Raphael Holzdeppe © picture alliance Foto: Wang Lili

Bilanz

DLV-Team glänzt mit "Mannschaft der Zukunft"

Bettina Lenner, sportschau.de

Die deutschen Leichtathleten haben in Moskau groß aufgetrumpft. Die WM-Bilanz fällt mit viermal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze glänzend aus, die Perspektiven sind blendend. Usain Bolt krönte sich bei den 14. Welt-Titelkämpfen zum erfolgreichsten WM-Athleten aller Zeiten, die russischen Gastgeber ließen Wünsche offen.

Die 14. Weltmeisterschaften in Moskau sind Geschichte - und den deutschen Leichtathleten muss vor der Zukunft nicht bange sein. Die Spitzensportler und Hoffnungsträger des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) setzten im nacholympischen "Übergangsjahr" gleich reihenweise Glanzpunkte und trugen sich in die Geschichtsbücher ein. So wie Raphael Holzdeppe. Der 23-Jährige düpierte bei seiner imposanten Flug-Show den französischen Favoriten Renaud Lavillenie und avancierte damit zum ersten deutschen Stabhochsprung-Weltmeister. Historisches gelang auch David Storl. Das ebenfalls erst 23 Jahre junge Jahrhunderttalent wiederholte nach instabilen Leistungen im Vorfeld seinen Triumph von Daegu 2011 und holte mit einer abgebrühten Vorstellung als erster deutscher Kugelstoßer das zweite WM-Gold in Folge. "Das ist einfach ein Wettkampf-Typ", lobte Diskus-Olympiasieger Robert Harting, der selbst seine Ausnahmestellung eindrucksvoll unter Beweis stellte: Der "Arm der Vergeltung", wie es der Berliner selbst formulierte, packte trotz erheblicher Rückenschmerzen einen 69,11-Meter-Wurf aus und machte damit den WM-Hattrick perfekt - hart, härter, Harting!

Obergföll setzt emotionales i-Tüpfelchen

Christina Obergföll feiert mit ihrem Freund und Verlobten Boris Henry den WM-Titel. © dpa-bildfunk Foto: Bernd Thissen

Mehr geht nicht: Christina Obergföll feiert Hochzeit und WM-Gold.

Für den emotionalen Schlusspunkt sorgte aus deutscher Sicht Speerwerferin Christina Obergföll: Die Offenburgerin gewann nach fünfmal Silber bei großen Meisterschaften nicht nur ihr erstes großes Gold, sondern auch eine Wette: Ihr Lebensgefährte und Trainer, Ex-Speerwerfer Boris Henry, nimmt bei der im September anstehenden Heirat nun den Familiennamen der Weltmeisterin an. Auch Kugelstoßerin Christina Schwanitz, die am selben Tag wie Obergföll heiratet, tritt nicht mit leeren Händen in den Stand der Ehe: Sie bringt Silber zur Hochzeit mit. Platz zwei und damit das erste deutsche WM-Edelmetall im Zehnkampf seit 16 Jahren gab es zudem für den überragenden Michael Schrader, der nach kummervollen Jahren voller Verletzungen den Wettkampf seines Lebens bestritt und mit persönlicher Bestleistung von 8.670 Punkten Vize-Weltmeister wurde. In die Phalanx der Werfer brach außerdem Björn Otto ein. Der deutsche Rekordhalter holte bei Holzdeppes Geschichtsstunde Bronze und machte den Triumph der deutschen Stabhochspringer perfekt.

Nur wenige Enttäuschte

Enttäuschungen liegen in der Natur des Hochleistungssports, ihrer gab es wenige. Das russische Roulette traf diesmal die deutschen Hammerwerferinnen: Weder die Olympia-Dritte Betty Heidler noch Kathrin Klaas, in London immerhin Fünfte, kamen über die Qualifikation hinaus. Ein Hammer; ganz besonders im Fall von Weltrekordlerin Heidler, die eine Medaille fest eingeplant haben dürfte. Auch Zehnkämpfer Pascal Behrenbruch, der als Europameister und einziger Weltjahresbester im DLV-Team nach Moskau gereist war, blieb als Elfter weit hinter seinen Erwartungen zurück. Eine sehr gute Leistung zeigte Silke Spiegelburg, dennoch flossen bei der Leverkusener Stabhochspringerin einmal mehr Tränen: Zum fünften Mal schrammte sie bei einem internationalen Großevent an Edelmetall vorbei. Wie es ohnehin aus deutscher Sicht eine WM der knappen Entscheidungen war: Auch für Siebenkämpferin Claudia Rath, die Diskuswerfer Nadine Müller und Martin Wierig, Speerwerferin Linda Stahl sowie die Sprintstaffeln, die ebenfalls allesamt Vierte wurden, war Bronze zum Greifen nah. Weitspringer Christian Reif fehlten als Fünftem fünf Zentimeter zu Rang drei.

Prokop: "Viermal Gold ist das Sahnehäubchen"

Diskuswerfer Robert Harting jubelt. © adpa - Bildfunk Foto: Bernd Thissen

Diskus-Riese mit drittem WM-Titel in Folge: Robert Harting.

