase des Rennens vor das Feld und lief von der Spitze weg zur zweiten Goldmedaille in Rio.

Vom somalischen Flüchtling zum britischen Nationalhelden

Wilde Wendungen mit einem Happy End kennt Mohamed Farah auch außerhalb des Sports, denn sein Lebenslauf gleicht einem Märchen. Als Farah 1993 seine Heimat Somalia verließ, war er gerade einmal zehn Jahre alt. Sein Weg führte ihn zu seinem Vater nach London, wo der in Mogadischu geborene Junge ein neues Leben begann. Eines, das das Flüchtlings-Kind "Mo" bis in den Leichtathletik-Olymp führte. 19 Jahre nach seiner Flucht aus Afrika wurde Farah zum britischen Nationalhelden, als er bei den Olympischen Spielen 2012 in London Gold über 5.000 und 10.000 m gewann - und den doppelten Triumpf vier Jahre später in Rio de Janeiro wiederholte. "Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an die Emotionen denke", sagte Farah, der damit auch einen Uralt-Rekord einstellte. Zwei Doppelsiege in Folge bei Olympia über die Bahn-Langstrecken schaffte bislang nur der Finne Lasse Viren: 1972 in München und vier Jahre später in Montreal. Mit bislang vier Goldmedaillen stieg Mo Farah zum erfolgreichsten britischen Leichtathleten der olympischen Geschichte auf.

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"Mighty Mo" macht Großbritannien stolz

Das i-Tüpfelchen auf den "Super Saturday"

Vor allem sein langgezogener Schlussspurt im olympischen Finale 2012 wird jedem Sportfan auf ewig in Erinnerung bleiben. 80.000 Zuschauer im Olympiastadion in London brüllten sich in kollektive Ekstase und "Mighty Mo" zum ersten Olympiasieg für einen Briten über die 10.000 m. Die schwache Siegerzeit von 27:30,42 Minuten interessierte in diesem Moment keinen, denn Farah hatte mit seinem Lauf in die Geschichtsbücher das i-Tüpfelchen auf den "Super Saturday" gesetzt. Innerhalb von 45 Minuten holten Siebenkämpferin Jessica Ennis, Weitspringer Greg Rutherford und er drei olympische Goldmedaillen für die Gastgeber.

Familienfeier im Olympiastadion von London

Farah konnte sein Glück kaum fassen. Er küsste die Laufbahn, bevor ihm jemand eine britische Fahne reichte und er gemeinsam mit seiner hochschwangeren Frau Tania und Tochter Rihanna für die Fotografen posierte. Seine berühmt gewordene Siegergeste mit dem aus beiden Armen über dem Kopf geformten "M" durfte natürlich auch nicht fehlen. "Ich habe so etwas noch nie erlebt", sagte Farah später völlig überwältigt, "dass Zehntausende meinen Namen rufen und dabei lauter und lauter werden. Es ist der schönste Augenblick meines Lebens. Es kann nicht mehr besser werden."

Auf Doppel-Gold folgt der Baby-Doppelpack

Mo Farah posiert mit seiner Familie im Londoner Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds. © picture alliance / AP Images Foto: Joel Ryan

Mo Farah posiert mit seiner Familie im Londoner Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds.

Es wurde noch viel besser. Eine Woche nach seinem ersten Triumph baumelte das zweite Gold an seinem Hals, nach dem Sieg über 5.000 m. Und weitere zwölf Tage später kamen seine Zwillingstöchter Aisha und Amani zur Welt. "Ich bin froh, dass meine Frau so lange gewartet hat und die Babys nicht im Stadion bekommen hat", scherzte Farah und kündigte an, die Namen der Mädchen in seine Goldmedaillen von London gravieren zu lassen. Er selber bekam von Prinz Charles einen Verdienst-Orden (Commander of the Order of the British Empire) verliehen. Ein gutes Jahr später brachte er seine Autobiografie ("Twin Ambitions") heraus.

Mit Fußball und Speerwerfen fing alles an

In der Schulzeit hatte sich "Mo" als Fußballer und Speerwerfer erste Meriten verdient. Doch sein Sportlehrer erkannte früh, dass das eigentliche Talent des schmächtigen Jungen auf der Laufbahn liegt. Der Titel des englischen Schulmeisters im Crosslauf war jahrelang auf Farah abonniert. 2006 schob er sich mit 13:09,40 Minuten in der britischen Bestenliste über 5.000 m hinter David Moorcroft (13:00,41) auf Rang zwei vor. Vier Jahre später brach er den 28 Jahre alten nationalen Rekord Moorcrofts und lief beim Diamond-League-Meeting in Zürich 12:57,94 Minuten.

