Christina Obergföll und Sohn Marlon im Oktober 2014. © picture alliance / dpa Foto: Uwe Anspach

Busemanns WM-Kolumne

Aufhören, wenn's am schönsten ist

von Frank Busemann

Kaum aus der Babypause zurück, kündigt Speerwerferin Christina Obergföll ihr Karriereende für das Jahr 2016 an. ARD-Leichtathletik-Experte Frank Busemann hofft auf einen sportlich schönen Abgang der erfolgreichen Sportlerin bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro.

Potz Blitz! Sie macht Schluss. Nicht mit dem Boris, sondern mit dem Speer. Gar nicht so einfach, ist sie doch schon länger mit dem langen Dünnen als mit dem großen Starken zusammen. Doch dann kommt da ein kleiner Knubbeliger, Marlon heißt er, und ist das Ergebnis einer Speerwurfliebe. Plötzlich ist es gar nicht mehr so einfach zu trainieren, wann es passt. Plötzlich fliegen im Winter irgendwelche Bazillen durch die Luft, die nur kleine Furzknoten einschleppen. Plötzlich bekommt das Leben einen ganz anderen Inhalt, als Speere wegzuwerfen. Und irgendwann ist die Zeit auch einfach reif, mal die Zukunft anzugehen.

Da muss man den Hut ziehen

Steffi Nerius verkündete vor der WM 2009 ihren Rücktritt und wurde plötzlich Weltmeisterin. Und dann? Trat sie wirklich zurück! Unter wirtschaftlichen Aspekten muss angemerkt werden, dass das komplett verrückt war, unter menschlichen Gesichtspunkten muss man den Hut ziehen.

Entspannt und ruhig im Hier und Jetzt

Was wird mit Christina Obergföll passieren, wenn in Rio plötzlich noch mal der ganz große Wurf klappt? In Peking wird sie nicht Gefahr laufen, eine Entscheidung treffen zu müssen. So kurz nach der Geburt ihres Sohnes ist die WM auch nur eine Durchgangsstation. Außerdem hat sie noch nicht die Form der vergangenen Jahre. Hatte sie vor zehn Jahren eine Streuweite von zehn Metern, hat sie nun fünf Meter - Kinder haben eine Chaoskomponente, die ist im Sport aber kontraproduktiv -, sodass eine Medaille eher überraschend käme. Kinder beruhigen aber auch. Ruhig war sie schon in Moskau bei ihrem Titelgewinn - und zwar in äußerst ausgeprägter Form. Als ich sie fragte, ob sie dann im Abwurf schön "draufhaue", verbesserte sie meine Unwissenheit mit einer grazilen Erklärung. Das Ergebnis dieser entspannten Wandlung war die Goldmedaille.

Sport als schönste Nebensache der Welt

Und nun ist sie im Leben angekommen. Windeln wechseln, Wäsche waschen, Essen kochen, Kinderärzte besuchen, spielen, krabbeln, toben, lachen, klatschen, weinen ... Da bleibt kaum Platz mehr für den Speer, aber bringt einen auf ganz andere Ideen. Auf einmal wird Sport die schönste Nebensache der Welt, Olympische Spiele kommen gerade noch recht und der Speer, der fliiiiegt vielleicht ganz weit. Und dann ist es Zeit zu gehen, denn schöner wird es nicht mehr.

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 29.08.2015, 10.50 Uhr

Stand: 26.08.15 16:36 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 P.)
WM-Bronze 1997 (8.652 P.)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)