Die Bilanz des DLV fiel dennoch überaus positiv aus. "Wir fahren mehr als zufrieden nach Hause. Und viermal Gold ist das Sahnehäubchen", resümierte Verbandspräsident Clemens Prokop. Mit vier Titeln, zweimal Silber und einmal Bronze lag der DLV im Bereich der vergangenen Großereignisse. Bei der WM 2011 in Daegu hatte es ebenfalls sieben Medaillen (3-3-1) gegeben, bei Olympia 2012 in London sogar acht (1-4-3) - allerdings mit deutlich weniger ersten Plätzen. Soviel Gold gab es zuletzt bei der WM 1999. Zudem erreichten zwei Dutzend Athleten immerhin einen Platz unter den Top Zwölf, rund 80 Prozent der DLV-Starter konnten in Moskau ihre Bestform zeigen oder waren sogar besser. "Die deutschen Leichtathleten haben erneut eine hervorragende Visitenkarte ihrer Leistungsfähigkeit im Weltmaßstab abgegeben", freute sich DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen. Dabei hatten in der russischen Metropole nicht einmal alle Medaillengewinner der vergangenen Jahre zur Verfügung gestanden: Matthias de Zordo, der Speerwurf-Weltmeister von 2011, Stabhochspringerin Martina Strutz, die Siebenkämpferinnen Lilli Schwarzkopf und Jennifer Oeser sowie die Hochspringer Ariane Friedrich und Raul Spank mussten passen.

Mit Zuversicht in Richtung Rio

Dass die im Durchschnitt 25,1 Jahre junge Mannschaft so erfolgreich war - allein 15 Talente waren nominiert, die eigentlich noch im U23-Bereich auf Medaillenjagd gehen -, lässt den DLV zuversichtlich in Richtung Rio blicken. "Die Neuformierung der Nationalmannschaft ist erfolgreich eingeleitet, junge Athleten haben wichtige Erfahrungen sammeln können. Das ist eine gute Ausgangslage auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Rio 2016", bilanzierte Kurschilgen. Athleten wie der 20-jährige Homiyu Tesfaye, der als erster Deutscher seit 16 Jahren das 1.500-m-Finale bei einer WM erreichte und starker Fünfter wurde, die Weitspringerinnen Lena Malkus und Malaika Mihambo (beide 19) sowie Christoph Harting, der Bruder von Diskus-König Robert, könnten in den kommenden Jahren für Furore sorgen. "Es ist die Mannschaft der Zukunft", sagte Prokop.

Zehn WM-Medaillen: Bolt überflügelt Lewis

Jamaikas Usain Bolt schmeißt seinen Schuh ins Publikum. © picture alliance / dpa Foto: Kerim Okten

Besitzt nun zehn WM-Medaillen: Usain Bolt.

Viel vor hat auch noch Usain Bolt, der in Moskau weiter erfolgreich seinen Plan verfolgte, eine Legende zu werden. Mit dreimal Gold in der russischen Metropole stockte der Jamaikaner sein Medaillenkonto bei Weltmeisterschaften auf nunmehr achtmal Gold und zweimal Silber auf und löste mit gerade einmal 26 Jahren US-Star Carl Lewis als erfolgreichsten Leichtathleten der WM-Geschichte ab. Den großen Hype um den sechsmaligen Olympiasieger gab es bei dieser WM, die als vierte Titelkämpfe der Geschichte ohne Weltrekord blieb, indes nicht: Die russischen Fans, die allzu häufig nur spärlich die Reihen im Luschniki-Stadion füllten, ließen sich in ihrer Begeisterung vornehmlich vom Patriotismus lenken. "Für Athleten ist es eine Enttäuschung, wenn Wettkämpfe vor leeren Rängen stattfinden. Die IAAF muss klären, wie sie das zukünftig angehen will und ob das standortabhängig war. Das ist sicher keine Visitenkarte für die Leichtathletik", sagte Kurschilgen.

Issinbajewa siegt und eckt an

In den Genuss überbordender Begeisterungsstürme kam beim Gewinn ihres insgesamt dritten WM-Titels unter anderem Jelena Issinbajewa. International eckte die Stabhochsprung-Ikone aber mit ihren anschließenden Äußerungen zum russischen Anti-Homosexuellen-Gesetz an, das sie vehement verteidigte. Das ist ihr gutes Recht. Den Idealen der olympischen Bewegung entspricht das aber nicht. Issinbajewa ist ehrenhalber Botschafterin der Olympischen Jugendspiele; und Russland richtet nicht nur in einem halben Jahr die Olympischen Winterspiele in Sotschi aus, sondern in naher Zukunft auch weitere sportliche Großveranstaltungen, darunter die Fußball-WM 2018. Für den eindrucksvollsten Protest gegen das umstrittene neue Gesetz sorgten ausgerechnet zwei russische Weltmeisterinnen: Bei der Siegerehrung für die 4x400-m-Staffel küssten sich Tatjana Firowa und Xenija Ryschowa provokativ auf den Mund. Die WM in Moskau ist Geschichte - aber die Diskussionen um Russland als Austragungsort großer Sportveranstaltungen werden noch lange anhalten.

Stand: 19.08.13 08:55 Uhr