Durchbruch in Barcelona

Das Gefühl, bei einem großen Wettkampf besser zu sein als die Konkurrenz, genoss Farah zum ersten Mal 2010 in Barcelona. Er wurde Doppel-Europameister über 5.000 und 10.000 m. Farah war als Favorit in die katalanische Metropole gereist und erfüllte die Erwartungen. WM-Gold über 10.000 m verpasste er im südkoreanischen Daegu nur knapp: Auf der Zielgeraden wurde Farah noch vom Äthiopier Ibrahim Jeilan überholt. Besser lief es über 5.000 m: Farah wehrte im Finish den Angriff des US-Amerikaners Bernard Lagat ab und holte seinen ersten Weltmeister-Titel. Vier Wochen vor der WM in Daegu hatte Farah seinen Rekord über 5.000 m noch einmal um gut vier Sekunden auf 12:53,11 Minuten verbessert. Über die doppelte Distanz stellte er mit seinem 26:46,57-Minuten-Lauf in Eugene (Oregon) im Juni 2011 zudem einen Europarekord auf. Er verbesserte die zwölf Jahre alte Bestmarke des Belgiers Mohammed Mourhit (26:52,30) um fast sechs Sekunden.

1.500-m-Europarekord beim "nur mal so mitlaufen"

Im WM-Jahr 2013 sorgte Farah zunächst auf den kürzeren Strecken für Furore. Als er beim Diamond-League-Meeting in Monaco nur mal so mitlaufen wollte über die ungewohnten 1.500 m, knackte er in 3:28,81 Minuten den 16 Jahre alten Europarekord des Spaniers Fermin Cacho. Bei den Titelkämpfen in Moskau gewann er dann gleich am ersten Wettkampftag Gold über 10.000 m. Der WM-Triumph über die 25 Runden fehlte dem Ausnahmeläufer noch in seiner imposanten Titelsammlung, der er über die 5.000 m im Luschniki-Stadion noch eine weitere Goldmedaille hinzufügte. Doppel-Erfolge sind für den Briten mittlerweile Normalität. Auch bei der EM in Zürich 2014 gewann er Gold über 5.000 und 10.000 m.

Doping-Anschuldigungen gegen Trainer Salazar

In dem mit Siegen gepflasterten Weg des britischen Langstreckenläufers kamen die im Juni 2015 öffentlich gewordenen Doping-Vorwürfe gegen Farahs Trainer Alberto Salazar einer großen Niederlage gleich. Der Doppel-Olympiasieger, der zwei verpasste Dopingtests im Vorfeld der Spiele von London einräumen musste, beteuerte, dass er sauber sei und ging in die Offensive. Er und sieben weitere britische Athleten legten ihre Blutwerte, die nach Angaben der "Sunday Times" aus der IAAF-Datenbank stammen, offen. Farah sei demnach vor seinen Triumphen in London von Juni 2005 bis Mai 2012 insgesamt 20 Mal getestet worden - ohne Auffälligkeiten im Blutbild. "Ich habe immer gesagt, dass ich glücklich bin, wenn ich beweisen kann, dass ich ein sauberer Athlet bin", sagte Farah, der zudem an seinem umstrittenen Trainer Salazar festhält.

Ebenfalls Doppel-Gold in Peking

Bei der WM 2015 in Peking zeigte sich der Brite unbeeindruckt von den Diskussionen um seinen Coach. Am Eröffnungstag lief er über 10.000 m souverän zu Gold. Eine Woche später schrieb er mit seinem Sieg über 5.000 m Geschichte. Als erster Athlet feierte er drei WM-Titel in Folge über diese Distanz.

2016 Weltjahresbester über 10.000 m

In 2016 knüpfte der Brite schnell an die Leistungen des Vorjahres an. Über die 10.000 m gewann Farah Ende Mai das hochkarätig besetzte Rennen beim Meeting der Diamond League in Eugene. Mit seinen 26:53,71 Minuten lief er bis auf sieben Sekunden an seine Bestleistung heran. Im Juni verbesserte Farah seine Zeit in Birmingham über die 3.000 m sogar auf 7:32,62 Minuten - und knackte damit einen weiteren britischen Rekord Moorcrofts, der seit 1982 Bestand hatte.

Nach der WM 2017 ist auf der Bahn Schluss

Auf der Bahn hat Farah alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Nach der Weltmeisterschaft in London will sich der Brite neuen, lukrativen Herausforderungen stellen: den Rennen auf der Straße. Wozu er dabei in der Lage ist? Bei der Halbmarathon-WM 2016 in Cardiff holte Farah hinter zwei Kenianern die Bronzemedaille in 59:59 Minuten. Den Europarekord über die gut 21 Kilometer hat er bereits seit September 2015 inne, mit 59:22 Minuten. Allein die Marathon-Distanz scheint für den Bahnläufer momentan noch etwas gewöhnungsbedürftig zu sein. Farahs Bestzeit von 2:08:21 Stunden reicht aktuell für einen Platz knapp unter den Top 50 der weltbesten Läufern. Dass der inzwischen 34-Jährige aber nicht zu alt ist für Topleistungen auf der Bahn zeigt seine starke Form im Frühsommer: Ende Mai lief Farah in Eugene ausgezeichnete 13:00,70 Minuten, vier Wochen später setzte er sich in London über 3.000 m in 7:35,15 durch.

Bei seinem ersten Auftritt bei der WM in London unterstrich Farah seine Ausnahmestellung. Über 10.000 m gewann er seinen sechsten Titel. Der nächste Streich über 5.000 m - und damit das dritte WM-Double in Folge - misslang aber: Er musste sich im Finale dem Äthiopier Muktar Edris geschlagen geben.

Stand: 04.08.17 23:13 Uhr