ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt © NDR/Bettina Lenner Foto: Bettina Lenner

Interview

Seppelt: "Coe muss jetzt ein Zeichen setzen"

Mit seinen Filmen "Geheimsache Doping" hat Hajo Seppelt weltweit für Aufsehen gesorgt. Sportschau.de hat bei der Leichtathletik-WM in Peking mit dem ARD-Doping-Experten gesprochen.

Herr Seppelt, die WM in Peking hat gerade begonnen. Wie ist es in Ihren Augen um die Leichtathletik bestellt?

Hajo Seppelt: Aus meiner Sicht ist der Zustand der Leichtathletik bedenklich. Ich glaube zwar schon, dass die IAAF organisatorisch besser als manch anderer Weltverband aufgestellt ist, etwa der Schwimmer. Letztlich lässt sich aber anhand der nüchternen Belege, die durch Experten analysiert worden sind, klar erkennen, dass die Leichtathletik ein massives Problem mit mutmaßlichem Sportbetrug in großem Stil hat, das mindestens so beängstigend ist wie das des Radsports vor einigen Jahren. Und gegen das die IAAF eben nicht viel auszurichten wusste, warum auch immer. Wenn die IAAF auf Medienberichte dann so reagiert, dass sie von einer Kriegserklärung an den Sport spricht, spricht das Bände.

Sie sagen, die IAAF tut nicht nichts, aber auch nicht genug. Die Liste aus der Blutdatenbank der IAAF, die Sie von Experten haben analysieren lassen, reicht allerdings zwar für einen Anfangsverdacht, nicht aber als Beweis…

Seppelt: Sie reicht für einen massiven Anfangsverdacht. Sie hätten beispielsweise in stärkerem Maße gezielte Dopingkontrollen mittels eines Urintests nach einem Anfangsverdacht machen können. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sie zu wenig gemacht haben. Ab 2009 hätte man auch Athleten aufgrund der indirekten Werte sperren können. Das passierte auch durchaus und sie haben in der Tat nicht nichts gemacht. Aber in einem Land wie Kenia, der Läufernation Nummer eins, haben wir Unglaubliches festgestellt: etwa bei Rita Jeptoo, einer der besten Marathonläuferinnen des letzten Jahrzehnts, fanden zumindest laut dieser Datenbank zuletzt 2006 Blutkontrollen statt. Das kann ich nicht begreifen. Dass es sich gelohnt hätte, sieht man daran, dass Jeptoo 2014 bei einem Urintest des Epo-Dopings überführt wurde.

Warum tut sich der Weltverband beim Handling des Doping-Problems so schwer?

Seppelt: Ich sage nicht, dass sie es nicht wollen. Das kann ich mir zwar in dem einen oder anderen Fall auch vorstellen. Aber vornehmlich sind das Verwaltungsprobleme. Der unbedingte Wille, dass jemand überführt wird, geht nach meinem Eindruck unter in einem Verwaltungsapparat, in dem alles sehr formalistisch zugeht. Man kommt der Fülle der Verdachtsmomente einfach nicht hinterher. So entstehen Lücken im Anti-Doping-Kampf. Dazu kommen finanzielle Grenzen und logistische Probleme. Aber manchmal ist es nicht nachvollziehbar. Zu erzählen etwa, dass sie in Kenia keine Blutkontrollen machen, weil es nicht gelinge, innerhalb von 36 Stunden das Blut in einem Labor in Europa analysieren zu lassen, halte ich für Unsinn. Wenn ich in zehn Stunden von Europa nach Kenia fliegen kann, warum soll ein IAAF-Kontrolleur das nicht können? Auch in Südafrika gibt es ein WADA-akkreditiertes Labor. Dahin wäre der Weg noch kürzer.

Den Begriff "Kriegserklärung" hat im Zusammenhang mit Ihrer Berichterstattung Sebastian Coe geäußert, der gerade zum neuen IAAF-Präsidenten gewählt worden ist. Welche Erwartungen haben Sie an ihn?

Seppelt: Wenn man all die Worte und Taten der vergangenen Wochen Revue passieren lässt, muss man schon den Eindruck bekommen, dass er ein Funktionär der alten Schule ist. Der große Hoffnungsträger muss nun beweisen, dass das, was er monatelang aus wahlkampfstrategischen Gründen heruntergespult hat, endlich Substanz bekommt. Er muss jetzt ein Zeichen setzen, und zwar schnell. Das ist aus meiner Sicht seine Hauptaufgabe. Sonst bleibt der Eindruck haften, dass er das Thema negiert oder zu wenig dagegen tut. Man wird sehen, ob die angekündigten Schritte, wie zum Beispiel die unabhängige Anti-Doping-Organisation, auch realisiert werden.

Wäre solch eine unabhängige Anti-Doping-Organisation denn eine Lösung?

