Christina Schwanitz jubelt über Gold bei der Leichtathletik-WM 2015 in Peking © dpa - Bildfunk Foto: Diego Azubel

Busemanns WM-Kolumne

Die Lust und Last der Favoritin

von Frank Busemann

ARD-Leichtathletik-Experte Frank Busemann hat Christina Schwanitz bei ihrem Kugelstoß-Gold verfolgt. Ein solcher Favoritensieg sei viel schwerer zu erreichen als ein Überraschungscoup, meint er. Titel mit Ansage einfahren, das können nur die Guten!

Oh, welche holde Leichtfüßigkeit ich da sah, als zwölf Kugelstoßerinnen dem internationalen Fernsehpublikum vorgestellt wurden. Die Choreografie, die wir am Anfang sahen, war schwanenseegleich. So mussten sich die Athletinnen doch links und rechts der Sektorgrenze aufstellen und bei Aufruf auf die Kamera zulaufen. Hach, was war das schön. Christina Schwanitz machte es mit, ein Winker, ein Küsschen und dann der kleine Finger. Ein kleiner Finger? Sie war die Favoritin. Ein ganzer Finger hätte nicht gereicht. Ein Fingerzeig geht anders, aber sie wollte ja nicht angeben. Sie wusste was sie drauf hat. Leistung musste sprechen.

Schluss-Gong für die Titelambitionen?

Dann kam in der ersten Runde schon ein Gong. Aus China. Lijiao mit Vorname. Einzig ernst zu nehmende Gegnerin für die deutsche Favoritin. Und die Lokalmatadorin machte Ernst. Ich erschrak, die explodierte wie ein Vulkan, frenetisch angefeuert von ihren Landsleuten. Hey, so hatten wir das aber nicht geplant. Hörte man im Vorfeld im Kreise leichtathletikaffiner Menschen, dann gab es für Deutschland im Kugelstoßen der Frauen nur eine mögliche Medaillenfarbe: Gold! Nicht Silber oder Bronze oder so. Nein, Gold. Eine schwere Last für Schwanitz. Aber bei Erreichen auch eine enorme Lust. Doch dafür stand ihr Gong im Weg.

Schwanitz zeigt weltmeisterliche Wettkampfklasse

Sie versuchte zu kontern und urplötzlich zweifelte ich am Titel. Immer wieder fummelte sie an ihrem Handgelenk rum. Schmerzen stoßen keine Kugel weit. Wut, vielleicht, Kraft besonders, dazu noch Technik. Aber kein Rumgezwurbel mit dem Handgelenk. Immer wieder Gong und die versuchte Aufholjagd. Doch dann zeigte sich Schwanitz' Wettkampfklasse. Bei jedem Stoß drehte sie mehr auf und hatte zum guten Schluss das bessere Ende für sich. Weltmeisterlich. Ihr ist ein Stein vom Herzen gefallen, und der war nicht nur vier Kilogramm sondern zentnerschwer. Sie riss die Arme nach oben und freute sich. Was sagt der geneigte Leichtathletik-Fachmann? War ja klar. Logische Schlussfolgerung, die war die klare Favoritin. Aber so einfach ist das nicht.

Titel mit Ansage können nur die Guten

Ist ein geplanter Titel weniger wert oder weniger schön? Nein, der ist noch viel mehr wert. Ein nicht geplanter Titel, ein Überraschungscoup, das ist ein Ausrutscher. Aber ein Titel mit Ansage, den können nur die Guten!

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 29.08.2015, 10.50 Uhr

Stand: 22.08.15 17:17 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 P.)
WM-Bronze 1997 (8.652 P.)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)