Zehnkämpfer Rico Freimuth gewinnt Bronze. © dpa bildfunk Foto: Michael Kappeler

Busemanns WM-Kolumne

Dialog unter Zehnkämpfern: "Bist du irre?"

von Frank Busemann

ARD-Leichtathletik-Experte Frank Busemann huldigt in seiner letzten WM-Kolumne aus Peking natürlich einem Zehnkämpfer: Rico Freimuth, der ein Loch in der Raumzeit fand und Bronze rettete.

Da standen sie nun, die Recken der Vielseitigkeit, schweißgebadet, ausgepumpt und fertig. Freimuth, Schrader, Kazmirek. Alle drei im Ziel. Eigentlich ein Wunder, hat dieser Schrader doch nur vier vernünftige Zehnkämpfe in sechs Jahren ins Ziel gebracht. Trotzdem war er nominell der stärkste der drei. Vizeweltmeister, Wettkampftyp, nervenstark. Doch dann kam dieser Freimuth, "was den Leuten einfalle, ihn einfach zu vergessen. Er könne auch 'ne Medaille holen!"

Schrader läuft sich mit Spaß in den Ruin

Hey, zehn Disziplinen und jedes Mal etwa zehn Momente, in denen du einen Fehler machen kannst. Das ist hundert Mal Gefahr. Für eine Medaille brauchst du 200 Punkte Puffer, um den Erfolg nach Hause zu bringen. Das ließ er nicht auf sich sitzen. Erfahrung habe er mittlerweile genug. Okay, aber auch diesen Killerinstinkt? Schrader liebt die Qual. Der ist so durchgedreht, dass er sich komplett in den Ruin läuft und Spaß dabei hat. Kazmirek, der stellt sich an den Anlauf, knipst sein Hirn auf Wettkampfmodus und macht einfach. Rico hingegen, der muss gut reinkommen. Er muss den Flow spüren, er muss es laufen lassen. Gar nicht so einfach.

8.380 bis 8.385 Punkte waren sein Zielkorridor. Meistens. Aber dann kam dieser Wettkampf. Er hat sich nie beirren lassen. Lass die anderen reden, ich kann das, war seine Maxime. Und in Peking hat er es gemacht. Die beiden anderen waren meist so "lala", die 400 Meter waren gut und die anderen Disziplinen dann wieder so "okay". Michael hat sich dann im Stabhochsprung zerschossen. 150 Punkte die plötzlich weg waren. Rico war da. Immer. Jederzeit. Immer gut. Immer am oberen Level.

Mann oder Memme

Und dann kam dieser abschließende Lauf, bei dem sich entscheidet: Bist du ein Mann oder eine Memme?! Er läuft los und kämpft. Attacke! SUPER-Typ. Bei gefühlt 1.100 Meter schwinden die Kräfte. Er wird langsamer. Sehr langsam. Doch dann ... Dazu später mehr.

Im Ziel trug sich folgender Dialog zu:

Ich: "Lass dich umarmen, du alter Kämpfer."

Er: "Na, da hast du geschwitzt, oder?"

Ich: "Bist du irre, ich habe mir fast in die Hose ge..."

Er: "Warum?"

Ich: "Ich habe gedacht, du stehst. Bei 1.200 dachte ich, du läufst rückwärts."

Er: "Hey!"

(Schrader und Kazmirek: Prust, kicher, lach ...)

Ich: "Ich hatte schon an nix mehr geglaubt und dann warst du da! Du musst ein Loch in der Raumzeit gefunden haben! Plötzlich warst du da. Es war unglaublich! So einen Endspurt habe ich noch nicht gesehen."

Versöhnung, Ende, Aus.

Ein Aufbäumen wie im Todeskampf

Und dann versuchte ich, mich in seine Lage zu versetzen. Er ist ein Sprintertyp, er ist angelaufen und wollte kämpfen, und dann zog ihm der kleine "Laktatimus" den Stöpsel. Als wenn er auf der Felge lief. Kein Vortrieb mehr. Panik bei mir. Bei ihm vielleicht auch. Spaß macht das nicht, wenn man läuft und keine Strecke überwindet. Ich fing an zu lamentieren. Da macht er das Ding seines Lebens, und dann greift ihm der Russe kurz vorher die Medaille weg. Und als ich so jammere, sehe ich ein Aufbäumen, wie es im Todeskampf zu erwarten ist. Kurz vor dem Exitus, wenn nichts mehr geht und der Kampf verloren scheint, und man sich nicht hingeben will, dann gibt es diese Reserven, die autonom sind und nur auf der Flucht vor dem Tiger zu mobilisieren sind.

Rico, du hast es geschafft, du hast gekämpft, wow! Welch ein Happy End! Herzlichen Glückwunsch Rico! Herzlichen Glückwunsch an Michael und Kai, dass auch sie kämpfen. Immer! Hat Spaß gemacht, Jungs! Aber ich habe echt geschwitzt ...

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 29.08.2015, 10.50 Uhr

Stand: 29.08.15 17:49 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 P.)
WM-Bronze 1997 (8.652 P.)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)