Seppelt: Jedenfalls die weit bessere Lösung, als Dopingkontrollen in einem Verband zu belassen, denn der ist im klassischen Interessenkonflikt: auf der einen Seite den Sport zu promoten, Erfolge, Weltrekorde, Medaillen, Titel attraktiv zu verkaufen und auf der anderen Seite Doping zu bekämpfen. Das hat der Radsportverband UCI beispielsweise jetzt schon gemacht mit der Cycling Anti-Doping Foundation (CADF), die nur in Teilen von der UCI unterhalten wird und sich auch aus anderen Töpfen wie Profiteams finanziert. Das wäre vielleicht auch ein Modell für die Leichtathletik. Allerdings muss man darauf achten, dass nicht wieder neue Interessen von nationalen Verbänden oder Geldgebern Abhängigkeiten schaffen.

Es bleibt jedoch das Problem, dass nicht in allen Ländern dieselben Strukturen und Mittel zur Verfügung stehen…

Seppelt: Das Problem wird sich nicht so schnell lösen lassen, weil die IAAF nicht die Möglichkeit hat, in jedem Land der Welt nach dem Rechten zu schauen. Das geht in der Tat einfach logistisch nicht. Deswegen wäre auch hier eine Stärkung der Welt-Anti-Doping-Agentur nötig. Von der schärfsten Waffe, nämlich Länder wie Russland, die ein offensichtliches Doping-Problem nicht richtig lösen, von Wettkämpfen auszuschließen, müsste viel häufiger Gebrauch gemacht werden. Das gäbe das Regelwerk her, die "Anteilseigner" der WADA, also ihre Finanziers, die Sportverbände und die Politik, könnten das durchsetzen. Aber da fangen die Interessenkonflikte wieder an. Stellen Sie sich vor: Ein Großsponsor der IAAF ist eine russische Staatsbank. Und dann soll die IAAF Russland wegen der massiven Dopingprobleme ausschließen?

Sie haben ja zu Russland besonders intensiv recherchiert, Dopingpraktiken mithilfe von Aufnahmen mit der versteckten Kamera und geheimen Audiomitschnitten von Whistleblowerrn dokumentieren können. Die WADA hatte eine Untersuchungskommission eingerichtet. Aber man hört nichts von Ergebnissen…

Seppelt: Der Eindruck trügt. Die Kommission hat mehrere Monate intensiv gearbeitet. Kurz vor der WM sind die russischen Verantwortlichen seitens der IAAF über die ersten Ergebnisse der Kommissionsarbeit informiert worden. Gegen acht Personen aus der russischen Leichtathletik könnten demnach mehrjährige bis lebenslängliche Sperren ausgesprochen werden. Das ist schon in den nächsten Tagen denkbar. Also, die Kommission tut mehr als manche glauben. Aber sie ist sehr zurückhaltend in der Kommunikation. Es wäre vielleicht besser gewesen, mal einen Zwischenstand zu vermelden. Dass die interessierte Öffentlichkeit irgendwann auch mal Konsequenzen erwartet, ist nachvollziehbar. Zumal die Beweislast im Fall Russland erdrückend ist.

Doping ist im Sport seit jeher ein Problem. Ist es überhaupt beherrschbar?

Seppelt: Nein, ist es nicht. Man wird auch nie eine Gesellschaft ohne Diebstahl haben. Die Frage ist nur: Sind die Gesetzeshüter daran interessiert, dieses Problem in den Griff zu kriegen, oder sind sie selbst ein Teil des Problems?

Wie gut greifen Ihrer Meinung nach die Kontrollen in Deutschland?

Seppelt: Es gibt keine lückenlosen Dopingkontrollen. Es gibt nur bessere und schlechtere. Aber ich würde schon sagen, dass es in Deutschland besser läuft als woanders.

In einem YouTube-Video fordern Robert Harting, Julia Fischer und andere deutsche Athleten einen Sport frei von Doping und kritisieren die IAAF. Viele Athleten befürchten aber auch, unter Generalverdacht zu geraten. Eine berechtigte Sorge?

Seppelt: Diese pauschalen Urteile setzen ja nicht wir in die Welt. Aber Leistungssteigerungen binnen kurzer Zeit stehen unter Verdacht, weil sie manchmal trainingswissenschaftlich kaum erklärbar sind. Leider hat die Vergangenheit gezeigt, dass er in vielen Fällen auch begründet war. Insofern müssen Athleten bedauerlicherweise damit leben, dass beim normalen Zuschauer dieser Eindruck entsteht. Saubere Athletinnen und Athleten können sich quasi bei ihren Kollegen, Offiziellen und Ärzten bedanken, die das Dopingsystem am Leben und das Image dieser Sportart so ruiniert haben.

Das Interview führte Bettina Lenner in Peking

Dieses Thema im Programm:

Sportschau live, 29.08.2015, 10.50 Uhr

Stand: 23.08.15 15:09 Uhr